05. Januar 2019
05.01.2019

Wohnungsbau auf Mallorca mit Neptungras und Marés

Ein Projekt soll zeigen, wie Energieeffizienz und Nachhaltigkeit Standard bei Sozialwohnungen werden könnten

05.01.2019 | 01:00
So soll das Gebäude mit fünf Sozialwohnungen in Palmas Viertel Son Gotleu am Ende aussehen.

Wenn Architekt Carles Oliver gefragt wird, wie er dazu komme, getrocknetes Neptungras zur Wärmeisolierung zu verwenden und ob das nicht verfaule und irgendwann stinke, kann er einerseits die innovativen Techniken erklären, bei denen das Material getrocknet und luftdicht verbaut wird. Er kann aber auch auf die Geschichte verweisen: „In allen gotischen Stadtpalästen von Palma wurde Posidonia verbaut. Das ist dort seit 600 Jahren drin und stinkt nicht."

Derzeit kommt das Neptungras in einem Neubau in Palmas sozialem Brennpunkt Son Gotleu zum Einsatz, als Isolation in den Decken. In dem Viertel entstehen im Auftrag des balearischen Wohnungsbauinstituts Ibavi in einem Neubau fünf Sozialwohnungen auf drei Stockwerken. Es ist die Fortführung des ausgezeichneten Pilotprojekts „Life Reusing Posidonia", das auf Formentera seinen Ausgang nahm und zeigen soll, wie heute sozial, nachhaltig und möglichst klimaneutral gebaut werden kann. Das sei teurer als die konventionelle Bauweise, räumt Oliver ein. Aber zum einen sparen die Bewohner im Laufe ihres Lebens erhebliche Kosten bei Heizung und Klimaanlage. Und zum anderen verschärfen sich ohnehin zum Jahreswechsel die EU-weiten Vorgaben für die Dämmung: Alle öffentlichen Gebäude müssen nun die beste Energieeffizienzklasse A aufweisen – bislang war es noch die Klasse B. Der Preisunterschied zwischen konventioneller und nachhaltiger Bauweise reduziere sich so deutlich, meint Architekt Oliver.

Und deswegen feiert auch der Marés-Stein ein Comeback. Der auf der Insel abgebaute Kalkstein, der in früheren Jahrhunderten bei Palmas Kathedale und anderen herausragenden Bauwerken Mallorcas zum Einsatz kam, war vor allem ab den 70er-Jahren mit dem Aufkommen des billigen Betons verdrängt worden. Dabei ist der Máres gut schall- und wärmeisolierend. Da er aber auch sehr viel Feuchtigkeit aufnimmt, kommt der Marés in Son Gotleu nun als Doppelmauer zum Einsatz: Die innere trage die Struktur, die äußere schütze vor der Feuchtigkeit. Auch das sei keine neue Erfindung, erklärt Oliver: Der dänische Architekt Jørn Utzon, der für den Bau der Oper von Sydney bekannt ist, habe es bereits in den 70er-Jahren bei seinem berühmten Wohnhaus in der Gemeinde Santanyí vorgemacht.

Der Marés ist auch der Unterschied zum Pilotprojekt auf Formentera – dort waren Mauerziegel und Kalk verbaut worden. Auf Mallorca dagegen biete sich der lokal abgebaute Kalkstein an – eben nicht nur für die Restaurierung historischer Gebäude oder Villen, die gutsituierte Privatleute in Auftrag geben, sondern auch für Mehrfamilienhäuser. Voraussetzung sei vor allem ein Bewusstseinswandel der künftigen Bewohner, so der mallorquinische Architekt. Bislang werde es privaten Bauträgern zu leicht gemacht, mit billigen Materialien, die nicht immer die gesetzlichen Auflagen erfüllen, die Baukosten zu drücken und die Gewinnmargen zu erhöhen.

Das 370.000-Euro-Projekt in Son Gotleu soll deswegen Vorbild sein, zum einen natürlich für den öffentlichen Wohnungsbau. Hier hat die balearische Linksregierung – auch dank Geldern aus der Touristensteuer – zwar mehrere hundert Projekte auf den Weg gebracht, die Ergebnisse dürften aber erst in zwei, drei Jahren zu sehen sein – falls sie nicht einem möglichen Regierungswechsel zum Opfer fallen. Zum anderen sollen sich aber auch private Bauträger auf den Balearen eine Scheibe abschneiden und den Bau im Carrer Regal 95 zum Vorbild nehmen.

Das zweistöckige Gebäude, das in der zweiten Jahreshälfte 2019 fertig werden soll, dürfte schon allein wegen seiner Marés-Mauern in dem Viertel Son Gotleu herausstechen. Was auf dem Projekt-Bild wie eine kunstvoll verzierte Fassade wirken kann, sei schlichtweg die natürliche Struktur des Steins, erklärt Oliver: Komprimierter Sand, Fossilbruchstücke aus Urzeiten, Kalkfragmente – der historisch gewachsene Marés ist eben nicht allein der Kathedrale vorbehalten.

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