Zum Hauptinhalt springenZum Seitenende springen

Tabuthema Prostata: Wie die Vorsorge in Deutschland und auf Mallorca funktioniert

Die meisten Männer reden nicht gerne über die Vorsorge und haben noch immer ein Bild der Untersuchung im Kopf, das nicht mehr zutreffend ist. Hier rufen Erkrankte dazu auf, sich regelmäßig durchchecken zu lassen

Ein Arzt mit einem Modell einer menschlichen Blase. Unten die Prostata.

Ein Arzt mit einem Modell einer menschlichen Blase. Unten die Prostata. / Figus / EP

Johannes Krayer

Johannes Krayer

Klaus Kronewitz versucht, das ernste Thema locker rüberzubringen. Dabei ist er selbst vor etwa zehn Jahren an Prostatakrebs erkrankt. Doch der Berliner, der häufig auf Mallorca weilt, ist fit und hat zumindest keine dauerhaften Beschwerden. Und er kann Menschen mitreißen, das wird schon im 45-minütigen Gespräch mit der MZ deutlich, zu dem er seine Frau mitgebracht hat. Zu Beginn wird er direkt ein paar launige Appelle los: „Männer, ihr bringt doch eure Autos regelmäßig zum TÜV, dann holt euch doch auch beim Arzt eure Plakette ab, dass mit der Prostata alles passt!“

Der 70-Jährige engagiert sich seit seiner Diagnose für das Thema, sein Oberlippenbart ist nur einer der Beweise dafür. Um für die Prostata-Vorsorge zu sensibilisieren, lassen sich viele Männer im November, dem sogenannten Movember (von moustache für Schnurrbart abgeleitet) einen Bart stehen. „Ich habe keinen besonders ausgeprägten Bartwuchs und rasiere ihn normalerweise ab. Das führt dazu, dass ich zurzeit häufig angesprochen werde, was ja genau der Sinn der Sache ist“, sagt Kronewitz.

Quote in Spanien vergleichbar hoch

Er sagt von sich, er „brenne für das Thema“, hat eine Selbsthilfegruppe in Berlin gegründet und ist im Vorstand des Regionalverbandes der Selbsthilfegruppen Berlin-Brandenburg. Rund 75.000 Männer sind im vergangenen Jahr in Deutschland an Prostatakrebs erkrankt, in Spanien liegt die Quote vergleichbar hoch. Eine frühzeitige Erkennung eines Tumors senkt das Risiko eines schweren oder gar tödlichen Verlaufs entscheidend.

Klaus Kronewitz.

Klaus Kronewitz. / Johannes Krayer

Für Kronewitz ist es deshalb auch wichtig, die Früherkennung aus der Tabuzone zu holen, in der sie sich bei vielen Männern noch immer befindet. Um dagegen anzusteuern, erklärt der Berliner direkt plakativ: „Finger in den Po ist nicht mehr. Die Vorsorgeuntersuchungen finden heutzutage normalerweise auf Basis von Blutabnahmen statt.“ Denn der wichtigste Indikator für eine Prostataerkrankung ist der sogenannte PSA-Wert im Blut. Dabei handelt es sich um einen Messwert für das sogenannte prostataspezifische Antigen (PSA) im Blut, einem Eiweiß, das ausschließlich von der Prostata produziert wird.

Ein erhöhter Wert kann – muss aber nicht – auf einen Tumor an der Prostata hinweisen. „Deshalb ist es sehr wichtig, nicht nur einen einzelnen Wert zu nehmen, sondern über einen längeren Zeitraum immer wieder zu messen und nur bei dauerhaft erhöhten Werten oder einem sprunghaft ansteigenden Wert – etwa, wenn er sich innerhalb eines halben Jahres verdoppelt –, hellhörig zu werden.“ Man könne deshalb auch nicht einen einheitlichen Wert als Grundlage nehmen und bei allem, was darüber liegt, von einer Gefahr sprechen.

Ab 50 wird die Vorsorge jährlich empfohlen

In Deutschland ist die Vorsorgeuntersuchung relativ klar geregelt. Männer ab 45 Jahren haben ein Anrecht auf die Untersuchung beim Urologen. Diese kann den Tasttest, einen Ultraschall oder auch eine Blutabnahme beinhalten. Lediglich die Blutuntersuchung, die den PSA-Wert bestimmt, müssen sie selbst bezahlen. „Das sind etwa 25 bis 30 Euro“, erklärt Kronewitz. „Das sollte es jedem wert sein.“

Ab Ende 2026 könnte in Deutschland auch der PSA-Test eine Regelleistung der Krankenkasse werden. Derzeit wird darüber verhandelt. In Deutschland werden Männer nicht automatisch angeschrieben und zu einer Untersuchung aufgefordert, so wie es etwa bei Frauen vor ihrer Mammografie-Untersuchung geschieht. Wenn der PSA-Wert unauffällig ist, genügt es, mit 50 zur nächsten Vorsorge zu gehen. Ab dann wird diese allerdings jährlich empfohlen.

