27. September 2020
27.09.2020
Mallorca Zeitung

Vom Aufstieg und Fall der Kubusbauten auf Mallorca

Verschachtelt und aufeinander­getürmt: Bei den Neubauten auf der Insel regiert unangefochten der Würfel. Dabei sind seine Tage bereits gezählt

27.09.2020 | 01:00
So oder so ähnlich sieht es gerade in vielen Orten auf Mallorca aus, wenn neu gebaut wird. Das Foto zeigt die 27 Einfamilienhäuser umfassende Anlage von TM Construcciones in Colònia de Sant Pere.

Wer dieser Tage aufmerksamen Auges über die Insel fährt, wird es bemerkt haben: Wo neu gebaut wird, entstehen meist Kubusbauten. Seien es Einfamilienhäuser, Doppelhaushälften oder Wohnanlagen: Allerorten werden Würfel aufeinander­gestapelt. Besonders eindrucksvoll sind etwa die Anlagen des Bauträgers TM Construcciones, der in Colònia de Sant Pere gerade 27 Einfamilienhäuser hochzieht (siehe Foto oben). Und auch die Mehrfamilienhäuser, die gerade in Palma gebaut werden, reihen sich nahtlos in diesen Trend ein, seien es exklusive Wohnungen im Viertel Nou Llevant oder auch Wohnanlagen in Son Rapinya oder Son Oliva.

Was dem Laien monoton und wenig typisch für Mallorca vorkommen mag, wird von Architekten auf der Insel verteidigt. „Ich finde es gut, dass man jetzt auf der Insel zeitgemäß baut", sagt etwa die deutsche Architektin Angelika ­Hermichen aus Felanitx. In den vergangenen Jahrzehnten habe man auf Mallorca häufig versucht, das Moderne mit dem traditionell Mallorquinischen unter einen Hut zu bringen. „Aber das ist sehr schwer zu erreichen und braucht einen guten Architekten und verständige Bauherren", sagt Hermichen.

Der Geschmack der Menschen habe sich geändert, die Kunden wollten heute klare Formen und große Fenster. Und dieses Bedürfnis erfüllen die Würfelbauten natürlich deutlich besser als verschachtelte Häuschen mit kleinen Balkonen und ­Balustraden, wie sie noch weit bis in die 2000er-Jahre hinein in vielen Urbanisationen auf der Insel errichtet wurden. Angelika Hermichen bevorzugt da allemal die „weißen Kisten", wie sie sagt. „Das tut keinem weh, denken auch die Käufer."

Den Ausblick zur Geltung bringen

Auch andere Architekten, wie etwa ­Alejandro Palomino aus Palma, erklären sich den Erfolg der weißen Kubushäuser mit dem Zeitgeist und dem, was gerade angesagt ist. „Gerade auf Mallorca ist eine solche Bauweise gut geeignet, weil durch die großen Fenster viel Licht hineinkommt und auch der Blick auf die schöne Landschaft oder das Meer besser zur Geltung kommt." Das für Mallorca eigentlich untypische, aber häufig eingesetzte Weiß sei dabei keine Geschmacksverirrung - ganz im Gegenteil: „Das Weiß sorgt für einen stimmigen Kontrast zu den Farben der Insel, wie etwa der roten Erde oder dem Blau des Meeres", sagt Alejandro Palomino.

Neben den ästhetischen haben die ­Kubusbauten aber auch praktische Vor­züge, wie Angelika Hermichen erklärt. „So verhindern die flach in die Fassade eingebauten großen Fenster Wassereintritte und ­andere Feuchtigkeitsprobleme." Hinzu komme, dass diese Häuser und Wohnungen gerade auch für die internationale Kundschaft attraktiv sind. „Der Käufer, der nach Mallorca kommt, will heute einen internationalen Stil", sagt Hermichen.

Und, wie gesagt, die Bauträger setzen das um, was die Kunden verlangen. „Sie bauen das, was sich am besten verkaufen lässt", sagt Alejandro Palomino, der allerdings auch ergänzt, dass die Zeit der ­Kubusbauten langsam ihrem Ende entgegengehen könnte. „Wir haben vor fünf Jahren sehr viel in dieser Art gebaut, inzwischen setzen wir verstärkt auf eine andere Architektur." Wenn die Menschen zu lange ein und dasselbe Muster sähen, langweile es sie irgendwann.

Und warum ist von diesem neuen Trend noch so wenig zu bemerken? Es sei ein langwieriges Unterfangen sei, bis ein Haus auf Mallorca fertiggestellt ist, sagt Palomino. Mit Lizenzen und Bau könnten durchaus mehrere Jahre ins Land ziehen, weshalb man den Paradigmenwechsel wohl erst in den kommenden Jahren ­sehen dürfte.

Die Rückkehr der Natur

„Inzwischen planen wir viele Häuser, die mit natürlichen Baustoffen, wie Steinen von der Insel oder Holz, gebaut werden", sagt Palomino. Hinzu komme der Trend, viel Vegetation, etwa auf dem Dach, anzubringen, um vor allem die Energiebilanz des Hauses zu verbessern – oder gleich ein Passivhaus zu bauen. Die Nachfrage danach steige spürbar. „Vor Kurzem hat uns eine spanische Familie den Auftrag gegeben, in Cala Vinyes ein Haus zu bauen, das nicht nur keine Energie verbraucht, sondern auch noch zusätzlich Strom herstellt für die beiden Elektroautos der Familie", sagt Palomino. In dieser Radikalität sei das noch eine Ausnahme, aber Aufträge für Energiesparhäuser kämen häufig.

Ein weiterer inzwischen stark aufkommender Trend ist der nach den sogenannten Smart Homes. „Die Leute wollen, wenn sie es sich leisten können, immer mehr Technologie, sie wollen mit ihrem Haus sprechen können und von überall auf die Technik zugreifen", betont Alejandro Palomino.

In Zeiten der Pandemie sei den Menschen darüber hinaus wichtig, dass das Haus nach Möglichkeit mehrere Terrassen und Balkone biete und dass zwischen den Innen- und Außenräumen eine harmonische und enge Verbindung besteht.

Angelika Hermichen indes freut sich, dass es mit Alejandro Palomino und anderen jungen Inselarchitekten vielversprechendes Personal gibt, um anspruchsvolle und gelungene Häuser zu bauen. Sie hebt dabei auch den sozialen Wohnungsbau ­hervor, der in den vergangenen Jahren ­zunehmend hochwertiger geworden ist. „Speziell das Posidonia-Projekt von ­Carles Oliver mit der Dämmung von Häusern mithilfe von Seegras ist eine tolle Sache", sagt die deutsche Architektin. „Man sollte viel mehr mit alten Verfahren und Materialien auf Mallorca bauen."

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