Therapie statt Urlaub: Wie sich Mallorca zum Kurort der Reichen entwickelt
Immer mehr Wohlhabende reisen auf die Insel, um Depressionen, Burn-out oder Suchtprobleme behandeln zu lassen – in Kliniken, auf Fincas oder bei spezialisierten Therapeuten

Zeit für eine Reise auf die Insel. / SYMBOLBILD: SALUD INTERNACIONAL SOS
Mallorca gilt seit jeher als Urlaubsziel. Doch zunehmend entwickelt sich die Insel auch zu einem Kurort für Menschen mit psychischen Belastungen. Eine Kombination verschiedener Faktoren macht die Insel attraktiv für Menschen mit Depressionen, Burn-out oder Suchtproblemen, die hier gezielt Hilfe suchen. Für viele, die in ihrem Heimatland keinen Therapieplatz finden, stellt Mallorca zudem eine praktikable Alternative dar – so sie denn über genügend Geld verfügen.
Seit einigen Jahren sind besonders viele Schweizer unter jenen dabei, die auf die Insel reisen, um Behandlungen zu beginnen oder fortzusetzen. Mallorca bietet eine gut ausgebaute Infrastruktur an Kliniken, qualifiziertes Fachpersonal mit Mehrsprachigkeit und in einigen Einrichtungen Komplettangebote inklusive Unterkunft und Verpflegung.
Hinzu kommt ein weiterer Vorteil: Die Patienten können weitgehend anonym bleiben. Zu Hause müssen sie niemandem etwas erklären – schließlich sind sie auf Mallorca. Vielleicht in Wahrheit nicht im Urlaub, aber sie nehmen sich tatsächlich Zeit für Ruhe und Erholung.
„Blitztherapie“ auf der Insel
Vor 15 Jahren begann Mario Scheib damit, ausländischen Patienten auf Mallorca mehrwöchige Intensivtherapien anzubieten. Anfangs behandelte er nur einzelne Fälle, die meisten seiner Patienten lebten damals auf der Insel. Heute habe sich das Verhältnis umgedreht, sagt der Facharzt für Psychosomatische Medizin. Seine Patienten kommen inzwischen aus aller Welt, das mehrsprachige Team macht dies möglich.
Scheib betreibt Standorte in Palma, im spanischen Sotogrande sowie in Frankfurt. Die meisten Patienten, die für eine Kurzzeitbehandlung – die sogenannte „Blitztherapie“ – nach Mallorca reisen, leiden an Depressionen, Burn-out oder Suchterkrankungen. Sie bleiben in der Regel etwa zwei Wochen und wohnen während ihres Aufenthalts in einem Hotel ihrer Wahl.
Scheib und sein Team unterstützen sie jedoch bei Auswahl und Buchung sowie bei der Organisation der Flüge. Auch Transfers bei An- und Abreise sowie Mietwagen organisiert das Team auf Wunsch.
Ketamin, Psychotherapie und feste Abläufe
Der Therapiealltag folgt einem festen Ablauf: „Die Patienten kommen täglich für zwei Stunden in die Praxis und erhalten eine Infusionstherapie. Schon nach 14 Tagen sehen wir meist gute Ergebnisse“, erklärt Scheib. Konkret setzt seine Praxis auf Ketamin-Infusionen.
Das Medikament kommt klinisch vor allem als Narkosemittel zum Einsatz und kann missbräuchlich verwendet werden, zeigt laut Scheib jedoch auch positive Effekte bei depressiven Patienten. Ergänzend kombiniert das Team die Infusionen mit Psychotherapie, Hypnotherapie, Sporttherapie und Entspannungstechniken.
Zu den einzelnen Aktivitäten holt ein Fahrdienst die Patienten direkt im Hotel ab. Wer die Therapie fortsetzen möchte, kann dies online oder später in der Praxis in Frankfurt tun.
Kosten und internationale Klientel
Im Vergleich zu anderen Einrichtungen bewertet Scheib sein Angebot als relativ kostengünstig. Im Durchschnitt zahlen Patienten rund 7.000 Euro für zwei Wochen Behandlung auf Mallorca – abhängig von den gebuchten Leistungen etwas mehr oder weniger.
„Schweizer und Amerikaner empfinden unsere Preise als sehr günstig“, sagt Scheib. In ihren Heimatländern koste ein vergleichbares Angebot deutlich mehr.
