05. September 2020
05.09.2020
Mallorca Zeitung

"Mit Kurzarbeit keinerlei Chance auf eine Mietwohnung"

Corona und der heimische Wohnungsmarkt: Verbandssprecherin Natalia Bueno über verhinderte Kunden, zurückhaltende Käufer und die Entwicklung der Preise

05.09.2020 | 01:00
Um dem Mangel bezahlbarer Wohnungen auf Mallorca zu begegnen, fördert die Landesregierung den sozialen Wohnungsbau.

Natalia Bueno gießt in ihrer Immobilienagentur in Binissalem gerade die Büropflanzen, als die Mallorca Zeitung anruft. Die Zurückhaltung der Kunden präge nun einmal derzeit den einheimischen Markt, erklärt die Unternehmerin, die auch Vorsitzende der Vereinigung der Immobilienmakler auf den Balearen (API) ist. Viele Käufer und Mieter sind in Kurzarbeit, Gewerbeimmobilien werden aufge­geben, Umland statt Palma – rund ein halbes Jahr, nachdem die Pandemie die Balearen ­erreichte, zeigen sich die Auswirkungen des ­Virus auf den einheimischen Immobilienmarkt immer deutlicher.

Mehr als zwei Monate dauerte im Frühjahr der Shutdown in Spanien. Inwieweit hält der Trend im heimischen Markt an, dass Kunden speziell Immobilien mit Balkon, Terrasse oder Garten stärker nachfragen?
Diese Entwicklung haben wir vor allem im Mietmarkt festgestellt, seit den Besichtigungsterminen im Mai. Die Nachfrage nach Land- und Dorfhäusern macht sich deutlich bemerkbar, und so einige Mieter haben Palma den ­Rücken gekehrt, um in Orten zu wohnen, die bis zu einer halben Autostunde entfernt sind. Es gab auch im Käufermarkt mehr An­fragen und Besichtigungstermine von Dorfhäusern, wobei es dann aber seltener zum Kauf kam. Wenn der Preis für eine Wohnung nicht der derzeitigen Situation angepasst ist, findet sie keinen Käufer. Wer zu Preisen von vor der ­Corona-Krise verkaufen will, wird ­keinen Erfolg haben. Viele Käufer warten, dass die Preise sinken.

Welche Rolle spielt es, dass viele mögliche Käufer oder Mieter derzeit und bis auf Weiteres in Kurzarbeit (ERTE) sind?
Wir müssen abwarten, wie viele die Arbeit letztendlich wieder aufnehmen können und wie viele arbeitslos werden. Hinsichtlich des Kaufs oder der Miete einer Wohnung sind diese Menschen praktisch insolvent. Mit einem ERTE erhält man keine Hypothek, dafür braucht es einen regulären Arbeitsvertrag und Ersparnisse in Höhe von rund 20 Prozent des Kaufpreises. Und wenn eine Versicherung gegen den Ausfall von Mieteinnahmen verlangt wird, hat man mit einem ERTE auch keinerlei Chance auf eine Mietwohnung.

Wenn verstärkt auf dem Land gesucht wird, entspannt sich der überhitzte Mietmarkt im Stadtbezirk von Palma?
Speziell im Mietmarkt ist der Druck geringer geworden. Die Mietpreise hatten die Decke erreicht, schon vor Corona wichen viele Menschen ins Umland aus. Die Mietpreise werden nun angepasst. Und wenn die Nachfrage ausbleibt, werden die Mietpreise weiter sinken.

Was die Restriktionen für die Ferienvermietung in Palma nicht erreichten, dafür sorgt nun das Coronavirus?
Gewissermaßen hat das Virus Anteil an dieser Entwicklung. Es kommen derzeit viele Wohnungen auf den Markt der Langzeitvermietung, die zuvor an Urlauber vermietet wurden. Wenn das Angebot zunimmt und die Nach­frage nachlässt, dann sinken die Preise.

Wie sieht das konkret aus?
Bei den Mieten von mehr als 900 Euro hat sich eine Senkung bemerkbar gemacht, so etwa um zehn bis 15 Prozent. Bei Mietpreisen unter diesem Wert ist die Entwicklung dagegen stabil, da die Nachfrage in diesem Bereich weiter anhält. Der einheimische Kaufmarkt indessen stagniert derzeit, da jeder zunächst einmal die weitere Entwicklung abwartet.

Die spanische Bewertungsgesellschaft Tinsa hat für die Preise auf den Balearen und den Kanaren im Juli ein Plus von 0,3 Prozent gegenüber Vorjahr und ein Minus von 5,9 Prozent gegenüber Vormonat ausgewiesen. Deckt sich das mit Ihren Beobachtungen des einheimischen Markts auf Mallorca?
Seit ungefähr einem Monat beobachten wir Preisnachlässe von etwa fünf Prozent. Eigentümer, die dringend verkaufen müssen und ­sehen, dass sich kein Käufer findet, machen diese Nachlässe. Andere dagegen warten ab.

Welche praktischen Auswirkungen hat die Corona-Krise – finden derzeit Besichtigungen wie früher statt?
Die meisten Agenturen haben sich an die neuen Technologien angepasst, das beobachten wir vor allem im internationalen Markt: Fotos in 3-D, virtuelle Besuche und so weiter. Aber fast niemand kauft eine Wohnung oder ein Haus, bevor er es nicht auch vor Ort gesehen hat. Viele Besichtigungstermine, die für ­August geplant waren, wurden deswegen ­wegen der Quarantäne-Auflagen von Groß­britannien und der deutschen Reisewarnung abgesagt. Einige Interessierte kommen aber trotzdem. Wir werden in der Statistik von ­Oktober sehen, wie viele Verkäufe letztend­lich dennoch formalisiert wurden.

Die Käufe in diesem Segment verlagern sich auf die Zeit, wenn es eine Impfung gibt?
Die Impfung wird von allen als Lösung angeführt, aber das ist die Theorie. Mal schauen, wie es der Tochter von Putin innerhalb eines Jahres geht. Ich glaube nicht, dass alle Probleme von einem Tag auf den anderen gelöst sind, wenn die Impfung auf den Markt kommt. Die Perspektiven für das kommende Jahr sind zum jetzigen Zeitpunkt noch unklar.

Was ist mit den Gewerbeimmobilien?
Die Lage ist dramatisch. So gut wie jeden Tag werden Lokale geschlossen und Schilder mit der Aufschrift „Zu vermieten" oder„Zu verkaufen" aufgehängt, auch gerade wegen der Restriktionen im Nachtleben. Das wird das Bild der Innenstädte verändern. Ich weiß nicht, wie man dieser Situation kurzfristig begegnen soll, aber die öffentliche Verwaltung muss die Umwandlung von Ladenlokalen in Wohnungen endlich erleichtern, natürlich unter Einhaltung aller Auflagen. Das kommt vielleicht nicht für die Altstadt infrage, aber für viele Viertel, die weniger frequentiert sind. Schon jetzt gibt es Lokale, die seit Jahren geschlossen sind, andererseits fehlen Wohnungen.

In der spanischen Wirtschaftskrise von 2008 kauften Fonds und Spekulanten vermehrt Objekte auf. Rechnen Sie mit einer solchen Entwicklung auch jetzt?
Fonds und Investoren suchen immer nach Gelegenheiten. Es eröffnen sich Chancen für Personen, die über das nötige Geld verfügen. Wer dagegen gezwungen ist zu schließen, muss beim Verkauf auch noch hohe Steuern der Gemeinden fürchten. Das ist nicht gerecht.

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