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Fünf Jahre Corona-Pandemie auf Mallorca

"Ich fühlte mich mit Entscheidungen sehr alleine": die Hotel-Direktorin

Inés Batle (53) führt das Hotels "Morito" in Cala Millor, ist Ingenieurin und mittlerweile Vorsitzende des örtlichen Hotelierverbands. Zudem war sie Initiatorin der Initiative "SOS Turismo" - dem kollektiven Hilferuf der Unternehmer während der Corona-Pandemie

Hoteliersvorsitzende Inés Batle am Strand von Cala Millor

Hoteliersvorsitzende Inés Batle am Strand von Cala Millor / Nele Bendgens

Sophie Mono

Sophie Mono

Am Freitag (7.2.) ist es auf den Tag fünf Jahre her, dass auf Mallorca der erste Covid-19-Infizierte registriert wurde: der britische Mallorca-Resident hatte sich auf Reisen bei einem Landsmann, der zuvor in Asien war, angesteckt. Es war der Beginn einer Pandemie, die auch die Insel in Atem hielt: Lockdown, überlastete Krankenhäuser, Zusammenbruch des Tourismus, verzweifelte Unternehmer, wütende deutsche Zweithausbesitzer und nicht zuletzt umstrittene Corona-Leugner. Die Gefahr ging erst ab Ende 2022 zurück, als sich die weniger aggressive Virus-Variante Omikron verbreitete. Sophie Mono hat verschiedene Menschen gebeten, diese Zeit noch einmal Revue passieren zu lassen – und zu überlegen, welche Lehren sie persönlich und beruflich aus den Pandemie-Erfahrungen auf Mallorca ziehen. Teil 3: Inés Batle (53), Gründerin der Initiative "SOS Turismo"

Ich erinnere mich noch sehr gut an das Wochenende vor dem Lockdown. Gemeinsam mit meinem Vater war ich auf einer Oldtimer-Messe in Valencia, es war die letzte gemeinsame Reise, mittlerweile ist er dafür zu alt. Er hatte Zweifel, ob es gut sei zu fahren, aber ich beschwichtigte ihn. Selbst, als der Alarmzustand ausgerufen wurde, sagte ich noch "ach was, das ist doch so weit weg". Durch meine eigene Ignoranz habe ich dem Ganzen seine Bedeutung genommen. Bis ich merkte, wie ernst die Sache wirklich ist.

Während des Lockdowns fühlte ich mich nicht eingeschlossen, ich bin nicht nur Hotelbetreiberin, sondern auch Ingenieurin, und die öffentlichen Arbeiten wurden großteils weitergeführt. Für meine Tochter war es dagegen eine harte Zeit. Sie war grade in ihrem letzten Abiturjahr, das war schlimm. Ihr Freund, der seit Jahren geplant hatte, in den USA zu studieren, musste seine Pläne begraben. Für die jungen Leute waren die Auswirkungen unmittelbar.

"Alleine mit den Entscheidungen"

Für mich begannen die Probleme, als es um die Frage ging, inwieweit die Urlaubersaison von der Pandemie betroffen ist. Wir sind ein kleiner Familienbetrieb, haben weder eine Rechts- noch eine Personalabteilung. Plötzlich musste ich alle Entscheidungen über meine 36 Mitarbeiter treffen, deren Existenzen davon abhingen, zu arbeiten, dabei fühlte ich mich sehr alleine. Ich dachte die ganze Zeit "wir müssen öffnen", und schrieb mich direkt für Weiterbildungen ein, um das Siegel für "Save Tourism" zu bekommen und noch strengere Gesundheitsprotokolle zu etablieren, als vorgeschrieben. Tatsächlich öffneten wir so als eines der wenigen kleinen Hotels in Cala Millor am 1. Juli 2020. Die meisten anderen trauten sich gar nicht, aber ich habe alles gegeben, um die Sicherheit der Gäste und der Mitarbeiter zu gewährleisten.

