17. Februar 2019
17.02.2019

Wohnungen auf Mallorca im Visier der Geier

In Palmas sozialem Brennpunktviertel Son Gotleu hat eine Gesellschaft 120 Wohnungen gekauft. "Divarian" setzt auf Leerstand statt auf Sozialwohnungen. Die MZ traf Menschen wie Antonia Horrach, die unter der Spekulation leiden. Ihre Wohnung soll am 26. Februar zwangsgeräumt werden

17.02.2019 | 01:00
Antonia Horrach und ihrem kleinen Sohn droht am 26. Februar die Zwangsräumung

Sie ist spartanisch eingerichtet, aber ordentlich, die kleine Wohnung mitten im Brennpunktviertel Son Gotleu von Palma de Mallorca. Als Antonia Horrach vor einem Jahr mit ihrem kleinen Sohn hier einzog, dachte sie noch, dass sie Glück gehabt hätte. „Der Vermieter schien vernünftig, versprach, verschiedene Reparaturen anzugehen", berichtet sie. 450 Euro Monatsmiete, „das war zwar viel für mich, aber ich konnte es so gerade aufbringen." Regelmäßig habe sie das Geld bezahlt, sieben Monate lang, plus weitere 450 Euro Kaution zum Einzug. Bis im Juli plötzlich ein richterliches Schreiben eintrudelte. Die Bank BBVA gab sich als Eigentümer der Immobilie zu erkennen und forderte Horrach auf, auszuziehen. „Als ich den vermeintlichen Vermieter anrief, war seine Nummer nicht mehr vergeben. Ich habe nie wieder etwas von ihm gehört", sagt die Mallorquinerin. Seitdem lebt sie in ständiger Angst, auf die Straße gesetzt zu werden. „Und durch die Sache mit dem ,Geierfonds' ist das nur noch schlimmer geworden." Denn im Herbst verkaufte die BBVA Horrachs Mietwohnung an die Fondsgesellschaft Divarian Propiedad. Kontakt hat Horrach zu ihr nicht. Der offizielle Räumungstermin steht für den 26. Februar an.

Wie Horrach geht es derzeit vielen Arbeiterfamilien auf Mallorca. Gut 120 Wohnungen sind allein in Son Gotleu laut Grundbuch seit Herbst im Besitz von Divarian. Hinzu kommen Immobilien in anderen Stadtteilen Palmas sowie in Calvià, Sant Joan, Costitx, Inca, Santa Margalida, Sencelles, Esporles, Marratxí, Andratx, Llucmajor, Sa Pobla und Pollença.

Auf Schnäppchenjagd

Divarian Propiedad ist eine erst im Herbst 2018 gegründete Investmentgesellschaft. Die BBVA hat ihr einen Großteil ihrer Immobilien übertragen. Viele davon hatte die Bank übernommen, als die Menschen in der Wirtschaftskrise ihre Hypotheken nicht mehr bezahlen konnten. Die BBVA hält 20 Prozent an Diva­rian, die restlichen 80 Prozent der Anteile hat sie an den US-amerikanischen Fonds Cerberus Capital Management für geschätzte vier Milliar­den Euro verkauft. Der von schwerreichen US-Investoren aufgelegte Fonds hält zum Beispiel auch Anteile an der Commerzbank und der HSH Nordbank. Cerberus interessiert sich schon länger für Schnäppchen auf dem spanischen Immobilienmarkt und kaufte bereits große Vermögenswerte, unter anderem von den Banken Santander und Bankia. „Wir sind überzeugt, dass Spanien attraktive Möglichkeiten der Wertsteigerung bietet", so ein Cerberus-Sprecher im Oktober. Auf Spanisch ist von einem fondo oportunista die Rede, umgangssprachlich auch fondo buitre (Geierfonds) . Divarian kauft gezielt Arbeiterwohnungen aus Bankbeständen auf. Die Strategie ist Experten zufolge klar spekulativ: günstig kaufen, warten und später teuer verkaufen.

Aus Sicht von Antonia Horrach, deren kleine Wohnung im weitesten Sinne nun einem US-Milliardär gehört, hat Divarian weder Gesicht noch Adresse. „Die Fonds kaufen nicht eine Wohnung, sondern ganze Pakete, in denen auch Ferienhäuser in Son Vida angeboten werden", sagt Víctor Cornell, Anwalt der Bürgerplattform für Betroffene von Hypotheken (PAH). „Den Banken ist es recht, um ihre Bilanzen zu bereinigen und schwierige Immobilien loszuwerden. Die Fonds erstehen die Wohnungen für einen Bruchteil ihres eigentlichen Werts und warten dann erst einmal ab", so Víctor Cornell. Wie Geier, die einen günstigen Zeitpunkt abpassen, um sich auf den Kadaver stürzen können.

