Fünf Jahre Corona auf Mallorca
"Davon will ich mal meinen Enkeln erzählen": der Krisenmanager im Krankenhaus
Xavier Mesquida (54) ist Facharzt für Mikrobiologie am Krankenhaus Manacor, Leiter der Labors und Vorsitzender des Komitees für Infektionskrankheiten im Hospital Manacor. Während der Pandemie fungierte er dort zudem als Corona-Krisenmanager. Eine Zeit, die ihn für immer geprägt hat. Teil 1 der MZ-Serie zum fünfjährigen Jahrestag des ersten Corona-Falls auf Mallorca

Xavier Mesquida, Facharzt für Mikrobiologie, an seinem Arbeitsplatz im Krankenhaus von Manacor auf Mallorca / Redaktion DM
Am Freitag (7.2.) ist es auf den Tag fünf Jahre her, dass auf Mallorca der erste Covid-19-Infizierte registriert wurde: der britische Mallorca-Resident hatte sich auf Reisen bei einem Landsmann, der zuvor in Asien war, angesteckt. Es war der Beginn einer Pandemie, die auch die Insel in Atem hielt: Lockdown, überlastete Krankenhäuser, Zusammenbruch des Tourismus, verzweifelte Unternehmer, wütende deutsche Zweithausbesitzer und nicht zuletzt umstrittene Corona-Leugner. Die Gefahr ging erst ab Ende 2022 zurück, als sich die weniger aggressive Virus-Variante Omikron verbreitete. Sophie Mono hat verschiedene Menschen gebeten, diese Zeit noch einmal Revue passieren zu lassen – und zu überlegen, welche Lehren sie persönlich und beruflich aus den Pandemie-Erfahrungen auf Mallorca ziehen. Teil 1: Xavier Mesquida (54), Facharzt für Mikrobiologie am Krankenhaus Manacor.
Vom Unterschätzen zum Lockdown
Es fällt mir etwas schwer, mich an jene Zeit zu erinnern. Sie hat sich in mein Gehirn eingebrannt, es war sehr intensiv, und manchmal, wenn eine Erinnerung hochkommt, bekomme ich heute noch eine Gänsehaut, weil ich das wirklich erlebt habe. Ich erinnere mich, dass auch ich selbst mehrere Phasen durchlebt habe.
Als man von den ersten Fällen in Wuhan hörte, war ich noch sehr ruhig, dachte, es werde sicher nicht schlimmer als eine Grippe sein. Wir unterschätzen das Virus, und auch unsere globale Welt, in der die Wege so kurz geworden sind. Das kann uns jetzt nicht mehr passieren, wir wissen jetzt, wie schwer der Kampf gegen die Verbreitung von Mikroorganismen ist. Aber damals war es fast eine Art leugnen. Ich erinnere mich an ein Treffen mit Freunden, bei dem ich alle beruhigte. Ich wollte es wohl nicht sehen. Und erst recht nicht, dass es auch uns so stark betreffen wird. Erst als die ersten Fälle in Italien gemeldet wurden, war mir klar: Da hängen wir auch mit drin, es wird uns treffen. Aber mit welcher Wucht, lag außerhalb meiner Vorstellungskraft. Dass es so krass wird, das hätte ich niemals gedacht.
Dann kam der Lockdown und da wurde uns Profis klar, dass es sich um etwas sehr Großes handelt. Im Krankenhaus Manacor hatten wir den Vorteil, dass wir das letzte Krankenhaus der Insel waren, in das Covid-Patienten eingeliefert wurden. Entsprechend hatten wir ein paar Wochen mehr Zeit als die Kollegen in anderen Krankenhäusern, um uns vorzubereiten. Protokolle anzugleichen, entsprechende Technik zu beschaffen, Engpässen vorzubeugen - zumindest ein wenig. Das half etwas.
