23. Mai 2018
23.05.2018

Hohe Mieten in Palma de Mallorca: das Drama der Zwangsräumungen

Immer mehr Familien verlieren in der Balearen-Hauptstadt ihre Wohnungen. Oft kann ihnen auch das Rathaus nicht mehr helfen. Ein Interview mit der Leiterin der "Oficina Antidesahucios"

23.05.2018 | 01:00
Margalida Cladera, Leiterin der Anti-Zwangsräumungs-Behörde in Palma.

Im Büro der Oficina Antidesahucios, der vom Rathaus Palma eingerichteten Anlaufstelle für Bürger, denen Zwangsräumungen drohen, steht eine Packung Papiertaschentücher bereit. Nicht ohne Grund: Hier spielen sich Dramen ab. Die Leiterin Margalida Cladera und ihre Mitarbeiter beraten im Schnitt wöchentlich 15 Familien. Die Oficina Antidesahucios nahm ihre Arbeit vor drei Jahren auf, als die sogenannten desahucios ein groß diskutiertes Thema waren. Und heute?

Eine Studie der Balearen-Universität unterteilt Palma in Gegenden, wo die Zwangsräumungen auf die Nicht-Zahlung von Hypotheken zurückzuführen sind und solche, wo es um Mietschulden geht. Ist das so?
Son Gotleu und Pere Garau sind die Viertel mit den meisten Zwangsräumungen, sowohl wegen Hypotheken als auch wegen Mietschulden. Seit wir unsere Arbeit 2015 aufgenommen haben, ist die Zahl der Hypotheken-Räumungen aber deutlich gesunken. 2015 waren 202 Familien betroffen, 2016 waren es 284 und 2017 waren es 270. In diesem Jahr sind es bisher 59 Familien – dafür aber 150 Zwangsräumungen wegen Mietschulden. Das hat sich sehr verändert. Es kommen noch immer Menschen, die Probleme haben, ihre Hypotheken zu bedienen, aber die meisten haben Schwierigkeiten, die Miete aufzubringen.

Welche Arten von Haushalten bitten um Hilfe?
Normalerweise sind es Familien mit Kindern, in denen die Erwachsenen Arbeit haben. Zuvor waren es Familien, in denen niemand Arbeit hatte, und die ihre Hypothek nicht bedienen konnten. Jetzt haben die Familien ein Einkommen, doch es liegt im Schnitt unter 1.000 Euro, und damit können sie die Miete nicht aufbringen. Der Mietvertrag läuft aus, und sie wissen nicht wohin. Sie finden keine bezahlbare Wohnung mehr.

Vermutlich spielen sich in Ihrem Büro wahre Dramen ab €
Ja. Weil es meist Familien mit Kindern sind. Ihr Mietvertrag läuft aus und alles, was sie auf dem Wohnungsmarkt finden, liegt bei 900 oder 1.000 Euro. Und außerhalb von Palma? Das ist oft auch keine Option, denn die Kinder gehen in Palma zur Schule und der öffentliche Nahverkehr ist nicht gut ausgebaut € das ist also auch keine Alternative.

Wie können Sie helfen?
Wenn diese Familien eine Wohnung finden, sie aber zu teuer ist, bezuschussen wir einen Teil der Mietkosten. 200, 300 Euro, das ist momentan unsere einzige Möglichkeit. Eine Übergangslösung, bis sie etwas Günstigeres finden.

Und wie steht es um die Zwangsräumungen wegen nicht bezahlter Hypotheken?
Da können wir eher helfen, es gibt etwas mehr Spielraum, wenn der Gläubiger eine Bank ist und nicht eine Privatperson. Da kann man eine Umstrukturierung der Schulden aushandeln, eine Tilgung oder Soziales Wohnen, je nach Situation. Normalerweise setzen wir uns mit der Bank in Kontakt, und die Räumung wird gestoppt. Wenn es um einen privaten Vermieter geht, ist das anders, denn es ist sein Haus und er hat ein Recht auf diesen Wohnraum. Natürlich versuchen wir, zu einer Einigung zu kommen. Mit einigen klappt das, aber andere lassen nicht mit sich reden.