Derzeit bietet Divarian auf seiner Website für Mallorca nur fünf Immobilien zum Kauf an – keine davon in Son Gotleu. In den harten Jahren der Wirtschaftskrise habe der Staat ausländische Investmentfonds gewähren lassen, so Cornell ­– immerhin mussten so weniger öffentliche Rettungsgelder an die gecrashten Banken fließen. Doch heute, wo Wohnungsnot und Mangel an Sozialwohnungen an der Tagesordnung stehen, werden die Fonds mehr und mehr zum Problem.

Eigentlich Sozialwohnungen

Eduard Vila ist Generaldirektor für Wohnen in der Balearen-Regierung. Schon seit Monaten ist er damit beschäftigt, leer stehende Wohnungen von Divarian und anderen Fonds wie „Inversiones Inmobiliarias Limara S.L." auf Mallorca und den Nachbarinseln ausfindig zu machen, und gegebenenfalls Strafen auszusprechen. Denn laut dem neuen Wohnungsgesetz sind Banken, Großinvestoren und eben auch große Fondsgesellschaften dazu verpflichtet, jeglichen leer stehenden Wohnraum offiziell anzugeben und ihn vorübergehend der Landesregierung zu überlassen, die wiederum Sozialwohnungen daraus macht. Das Problem: „Manchmal haben wir eine Reihe von leer stehenden Wohnungen einer Bank identifiziert. Aber wenn wir beginnen wollen, sie genauer zu inspizieren, merken wir, dass sie bereits an einen Fonds weitergegeben wurden. Und das verkompliziert unsere Arbeit ungemein", so der Generaldirektor. Auch habe die Landesregierung Schwierigkeiten, zu den Verantwortlichen im Ausland durchzudringen. Einschüchternd scheint die aktuelle Rechtsprechung auf den Balearen für die international agierenden Fonds ohnehin nicht zu sein: Pro nicht ordnungsgemäß gemeldeter Wohnung drohen Strafen von bis zu 3.000 Euro – Peanuts für Divarian & Co.

Die Sache mit den 120 Wohnungen in Son Gotleu ist besonders heikel. Weder die BBVA noch später Divarian schrieben ihren Besitz innerhalb der gesetzlichen Frist von drei Monaten in das Register für leer stehenden Wohnraum ein. „Und über einen Sprecher der BBVA wurde uns nun mitgeteilt, dass Divarian trotz der gesetzlichen Vorgaben keinerlei Absichten hat, seine Wohnungen als Sozialwohnungen anzubieten", so PAH-Anwalt Cornell.

Nichts bleibt lange leer

Dass schlechte Presse und öffentliche Empörung den gesichtslosen Firmen anders als den Banken nichts anhaben kann, und Verhandlungsmöglichkeiten dadurch umso schwieriger werden, bekommen auch die betroffenen Bewohner zu spüren. „Ich weiß nicht, wohin ich soll", so Antonia Horrach, der es vor dem anstehenden Räumungstermin in wenigen Wochen graut. „Teure Mieten kann ich mir nicht leisten. Ein faires Angebot von Divarian, so wie die 450 Euro, die ich anfangs monatlich an Miete bezahlt habe, wäre ideal. Ich will ja zahlen, aber ich weiß nicht, an wen."

Verlässt man ihre Wohnung und betritt den Hausflur, ist von Ordnung und Sauberkeit nicht viel zu sehen. Im Innenhof stapelt sich stinkender Müll, fast alle Türrahmen in den anderen Stockwerken sind beschädigt, jegliche Briefkästen im Erdgeschoss aufgebrochen. Sogar die Tür zum Stromzähler ist komplett demoliert. „Hier im Haus sind 24 Wohneinheiten, die Hälfte davon gehört Banken oder ,Geier­fonds', und die sind bis auf die Wohnung von Antonia Horrach alle besetzt", so der Vorsitzende der Hausvereinigung, David Vilches, der mit Frau und Kind im Erdgeschoss lebt. So sehr die spekulativen Firmen sich auch darum bemühten, jegliche Bewohner von den erworbenen Immobilien fernzuhalten – in Son Gotleu bleibe kaum eine Wohnung länger als 24 Stunden leer stehend. „Selbst unsere Wohnung, die keiner Bank gehört, können wir keine drei Tage verlassen, ohne dass jemand versucht, sie zu besetzen. Wir mussten extra Überwachungskameras anbringen, aber das ist doch kein Zustand", findet Vilches.