Dann kam der große Rückschlag, als Deutschland schon im August 2020 Spanien wieder wegen der vielen Corona-Fälle auf die schwarze Liste setzte und erneut keine Urlauber mehr kamen. Ich werde nie vergessen, wie schlimm das für mich und meine Mitarbeiter war. Wirtschaftlich wurde es langsam eng. Wir hatten erst zuvor einen großen Kredit aufgenommen, um eine Erweiterung durchzuführen. Der musste innerhalb von sieben Jahren abbezahlt werden, das war ein großer Batzen Geld. Immer, wenn ich von Terminen mit der Bank kam, war ich ziemlich verzweifelt. Schließlich handelt es sich um einen Familienbetrieb, den meine Eltern aufbauten. Mein Vater hatte das Hotel 1971, am Tag meiner Geburt, gekauft. Aufzugeben stand also schon emotional gar nicht zur Debatte.

Hilferuf mit Dominoeffekt

Am 21. Januar 2021, bei einem Treffen mit den ansässigen Hoteliers in der Gegend, sagte ich lapidar: "Das Letzte, was uns noch bleibt, ist Spruchbänder mit Hilferufen aus den Hotelfenstern zu hängen." So war die Idee für "SOS Turismo" geboren. Wir ließen in Son Servera ein schlichtes Logo entwerfen und präsentierten die Initiative bereits am 12. Februar. Danach gab es einen Dominoeffekt, ich hätte nie gedacht, dass die Aktion so groß wird. Auf der ganzen Insel schlossen sich Unternehmer an, selbst in den USA und Japan wurde darüber berichtet.

"SOS Turismo" sollte nie eine Attacke gegen die Politiker sein, und auch nie politisch gefärbt. Es war schlicht ein Hilferuf. Und als wohlwollender Anstoß für Francina Armengol gemeint. Wir hatten nicht den Eindruck, dass sie zu wenig für uns tat, sondern, dass man ihr in Madrid nicht genug zuhörte, wenn sie dort unsere Situation schilderte. In der Landesregierung gab es damals viele mutige Politiker und sie haben dazu beigetragen, dass wir die Tourismus-Aktivität nach der ersten Pandemie-Phase schnell wieder aufnehmen konnten. Auch für sie war es etwas Neues, und sie haben getan, was man tun konnte.

"Enormer Druck" bei der Wiedereröffnung

Trotzdem war es schwer. Am 21. April 2021 öffneten wir unser Hotel wieder, abermals unter strengsten Auflagen. Für mich war das ein enormer Druck. All die Auflagen, die man erfüllen musste. Und dann die Angst vor den hohen Strafen, wenn man etwas falsch machte. Ich habe es für meine Familie getan.

Ich habe durch die Pandemie viel gelernt. Dass die Dinge tatsächlich funktionieren, wenn man sich wirklich reinhängt. Dass man nicht darauf warten darf, dass andere sie für einen regeln, sondern dass man selbst anpacken und mutig sein muss.

Auf persönlicher Ebene habe ich gelernt, den Moment mehr zu genießen und mich mehr um mich selbst zu kümmern. Auch mal aus dem Hamsterrad auszusteigen und die Prioritäten auf das eigene Wohlbefinden zu richten. Ich glaube, da geht es vielen anderen ähnlich. Und wer weiß, ob ich ohne das Engagement bei "SOS Turismo" überhaupt auf die Idee gekommen wäre, im Mai 2021 Vorsitzende des örtlichen Hoteliersverband zu werden. Die Initiative hat mich quasi ins Rampenlicht befördert.

Stehen Tourismus deutlich schlimmere Zeiten bevor?

Ich befürchte aber, dass uns durch den Klimawandel noch deutlich schlimmere Zeiten für den Tourismus bevorstehen, und dass wir irgendwann über die Pandemie nur lachen werden. Da kommt noch einiges auf uns zu.

Zudem haben einige Betreiber kleiner Familienhotels noch immer an den wirtschaftlichen Folgen der Pandemie zu knacken. Vielen blieb zwischenzeitlich nichts anderes übrig, als ihre Wohnhäuser zu verkaufen oder private Ersparnisse in die Hand zu nehmen, um ihre Betriebe über Corona zu retten. Wir sind nicht alle Millionäre, viele von uns haben sehr viel riskiert und viel verloren.

Gleichzeitig bin ich optimistisch. Wir als Familienhotel, aber auch Mallorca als Ganzes hat es geschafft, sich als sicheres Reiseziel zu beweisen. Das schätzen die Leute. Und sie wollen weiter reisen und hierhin kommen - obwohl viele nicht mehr so lange im Voraus planen, wie vor der Pandemie.

Lesen Sie hier Teil 2:

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