Auszeit auf dem Land bei Felanitx
Seit 18 Jahren begleitet Coletta Damm auf einer Finca in Felanitx Menschen mit Alkoholproblemen oder Burn-out. Inzwischen hat ihre Tochter die Leitung von Projekt Vida Libre übernommen, Damm arbeitet jedoch weiterhin als Psychologin mit. Die meisten Gäste reisen aus Deutschland an, gelegentlich auch aus englischsprachigen Ländern.
Am Telefon berichtet Damm, dass sich unter ihren Gästen auch bekannte Persönlichkeiten befanden – Namen nennt sie aus Gründen der Diskretion nicht. Vertraulichkeit hat für sie oberste Priorität: „Die Adresse auf der Website stimmt nicht, damit niemand genau weiß, wo die Finca liegt“, erklärt sie.
Zwar konzentriert sich Projekt Vida Libre auf Alkoholentwöhnung und Burn-out. Die Therapeutinnen reagieren jedoch flexibel und unterstützen auch Menschen mit anderen psychischen Problemen, mit Ausnahme von anderen Drogensuchterkrankungen.
Struktur, Ruhe und familiäre Atmosphäre
Das Konzept setzt auf eine familiäre Atmosphäre. Die Patienten erarbeiten Strategien, um ihren Alltag künftig stabiler und gesünder zu gestalten. Ein klar strukturierter Tagesablauf prägt den Aufenthalt: Yoga, eine Massage pro Woche, Zeit für sich selbst.
Zum Angebot gehören Frühstück und Abendessen sowie ein Einzelzimmer. Maximal vier Gäste wohnen gleichzeitig auf der Finca in Felanitx. Die meisten bleiben zwei bis drei Wochen.
Der Wochenpreis beträgt 3.872 Euro. Jede weitere Woche fällt etwas günstiger aus. Auch danach hält das Team häufig Kontakt: Die Nachbetreuung per Videocall kostet rund 80 Euro pro Therapiestunde.
Entgiften für Millionäre
Bei The Balance steht Diskretion noch einmal höher in der Prioritätenliste. Unter den Gästen befinden sich laut Unternehmensangaben Unternehmenschefs, Royals und internationale Superstars. Medienberichten zufolge zog sich zum Beispiel Rapper Kanye West im Januar in eine der Villen zurück.
„Wir betreiben derzeit vier Villen auf Mallorca, deren genaue Standorte wir aus Gründen der Vertraulichkeit und wegen unserer hochkarätigen Klientel nicht veröffentlichen“, sagt Maeve Ryan, PR-Chefin von The Balance.
Luxus, Rundumbetreuung und Yacht-Therapie
Das Unternehmen behandelt Menschen mit psychischen Erkrankungen und Suchterkrankungen – von Depressionen, Burn-out und Angststörungen über Essstörungen und Verhaltensabhängigkeiten bis hin zu Traumata und komplexen posttraumatischen Belastungsstörungen. Ein rund 150-köpfiges Team betreue die Patienten.
Empfohlen werde ein vier- bis achtwöchiges Intensivprogramm. In der ersten Woche erfolgten Diagnostik und gegebenenfalls eine Entgiftung, anschließend stünden intensive Therapiesitzungen an. Ein strukturiertes Nachsorgeprogramm könne online fortgeführt werden.
Das Konzept basiert auf individuell zugeschnittenen Behandlungsplänen: Rund-um-die-Uhr-Betreuung, maximale Diskretion und luxuriöse Rahmenbedingungen. Je nach Paket umfasse der Service Limousinenfahrten, Privatkoch, Sicherheitsdienst oder Jettransfers.
VIP-Pakete und Longevity-Angebot
Entsprechend hoch fallen die Kosten aus. Die Preise beginnen bei etwa 40.000 Euro pro Woche in geteilter Unterkunft. In einer Villa leben maximal vier Patienten. Das VIP-Paket für rund 160.000 Euro pro Woche ermöglicht einem einzelnen Patienten den Aufenthalt in einer eigenen Villa.
Noch exklusiver ist die Behandlung auf hoher See: The Balance chartert hierfür eine Yacht und richtet sie individuell nach den Wünschen des Patienten ein. Entzugsprogramme auf See bietet das Unternehmen jedoch nicht an.
Auch eine ambulante Intensivbehandlung ist möglich. Hinzu kommt seit Anfang Dezember ein Longevity-Angebot. Dafür holte das Unternehmen Simon Feldhaus als Chief Medical Doctor in der Schweiz ins Team. Der Präventions- und Anti-Aging-Experte vermittele unter anderem, wie gesundes Altern positiv beeinflusst werden könne, heißt es in einer Pressemitteilung.
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