„Was soll ich tun, wenn ich keine Sozialwohnung finde? Mit meinen Kindern auf der Straße schlafen? Nein", sagt Inés Cano. Die MZ trifft die junge Frau in einem der Nachbargebäude, in dem Divarian ebenfalls mehrere Wohnungen gehören. „Wir sind vor etwa fünf Monaten einfach in die Wohnung rein, die Tür war nicht versperrt", sagt Cano und gewährt Einlass. Zwei Kleinkinder wirbeln um ihre Beine, ihr Lebensgefährte sitzt mit einem winzigen Neugeborenen auf dem Arm im Wohnzimmer, eine Frühgeburt, gerade mal zweieinhalb Wochen alt. In der Küche fehlt stellenweise die Fliesung, zu sehen ist der nackte Stein, durch den defekten Fensterrahmen zieht kalte Luft hinein. „Wir haben schon Kleinigkeiten hier repariert auf unsere Kosten und halten die Wohnung täglich instand. Die Firma oder die Bank oder wem auch immer sie jetzt ­gehört, sollte sich freuen", so Cano. Auch sie würde gern eine geringe soziale Miete bezahlen. „Wir können uns die normalen Mieten in Palma einfach nicht leisten. Aber klar wäre es gut, wenn wir hier leben könnten, ohne Angst zu haben, dass sie uns rauswerfen."

Nicht nur in Son Gotleu

Nicht nur in Son Gotleu, auch in Palmas ebenfalls sozial benachteiligtem Viertel Corea in Camp Redó hat Divarian zugeschlagen. Seit sieben Jahren wohnt Pilar Rodríguez (62) hier in einer 28-Quadratmeter-Wohnung zur Miete. Anfangs hatte sie die monatlichen Abgaben an einen privaten Eigentümer gezahlt, irgendwann behielt die BBVA seine Immobilie ein und forderte Rodríguez auf zu gehen. Doch sie weigert sich bis heute. „Schon seit Jahren drohte mir die Bank immer wieder damit, die Wohnung zwangszuräumen", berichtet die Frau sichtlich verzweifelt. Seit September ist nun Divarian der offizielle Eigentümer – und hält an den Räumungsplänen fest. „Das Einzige, was wir von Divarian bekommen haben, ist ein Schreiben, in dem steht, wohin wir die Abgaben für die Hausgemeinschaft überweisen müssen." Ohne weitere Daten oder Möglichkeiten zur Kontaktaufnahme.

Kampf gegen Räumungen

In regem Kontakt ist Rodríguez dagegen mit Joan Segura von der Bürgerplattform „Stop Desnonaments". Mit zahlreichen Mitstreitern kämpft er seit Jahren unermüdlich dafür, dass Sozialschwache auf Mallorca nicht auf die Straße gesetzt werden. In den Jahren der Wirtschaftskrise seien meist Menschen betroffen gewesen, die ihre eigenen Hypotheken nicht mehr bezahlen konnten und deshalb von den Banken zum Auszug gezwungen wurden, erzählt er. Heute seien es vor allem Mieter, die bei den extremen Preissteigerungen gerade in Palma einfach nicht mithalten könnten.

Auch Segura bestätigt: Die Übernahme vieler Immobilien durch Investmentgesellschaften erschwere die Verhandlungen. „Einfach, weil man niemanden hat, an den man sich wenden und die Forderungen loswerden kann." Erst vergangene Woche habe die Organisation endlich jemanden ans Telefon bekommen. An die Presse weitergeben will Segura den Kontakt derzeit aber noch nicht. „Wir sind ganz am Anfang der Verhandlungen." An Aufgeben wolle man auf keinen Fall denken. „Du musst hier nicht raus, wir machen das schon", sagt Joan Segura und klopft Pilar Rodríguez aufmunternd auf die Schulter.

Dass Zwangsräumungen tatsächlich verhindert werden können, zeigt sich immer wieder. Erst Ende Januar war es „Stop Desnonaments" gemeinsam mit anderen Bürgervereinigungen gelungen, durch eine Menschenkette und lautstarke Proteste zu verhindern, dass eine Familie in Son Gotleu aus einer Divarian-Wohnung vertrieben wurde. Zumindest fürs Erste.

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