Hat die Mietsteigerung mit der touristischen Vermietung zu tun?
Zumindest sind in diesen drei Jahren die Mieten gestiegen. Als wir unsere Arbeit aufnahmen, gab es Zwangsräumungen wegen Mietschulden, aber die Menschen fanden andere Mietwohnungen. Im Sommer war es schwieriger, im Winter ging es. Vergangenes Jahr war das nicht mehr so, weder im Sommer noch im Winter. Wir wissen nicht, ob die Regulierung der Ferienvermietung das ändern wird, weil sie noch zu neu ist. Vielleicht wird es mehr Wohnungen auf dem Langzeitmietmarkt geben, aber die Preise sind aufgebläht. Ich weiß nicht, ob sie sinken werden.

Ihre Prognose für die Entwicklung in den kommenden Jahren?
Wenn die Mietpreise nicht sinken, sehe ich schwarz. Es bildet sich schon wieder eine Blase, diesmal bei den Mieten. Ein Hauseigentümer kann verlangen, was er will, ja, aber die Gehälter stehen in keinem Verhältnis dazu. Also werden die Leute eine Wohnung mieten, die sie nicht bezahlen können und von einer Zwangsräumung bedroht sein. Entweder, es werden mehr Sozialwohnungen geschaffen, womit ja gerade begonnen wird, oder es muss sich etwas an den Mietpreisen tun. Das ist unabdingbar.

Aber wenn es einen Mietvertrag gibt, der ausläuft, kann ihre Anlaufstelle nicht viel machen €
Dann schauen wir, ob fristgemäß und korrekt informiert wurde. Wenn nicht, muss man nicht ausziehen. Wenn doch, kann man kaum etwas tun. Viele bleiben dann trotzdem in der Wohnung, aus Alternativlosigkeit. Die Räumung ist ein Kostenfaktor für den Eigentümer. Aber was soll die Familie sonst tun? Auf der Straße leben? So gewinnen sie wenigstens ein bisschen Zeit, ein paar Monate.

Wie viele Räumungen konnten Sie bisher verhindern?
Insgesamt 1.153 seit 2015. In diesem Jahr sind es 71. Wir haben 2.188 Familien betreut; derzeit sind es 450. Das sind sehr viele Menschen. Ein anderes Thema, das uns Sorgen bereitet, sind die 70- oder 80-Jährigen, die mit Renten von weniger als 600 oder 700 Euro überleben müssen und denen plötzlich aus irgendeinem Grund legal gekündigt wird. Bislang zahlten sie geringe Mieten, 200, 300 Euro, manchmal noch weniger. Und jetzt? Manche wohnen seit 40 Jahren in der gleichen Wohnung und können sie nun nicht mehr halten. Sie kommen noch gut alleine zurecht, wollen nicht in ein Seniorenheim. Was sollen sie tun? Eine WG gründen? Manchmal vermitteln wir das tatsächlich, geben Telefonnummern weiter. Sie müssen dann selbst sehen, ob sie miteinander klarkommen, bei manchen hat es klappt. Aber das ist hart: Einem 80-Jährigen sagen zu müssen, dass er jetzt seine Wohnung teilen muss.

Es gibt auch viele leer stehende Wohnungen.
Sehr viele. Wie viele es genau sind, wissen wir nicht. Die meisten davon gehören den Banken. Wir haben uns mit ihnen zusammengesetzt, sie streiten das ab, aber es ist so: Diese Wohnung stehen leer und viele davon sind bereits besetzt. Das ist auch nicht weiter verwunderlich. Wir haben den Banken vorgeschlagen, uns über ein Abkommen Wohnungen zu überlassen – aber die denken gar nicht daran.

Wie geht man professionell damit um, jemandem sagen zu müssen, dass es keine Lösung gibt?
Manchmal ist es zum Verzweifeln. Wir versuchen, dass niemand auf der Straße bleibt. Aber klar, dann verweisen wir auf Obdachlosenheime, und das ist das Letzte, was eine Familie hören will. Aber wir haben keine Alternativen. Wir haben einfach keine. Wir haben nicht die Mittel, das Problem zu lösen.

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