„Ich dachte, mein Sohn nimmt Drogen“: Warum Mallorca Energydrinks für Minderjährige verbietet
Energydrinks sind bei Jugendlichen auf Mallorca sehr beliebt – doch seit Mitte August ist der Verkauf an Minderjährige verboten. Aus gutem Grund

Rund 47 Prozent der Jugendlichen konsumieren laut einer Studie regelmäßig Energydrinks. Die Dunkelziffer könnte weitaus höher sein. | FOTO: JORDI COTRINA
Es ist rund vier Jahre her, dass Tania* zum ersten Mal das Gefühl bekam, mit ihrem Sohn stimme etwas nicht. Rubén* war damals 15, hatte einen neuen Freund gefunden und verbrachte plötzlich fast jeden Nachmittag und viele Wochenenden bei ihm. Für einen Teenager zunächst nichts Ungewöhnliches.
Doch nach einigen Wochen fiel Tania auf, dass sich ihr Sohn verändert hatte. „Plötzlich strahlte er eine ungewöhnliche Selbstsicherheit aus“, erinnert sie sich. „Wenn er mit uns sprach, wirkte es fast, als hätte er innerhalb weniger Wochen einen Reifesprung gemacht, für den man normalerweise Jahre braucht.“ Gleichzeitig erschien er ihr angespannt und überdreht. Beim Reden wich sein Blick ständig aus.
Über den neuen Freund wusste Tania wenig. Nur dass dessen Familie offenbar gut situiert war und die Jugendlichen dort ein eigenes Spielzimmer mit großer Leinwand und allem hatten, was einen 15-Jährigen davon abhielt, schnell wieder nach Hause zu wollen. Tania wurde misstrauisch. Nahm Rubén womöglich Drogen? Kokain? Sie begann nachzuforschen – und stieß schließlich auf etwas, das ihr zunächst deutlich harmloser erschien: Energydrinks.
Wie Tabak und Alkohol
47,7 Prozent der Jugendlichen in Spanien gaben bei einer Umfrage im Jahr 2023 an, in den vergangenen 30 Tagen Energydrinks konsumiert zu haben. Auf den Balearen haben sie es seit vergangener Woche nicht mehr so leicht. Per Dekret beschloss der Regierungsrat, Energydrinks mit Tabak und alkoholischen Getränken gleichzusetzen. Und damit den Verkauf an Minderjährige zu verbieten. Seit 12. August ist die Regelung in Kraft. Wer dagegen verstößt, muss mit Strafen von bis zu 60.000 Euro rechnen.
Die Regierung verweist in ihrer Begründung auf die gesundheitlichen Risiken, die von der Mischung aus hohem Zucker- und Koffeingehalt sowie weiteren Zusatzstoffen wie Taurin, Guaraná oder Glucuronolacton, ausgehen – zumal diese Getränke nicht selten mit Alkohol gemischt werden: Adipositas, Typ-2-Diabetes, Stoffwechselerkrankungen und ein erhöhtes Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Zusätzlich entstünden erhöhte Risiken bei Minderjährigen mit Herzerkrankungen, Kanalopathien, Bluthochdruck oder Herzrhythmusstörungen sowie bei Jugendlichen mit Epilepsie, Angststörungen oder Schlaflosigkeit.
Inwieweit es in den vergangenen Jahren tatsächlich bedingt durch Energydrinks zu mehr Fällen von diesen Erkrankungen bei Jugendlichen gekommen ist, ist derweil nicht bekannt. Auf MZ-Anfrage heißt es aus dem Gesundheitsministerium, man habe sich bei der Erarbeitung des Dekrets hauptsächlich auf die Studie aus dem Jahr 2023 berufen. Weitere Informationen stünden nicht zur Verfügung.

Der junge Mann auf dem Foto wird sich einige Jahre gedulden müssen, bis er die Energydrinks im Regal kaufen darf. / DM
Die Balearen sind bei dem Gesetz Vorreiter. Nur die Gesundheitsbehörden in Galicien haben ein ähnliches Gesetz in Spanien auf den Weg gebracht. In Großbritannien ist der Verkauf an unter 16-Jährige ab kommendem Jahr verboten. Und auch in Deutschland fordert die Verbraucherzentrale ein solches Verbot.
Hohe Akzeptanz für ein Verbot
Die Akzeptanz eines solchen Verbots in Spanien ist hoch. Laut Zahlen des spanischen Verbraucherschutzministeriums, das ebenfalls an einer landesweiten Regelung für Minderjährige unter 16 Jahren arbeitet, würden rund 90 Prozent ein solches Verkaufsverbot befürworten. Dabei sei der Anteil bei den jungen Leuten ebenfalls hoch. 88,3 Prozent der 18- bis 35-Jährigen stimmen einer solchen Maßnahme zu. Zumal die Ministeriumsstudie auch verdeutlichte, dass der Konsum von Energydrinks in vielen Fällen alles andere als gelegentlich ist. So erklärten 49 Prozent der Energydrinks-Konsumenten unter den Befragten, dass sie mindestens eine Dose am Tag tranken. 47 Prozent gaben an, dass sie diese zudem regelmäßig mit Alkohol mischten.
Verbot zu spät?
Auch Rubéns Mutter Tania befürwortet grundsätzlich das Verbot des Verkaufs an Jugendliche, hält dies aber nicht für ausreichend – und für zu spät. „Wir tendieren als Gesellschaft dazu, Probleme mit Verboten zu lösen. Ich glaube, die Aufklärung darüber, was solche Getränke verursachen können, kam zu spät. Denn inzwischen ist die Hälfte der Jugendlichen längst mehr als nur daran gewöhnt.“
Im Fall von Rubén sprachen die Eltern nach einigen Monaten des Konsums ein Machtwort, das Wirkung zeigte. Weder er noch seine jüngeren Geschwister konsumierten seither regelmäßig Energydrinks. Das sei alles andere als gewöhnlich. „Nach dem, was meine Kinder mit erzählen, nehmen rund 70 Prozent ihres Umfelds täglich Energydrinks zu sich.“ Der Gruppenzwang wirke sich nicht auf ihre Kinder aus. „Ich glaube, sie sind sogar ein bisschen stolz darauf, nicht Teil dieses Zirkus zu sein.“ *Namen geändert
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