Keine Atempause
Dann ging es bei uns los und von da an war jeder Tag auf schreckliche Weise gleich. Ich verließ um 8 Uhr das Haus, kam um 20 Uhr zurück, war ständig erreichbar. Das ging bis 2022 so, und es hatte extreme Auswirkungen auf mich - dabei hatte ich nicht selbst engen Kontakt mit den Schwerkranken. Es war die riesige Verantwortung und das Gefühl, durchhalten zu müssen. Die erste Welle brachte uns viele Patienten, dann kam der Sommer und wir atmeten auf, dachten, nun hätten wir etwas Ruhe. Dann kam die zweite Welle mitten im August, damit hatten wir nicht gerechnet. Diesmal wurden auch zahlreiche Menschen in Seniorenheimen in Manacor angesteckt, die dann bei uns landeten. 2020 war ein ganz schlimmer Sommer.
Für mich war es ein markanter Punkt, als herauskam, dass sich das Virus durch Aerosole überträgt, die eben nicht nur beim Niesen ausgestoßen werden, wie bei der Grippe, sondern auch beim Reden. Und dass man sich auch anstecken kann, wenn man mit einem Infizierten in einem geschlossenen Raum ist, obwohl man den Sicherheitsabstand von 1,5 Metern einhält. Das hat mich geschockt.
Chronologie der Corona-Pandemie auf Mallorca
7. Februar 2020: Die balearische Gesundheitsbehörde vermeldet den erst zweiten in Spanien registrierten Corona-Fall.
11. März 2020: Die Weltgesundheitsorganisation ruft die weltweite Pandemie aus.
12. März 2020: Auf den Balearen wird das erste Corona-Todesopfer verzeichnet, ein 59-jähriger Mann.
14. März 2020: In Spanien ruft Premier Sánchez den Alarmzustand aus. Zudem wird ein zwölfwöchiger Lockdown mit Ausgangssperre (confinamiento) auferlegt. Später wird dieser für verfassungswidrig erklärt.
2. Mai 2020: Der strenge Lockdown endet, Spaziergänge sind möglich.
15.Juni 2020: Die ersten Gäste des Tui-Pilotprojekts zur Öffnung des Tourismus kommen an.
21. Juni 2020: Nach sechs Verlängerungen endet der Alarmzustand in Spanien offiziell.
15.Juli 2020: Partymeilen müssen wieder schließen.
25. Oktober 2020: Der zweite Alarmzustand wird verhängt.
5. Mai 2023: Die WHO erklärt den Pandemie-Notstand für beendet.
Unterschied zwischen Realität im Krankenhaus und draußen
Ebenfalls schlimm war die Erkenntnis, dass man selbst schon zwei Tage, bevor man irgendwelche Symptome hat, andere anstecken kann. Und dass deshalb alle eine Maske brauchen. So etwas den Leuten verständlich zu machen war sehr, sehr schwierig. Überhaupt wurde es immer mehr zur Herausforderung, den Krankenhausbetrieb aufrechtzuerhalten. Man stelle sich vor, von ursprünglich sechs Intensivbetten mussten wir auf 19 aufstocken. Wir haben gelernt, flexibler, schneller, agiler zu werden - uns blieb ja nichts anderes übrig. Ich wurde zum Krisenmanager ernannt. Natürlich war das auch schön, man fühlt sich stolz, zu merken, dass man es schafft, dem Chaos irgendwie Herr zu werden.
Doch je länger sich die Pandemie hinzog, desto mehr wurde der Unterschied zwischen er Realität im Krankenhaus und der Realität draußen deutlich. Ich erinnere mich, dass meine Partnerin mich im Sommer 2021 zwang, endlich Urlaub zu nehmen. Der Sommer war wieder ein Horror, weil wir so viele Patienten hatten, dass wir kaum wussten, wohin mit ihnen. Und ich erinnere mich, dass ich dann am Strand die Leute eng aneinander gequetscht gesehen habe, während bei meinen Kollegen die Hölle los war. Das war hart.
