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Eisbad unterm Zitronenbaum: Im Espai Ca’s Llimoner in Palma gibt es Kältekicks, Yoga und achtsames Training

Lluís Amengual konnte früher nicht heiß genug duschen, heute leitet er Eisbad-Workshops auf Mallorca. Der Sportwissenschaftler spricht über Wirkung, Grenzen und die Angst vor der Kälte – und über den ganzheitlichen Ansatz des Vereins, den er mit seiner Partnerin gründete

Lluís Amengual Crespí braucht für ein Kältebad 60 bis 80 Kilo Eiswürfel.

Lluís Amengual Crespí braucht für ein Kältebad 60 bis 80 Kilo Eiswürfel. / Nele Bendgens

Brigitte Rohm

Brigitte Rohm

Mallorquiner haben bekanntlich den Ruf, kaltes Wasser zu scheuen. Lluís Amengual Crespí (33) war da keine Ausnahme: „Selbst beim Duschen musste es für mich immer fast kochend heiß sein“, erzählt der studierte Sportwissenschaftler und integrative Körpertherapeut. Er eröffnete mit seiner Partnerin Claire Gracia (39) vor drei Jahren den gemeinnützigen Verein Espai Ca’s Llimoner nahe der Plaça d’Espanya in Palma – einen hübschen kleinen Raum mit namensgebendem Zitronenbaum im begrünten Hinterhof.

Dass der ehemalige Warmwasser-Enthusiast sich heute freiwillig in einen Kübel mit 60 bis 80 Kilo Eiswürfeln setzt und sein Wissen darüber teilt, wie man das rund drei Minuten lang aushält, ist einer Reise nach Indien und Sri Lanka vor zwei Jahren zu verdanken. Dort kam das Paar erstmals mit dem Thema Eisbaden in Berührung. Amengual erinnert sich: „Claire wagte es zuerst. Und auf ihrem Gesicht breitete sich so eine meditative Ruhe aus, dass ich dachte: Wow.“

Derart motiviert, zog er nach: „Ich überwand diese Barriere im Kopf, die sagt: ‚Das kann ich nicht, es tut weh.‘ Dieser Moment, als ich losließ, war der Wahnsinn – ein Zustand des vollen Bewusstseins, wo der Schmerz nicht mehr existierte.“ Zurück auf Mallorca tauchte er noch tiefer in die Materie ein, badete weiter im Eis und machte schließlich selbst eine Ausbildung als Kältetrainer bei Luke Wills, einem Experten auf diesem Gebiet. Der Sprung ins eiskalte Wasser ohne korrekte Anleitung und Vorbereitung ist nämlich keine gute Idee.

Lluís Amengual Crespí kann sich mittlerweile im Eisbad entspannen.

Lluís Amengual Crespí kann sich mittlerweile im Eisbad entspannen. / privat

Euphorie, Energie und Vitalität

Bei Amengual kann man entweder eine private Session buchen oder die Erfahrung bei einem etwa dreistündigen Workshop in einer kleinen Gruppe machen – was mitunter einen zusätzlichen Motivationsschub gibt. Beides kostet jeweils 50 Euro, der nächste Workshop ist für den 9. Mai geplant. „Zuerst müssen die Interessierten ein medizinisches Formular ausfüllen, denn es gibt einige Fälle, in denen Eisbaden nicht möglich ist. Zum Beispiel bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder einer Schwangerschaft“, erklärt der Kältetrainer. Danach gibt es zunächst Zeit zum Ankommen. Die Teilnehmer erfahren dann mehr über die gesundheitlichen Vorteile – was sie auch positiv auf die darauffolgende Praxis einstimmen soll.

Eisbaden wird mit einer Reihe von vorteilhaften Effekten in Verbindung gebracht. „Der stärkste und unmittelbarste ist einfach diese vollkommene Aufmerksamkeit“, sagt Amengual. „Nach rund einer Minute, wenn der Kampf-oder-Flucht-Reflex aussetzt und der Parasympathikus aktiviert wird, setzt Entspannung ein.“ Für ihn ein „magischer“ Moment, der geistige Klarheit und einen Stopp des Gedankenkarussells schafft. Wer kalt dusche, kenne schon das anschließende Gefühl von Euphorie, Energie und Vitalität.

