31. Oktober 2020
31.10.2020
Mallorca Zeitung

Nou Llevant - dieses Viertel ist die Hoffnung von Mallorca

Palmas Viertel der Zukunft nimmt Formen an: Während Bauträger bereits Apartmentblocks hochziehen, setzt das Rathaus auf innovative Branchen, Kultur und sozialen Wohnungsbau. Auch die Uni ist mit an Bord. Und die EU soll 77 Millionen Euro beisteuern

31.10.2020 | 18:37
Nou Llevant - dieses Viertel ist die Hoffnung von Mallorca

Als das Viertel in Palmas Osten vor inzwischen sieben Jahren seinen Namen wechselte, konnte das nicht jeder Bewohner nachvollziehen. Das Polígono Levante – wörtlich: östliches Gewerbegebiet – heißt seitdem offiziell Nou Llevant, obwohl es wenig Neues zu bieten hatte. Heute ist das anders: Der Baufortschritt von ganzen Blocks mit exklusiven Wohnungen lässt sich praktisch täglich beobachten. Weitere Projekte wie der neue Sitz der Balearen-Sinfoniker oder eine Zirkusschule sind beschlossene Sache. Und die Pläne von öffentlicher Verwaltung und privaten Investoren für die nahe Zukunft entwickeln in diesen Wochen eine Dynamik, die dem Namen des Viertels endlich gerecht wird: Im Nou Llevant entstehen nicht ein paar neue Gebäude, hier wird in jeder Hinsicht an der Stadt der Zukunft gebaut.

„Das ist eine einzigartige Chance", sagt José Juan Novás, „jetzt ziehen alle an einem Strang." Der frühere Generaldirektor der Landesregierung im Finanz- und Wirtschaftsministerium und heutige Rentner weiß, wovon er spricht, er war auch in die Konzeption des Technologieparks Parc Bit nördlich von Palma involviert. Novás gilt als geistiger Vater des neuen Distrikts, und er hilft dabei, die verschiedenen Akteure an einen Tisch zu bringen. Und wenn er optimistisch ist, dann liegt das vor allem an drei Dingen: Die Investitionen sind längst keine Zukunftsmusik mehr, große Bauträger ­investieren hohe Summen in ihre Wohnungsprojekte. Die öffentliche Verwaltung steht inmitten der coronabedingten Wirtschaftskrise unter Zugzwang und muss konkrete Zukunftsprojekte vorweisen, die Alternativen zum gebeutelten Tourismus bieten. Und: Es dürften, wenn alles klappt, hohe EU-Subventionen zur Finanzierung der Projekte fließen.

Gegensätzliches Viertel

Eigentlich sollte das Projekt noch größer sein und das gesamte Gebiet zwischen Meerespromenade, Innenstadtring (Avenidas), der Ausfallstraße Carrer Manacor und der Ringautobahn umfassen. Der Vorteil: Dann wäre mit dem Viertel Foners, das an die Avenidas grenzt, auch ein „konsolidierter" Stadtteil mit dabei gewesen, wie es in Palma zahlreiche weitere gibt. Man hätte das Projekt dann wie eine Blaupause für viele andere, reformbedürftige Viertel in der Balearen-Hauptstadt anwenden können, so Novás. Stattdessen konzentriert sich das Vorhaben auf die zum beträchtlichen Teil noch unbebauten Flächen weiter östlich sowie den sozialen Brennpunkt La Soledat Sud an der Manacor-Straße.

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Kein Standort auf Mallorca dürfte ein derartiges Entwicklungspotenzial haben: reihenweise noch bebaubare Parzellen, Blick aufs Meer, das In-Viertel Portitxol in Gehweite. ­Anbindung an die Ringautobahn, keine zehn ­Autominuten zum Flughafen. Auch die ­künftige Straßenbahn zum Airport soll hier vorbeiführen. Niedergelassen hat sich bereits Tennisstar Rafael Nadal mit seiner Stiftung, das Kongresszentrum inklusive Hotel ist seit in­zwischen drei Jahren in Betrieb. Man wundert sich, dass hier nicht längst alles zugebaut ist.

Startschwierigkeiten

Doch so lang die Liste der Standortvorteile, so viele Probleme ergaben sich auch in der Anfangsphase, nachdem in der Legislaturperiode 2003–2007 die Grundlagen für den Wandel gelegt worden waren. Mit dem Beschluss zum Bau des Kongresszentrums am Standort der früheren Messehallen änderten die regierenden Konservativen damals einen Großteil der Parzellen und des Straßenverlaufs. Doch die Ausschreibung des Kongresszentrums erwies sich als Fiasko, ein komplizierter Rechtsstreit um das Gesa-Gebäude direkt nebenan verkomplizierte die Grundstückdeals im Nou ­Llevant, und die Wirtschaftskrise tat ihr Übriges. Ohnehin ließ der Bebauungsplan (PGOU)
lange Zeit auf sich warten, und Konzerne in Wartestellung blockierten die Parzellen.

Aber das ist die Vergangenheit. Die Zukunft beschreibt die von Novás gegründete Initiative Ramon Llull 2030. Nou Llevant soll demnach ein „kompakter" Distrikt werden, in dem die Menschen ohne lange Anfahrtswege gleichzeitig wohnen, arbeiten und ihre Freizeit verbringen können. Nou Llevant soll den viel beschworenen Kriterien der wirtschaft­lichen, sozialen und ökologischen Nachhaltigkeit gerecht werden. Und Nou Llevant soll die Konzepte einer Smart City umsetzen, mit intelligenten Lösungen in allen Bereichen des öffentlichen Lebens.