"Frei sein bedeutet nicht in jeder Situation, ein Bierchen trinken gehen zu können"
Auch deshalb war die Nach-Pandemie-Zeit für mich wohl in vielerlei Hinsicht die schwerste. Es gab schon Impfungen, aber gleichzeitig wuchs die Polarisierung der Gesellschaft. Gegen diese Fakenews und populistischen Lügen im Internet anzukämpfen war für mich persönlich das schlimmste an der ganzen Zeit, es hat mir sehr wehgetan, dass Leuten wie mir, die ihr Leben lang solche Themen studiert haben, teils weniger geglaubt wurde als kruden Meldungen im Internet. Frei sein bedeutet eben nicht in jeder Situation, ein Bierchen trinken gehen zu können, wenn man will, sondern es bedeutet, dass man sich als Gesellschaft wie eine solche verhalten muss und jeder etwas zum Schutz aller beitragen muss.
Mich hat das sehr mitgenommen, bis zu dem Punkt, dass ich gemerkt habe, dass ich so nicht mehr kann und es mir nur schlecht tut, solche Diskurse mitzubekommen. Anfangs applaudierten die Leute dem Krankenhauspersonal, aber ich habe immer gesagt: "Ihr helft uns mehr, wenn ihr euch an die Auflagen haltet, als wenn ihr klatscht. Denn letztlich sind wir es, die mit der Überfüllung der Krankenhäuser dirket konfrontiert sind. In all dieser Zeit mussten so viele OPs abgesagt werden, einfach weil wir die Kapazitäten für Intensivpatienten brauchten. So viele Diagnosen wurden nicht oder viel zu spät gestellt, weil das System an seine Grenzen kam. Das macht auch etwas mit einem selbst.
Viel gelernt
Einige meiner Kollegen haben die Medizin aufgrund dieser Erfahrungen komplett verlassen. Viele haben sie aber auch zusammengeschweißt. Bei mir hat sich der chronische Stress, unter dem ich in der ganzen Zeit stand, erst letztes Jahr richtig bemerkbar gemacht, als es quasi vorbei war. So etwas kannte ich von mir vorher gar nicht. Aber es war wie eine Sucht, ich konnte nie abschalten. Wenn ich in der Freizeit mal mein Handy vergessen hatte, kriegte ich Herzrasen, weil ich dachte, ohne mich fällt der ganze Krankenhausbetrieb zusammen. Das tat er aber nicht. Auch da habe ich etwas gelernt.
Überhaupt nehme ich viele Erkenntnisse aus dieser Zeit mit. Wir haben Covid geschafft - was kann uns sonst noch passieren? Ich will all das, wenn ich 90 bin, mal meinen Enkenl erzählen - und hoffe, dass wir bis dahin keine weiteren Pandemien diesen Ausmaßes erleben werden. Auszuschließen ist das nicht. Es ist sogar wahrscheinlich, dass uns in den nächsten 30 Jahren noch weitere Pandemien heimsuchen. Aber ich will glauben, dass sie dann nicht so schlimm werden. Und dass wir besser vorbereitet sind.
"Aus heutiger Sicht sinnvoll"
Hier auf den Balearen wurden die Dinge während der Pandemie mehr als gut angepackt, das ist auch Francina Armengol zu verdanken. Trotzdem wurde sie nicht wiedergewählt. Stattdessen haben weltweit Populisten Aufschwung, oft sind es eben jene, die auch in der Pandemie die Schutzmaßnahmen boykottiert haben. Das ist besorgniserregend. Natürlich waren aus heutiger Sicht einige Sachen wenig effektiv. Ich habe die Bilder von Treckern im Kopf, die die Straßen breitflächig desinfizieren. Das hätte nicht sein müssen. Aber der Lockdown, die Impfungen, die Masken, die Abstandsregelungen, die Sperrstunden und Personenbegrenzungen, all das ist gut und sinnvoll gewesen damals, auch aus heutiger Sicht.
Der aktuelle Winter 2024/2025 ist der erste, in dem wir keinen einzigen Covid-Patienten mehr im Krankenhaus haben - obwohl die schlimmste Zeit schon im Dezember 2022 endete, als die Omikron-Welle begann. Die Variante war zwar deutlich ansteckender als die vorherigen, aber die Auswirkungen weniger hart. Seit Spanien die Pandemie als beendet erklärt hat, gibt es auch meinen Posten als Corona-Koordinator nicht mehr. Ich wurde also quasi abgesetzt (lacht).
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