Eisbaden: Positive Effekte für Körper und Geist

Neben der wohltuenden Wirkung für die Psyche soll das Kältebad auch dem Körper nützen: „Es kann etwa den Schlaf verbessern, entzündungshemmend und schmerzstillend wirken, das Immunsystem stärken und sich positiv auf das Herz-Kreislauf-System auswirken“, zählt Amengual auf. „Außerdem hilft es bei der Regeneration der Muskeln und nach Verletzungen, weshalb viele Leistungssportler nach einem Spiel direkt ein Eisbad nehmen.“ Zusatzeffekt bei regelmäßiger Anwendung: Man werde generell unempfindlicher gegen Kälte, könne also früher ein Bad im Meer genießen oder brauche im Winter keine dicke Jacke mehr.

Die geübteren oder noch unerfahrenen Workshop-Teilnehmer werden nach der Einführung mit gezielten Atemübungen auf die eisige „Mutprobe“ vorbereitet. Manchmal mache im letzten Moment trotzdem jemand einen Rückzieher oder breche in der ersten Minute ab. „Man muss verstehen, dass eine tief sitzende Angst dahinter steht. In der Steinzeit starb man, wenn man im Eis festsaß“, sagt Amengual. Es am Ende nicht zu schaffen, sei jedoch nicht schlimm, schließlich sei das Ganze kein Wettbewerb, betont er. Dass die meisten Teilnehmer aber über sich hinauswachsen, die Erfahrung genießen und in vielen Fällen eine Wiederholung möchten, liegt sicherlich auch an der beruhigenden und vertrauenerweckenden Ausstrahlung des Trainers.

Achtsames Training im Espai Ca’s Llimoner

Die kommt Amengual auch bei den anderen Aktivitäten zugute, die im Espai Ca’s Llimoner zu äußerst fairen Preisen angeboten werden. Vereinsmitglied zu werden, ist kostenlos, bei einer Sitzung in den durchlaufenden Kursen ist jeweils ein Mindestbeitrag von zehn Euro fällig. Auch Privatsessions gibt es bereits für 40 bis 50 Euro.

Der Raum des Espai Ca’s Llimoner: Hier finden Yogakurse und achtsames Training statt.

Der Raum des Espai Ca’s Llimoner: Hier finden Yogakurse und achtsames Training statt. / Nele Bendgens

Viermal wöchentlich steht „achtsames Training“ auf dem Programm – ein auf individuelle Bedürfnisse zugeschnittener Ansatz, den der Sportlehrer selbst entwickelt hat. „Es ist eine Trainingsform, bei der alle grundlegenden Fähigkeiten trainiert werden: Kraft, Koordination und Gleichgewicht. Eine Art Mischung aus Pilates und funktionellem Krafttraining, aber der Hauptunterschied zu einem Fitnessstudio ist, dass es keine linearen Bewegungen sind“, sagt er.

Für Amengual ist das Training kein Mittel zum Zweck, um ein Ziel zu erreichen. Es gehe etwa auch darum, körperliche Blockaden zu lösen. „Am Ende der Sitzung gibt es einen meditativen Teil oder eine Körperentspannung.“ 99 Prozent der Teilnehmer seien Frauen, die sich in einem klassischen Gym nicht richtig aufgehoben fühlen.

Männer-Zirkel, Yoga und Jamsessions

Speziell für Männer findet indes an jedem letzten Montag im Monat ein „Círculo de hombres“ statt. „Ich glaube, ein solcher Raum der Begegnung jenseits von Partys oder Sport ist für Männer von heute sehr notwendig. Es geht um Austausch und Verbindung, um Transparenz und Verletzlichkeit.“ Freitags gibt Yogalehrerin Claire Gracia zudem Kurse in Hatha-Yoga und Restorative Yoga. Hinzu kommen verschiedene Workshops und Events außerhalb der Reihe.

Eine feste Konstante im multidisziplinär und ganzheitlich gedachten Verein, der sich vor allem an die Nachbarn aus dem Viertel richtet, ist auch die Gemeinschaft: Zweimal im Monat kommen Musikfreunde bei Jamsessions zusammen, im Anschluss gibt es noch ein vegetarisches Abendessen. „Über diese Aktivität bin ich sehr glücklich, denn sie hat sich ganz natürlich entwickelt“, sagt Amengual. Bei einer „Limonadenparty“ hätten viele Gäste ihre Instrumente mitgebracht. Das fand so großen Anklang, dass der Raum nun regelmäßig für die musikalischen Treffen genutzt wird. Eine gute Gelegenheit, um dort potenzielle Kältebad-Mitstreiter kennenzulernen – und schon einmal das Eis zu brechen.

Espai Ca’s Llimoner, C/. Reina Maria Cristina, 28, Palma. Nächster Eisbad-Workshop: 9. Mai, Teilnahme: 50 Euro. Infos zum Programm und Anmeldung: espaicasllimoner.com

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