Auf Mallorca gibt es kein Früherkennungsprogramm

Auf den Balearen ist die Vorsorge lückenhaft. Es gibt derzeit kein Früherkennungsprogramm für Prostatakrebs. Urologen fordern seit Jahren ein solches Protokoll, bisher aber gibt es auf den Inseln lediglich Vorsorgeprogramme für Brust- und Darmkrebs.

Wer dauerhaft auf Mallorca lebt und keine deutsche Krankenversicherung mehr hat, kann gegen Bezahlung auch in den deutschen Ärztezentren eine Früherkennung für Prostatakrebs beantragen. Unter anderem gibt es mit dem Urologen Stefan Kamp in der Palmaclinic einen ausgewiesenen Experten. Dort ließ sich beispielsweise auch der frühere deutsche Handball-Nationalspieler Michael Roth behandeln, der einen Teil des Jahres auf Mallorca verbringt.

Roth, der gemeinsam mit seinem Zwillingsbruder Uli vor 15 Jahren an Prostatakrebs erkrankt war, hat sich seitdem ebenfalls zur Aufgabe gemacht, die Männerwelt über die Krankheit aufzuklären. Vor allem empfiehlt Roth, wie auch Kronewitz, Männern, die erblich in der Familie vorbelastet sind, möglichst früh zur Vorsorge zu gehen. „Und da gehört nicht nur Prostatakrebs beim Vater oder beim Opa dazu, sondern beispielsweise auch Brustkrebs bei der Oma oder der Mutter“, erklärt Kronewitz. Schließlich seien es beides Krebsarten, die hormonelle Ursachen hätten.

Michael (li.) und Uli Roth.

Michael (li.) und Uli Roth. / privat

Diagnose nach der Biopsie

Bei Michael Roth ergab dann der damals noch übliche Tasttest des Arztes an der Prostata eine Auffälligkeit, sodass der Arzt eine Biopsie anordnete. Das ist die nach wie vor gängige Methode, um sicher feststellen zu können, dass ein Tumor an der Prostata vorliegt. Mit einer Art Stab dringt der Arzt bis zur Prostata vor, wo er dann üblicherweise zwölf Mal in die Vorsteherdrüse stanzt und kleine Gewebeproben entnimmt. Die Stellen, an denen gestanzt wird, legt eine Schablone fest, die sicherstellen soll, dass ein möglicher Tumor auf jeden Fall gefunden wird.

Michael Roth bekam wenige Tage nach der Biopsie die Diagnose Prostatakrebs. Er stellte sich bereits auf Haarausfall und Chemotherapie ein, doch zu all dem kam es nicht. Eine gut verlaufene Operation befreite ihn von den Krebszellen, und heute gilt er als geheilt. Bei Klaus Kronewitz verhielt sich die Sache anders. Er bekam von seinem Arzt die Operation ans Herz gelegt, besuchte dann aber eine Selbsthilfegruppe, weil er Zweifel hatte.

Behandlung ohne Operation

Dort war an jenem Tag just ein Spezialist zu Gast, der einen Vortrag hielt. „Er schaute sich meinen Arztbericht an und riet eindringlich von einer OP ab“, sagt Kronewitz, der die Zweitmeinung befolgte und seither dank engmaschiger Vorsorge seinen PSA-Wert unter Kontrolle hat. Wichtig ist, dass Männer drei bis vier Tage vor der Untersuchung auf Sex verzichten sollten. Und mit dem Fahrrad zur Untersuchung sollte man ebenfalls nicht fahren, da auch das den Wert verändern kann.

Kronewitz nutzt sein Wissen über die Krankheit für seine Selbsthilfegruppe in Berlin. Wer möchte, kann sich bei ihm melden (klaus.k@prostatakrebs-selbsthilfegruppe- berlin.de). Auch eine Online-Selbsthilfegruppe gibt es: prostatakrebs-bps.de/online-treff. Und: Der Berliner will auch auf Mallorca eine Selbsthilfegruppe starten. Die Details müssen noch geklärt werden, einen genauen Startzeitpunkt gibt es noch nicht. „Aber es ist wichtig, über das Thema zu sprechen“, sagt Kronewitz.

Abonnieren, um zu lesen

Tracking Pixel Contents