Es geht um das Viertel, es geht aber auch um die ganze Insel. „Ich sah auf der einen Seite ein Stadtviertel, das dringend erneuert werden muss, auf der anderen Seite aber auch die Strukturdefizite in der Balearen-Wirtschaft, die bislang einseitig vom Tourismus abhängt", erklärt Novás den Ursprung des Projekts. Als strategische Wirtschaftsbereiche für das Nou Llevant nennt er die Schiffsbranche, Umwelttechnologien sowie die Wissensökonomie und Kulturindustrie.

Die Strategie des Rathauses

Auch im Rathaus von Palma hat man sich inzwischen viele Gedanken gemacht und wertet die Ergebnisse einer Studie aus, die der Experte für innovativen Städtebau, Miquel Barceló, verfasst hat – er verantwortete mehrere Jahre lang das Projekt 22@, mit dem 200 Hektar Industriegebiet in Barcelonas Viertel Poblenou umstrukturiert worden sind.

Baudezernentin Neus Truyol nennt im Gespräch mit der MZ ganz ähnliche Branchen wie Novás. „Wir haben analysiert, welche Bereiche strategisch wichtig und gleichzeitig im Nou Llevant gut aufgehoben sind", so Truyol. Da wäre zum einen die Green Economy, gerade auch weil die Balearen stärker als andere Regionen von den Folgen des Klimawandels betroffen seien. Im Bereich Wissensgesellschaft und Innovation verweist Truyol auf ein Abkommen mit der Balearen-Universität, das die Ansiedlung von Bereichen des Lehrbetriebs im Nou Llevant vorsieht. Gelingen soll das über zusätzlichen öffentlichen Grund, ohne dabei Parzellen zu enteignen. Die Idee: Privaten Bauträgern wird mehr Bauvolumen zugestanden, im Gegenzug müssen sie einen Teil ihrer Fläche der Stadt überlassen.

Als drittes Standbein nennt die Stadträtin die Kulturindustrie, gerade der Bereich der audiovisuellen Produktion sei vielversprechend. Zudem ergäben sich interessante Synergien mit weiteren Projekten. Da ist zum einen der neue Sitz der Balearen-Sinfoniker (Caixa de Música), der aus Mitteln der Touristensteuer sowie einer Spende von zwei Millionen Euro des deutschen Logistik-Unternehmers Klaus-Michael Kühne finanziert wird. Zum anderen ist auch die Einrichtung einer Zirkusschule in der früheren Textilfabrik Can Ribas beschlossene Sache.

Das Industriedenkmal steht in Soledat Sud – wer hier mit dem Auto durchfährt, kann die drängenden sozialen Probleme fast mit Händen greifen. Die Häuser sind heruntergekommen, die Straßen vermüllt, immer wieder gibt es Drogenrazzien. Truyol ist es angesichts dieses sozialen Brennpunkts wichtig, dass das neue Viertel nicht nur der Wirtschaft, sondern auch den Menschen zugutekommt: „Wir wollen das Viertel in jeder Hinsicht erneuern." 400 Sozialwohnungen seien in dem Bereich ­geplant – eine gewaltige Zahl angesichts von rund 1.500 Sozialwohnungen im gesamten Stadtbezirk. Auf diese Weise wolle man von vorne­herein verhindern, dass wie in anderen Vierteln ein Effekt der Gentrifizierung einsetze.

Mehr als Wohnungen bauen

Von einem solchen will man auch bei den ­Bauträgern nichts wissen, die derzeit Apartmentblocks hochziehen oder den Baubeginn dafür vorbereiten. Die Mehrheit der Käufer seien Spanier, so Hans Lenz, die Mischung der ­Zielgruppe stimme. Der Managing Director bei Engel & Völkers Mallorca Southwest und Vorsitzende des Branchenverbands ABINI fungiert in Sachen Nou Llevent ähnlich wie Novás als Brückenbauer und bereitet den Boden dafür, dass die Investoren mit den anderen Beteiligten möglichst an einem Strang ziehen.

Die Bauträger seien daran interessiert, dass ein gesundes und attraktives Viertel entstehe, so Lenz. „Im Vordergrund stehen die Bürger. Es geht hier nicht darum, mehr Wohnungen zu verkaufen, die Nachfrage ist ohnehin da." Gebaut werde beileibe nicht nur im Luxussegment, zudem werde es auch Wohnungen zur Miete geben. Allen Wohneinheiten sei aber gemein, dass sie die maximalen Anforderungen für Energieeffizienz erfüllten.

Die vier Bauträger AvantEspacia, Gestilar, Metrovacesa und Xojay haben sich inzwischen zusammengetan, um gemeinsam eine digitale Plattform zu entwickeln. Sie soll die Gebäude und Projekte im Nou Llevant in drei Dimensionen darstellen, so ähnlich wie bei Google Maps oder Google Street View. Inbegriffen seien nicht nur bereits genehmigte Gebäude, man werde auch auf den noch freien Parzellen das Potenzial für weitere Projekte darstellen, so Sprecher Jordi Roig. Er betont zudem, dass man offen sei für die Zusammenarbeit mit weiteren Investoren, die neue Plattform solle ein digitaler Treffpunkt für alle Beteiligten sein: „Wir alle sind das Nou Llevant." Aber auch von außerhalb seien Anregungen willkommen, fügt Hans Lenz hinzu. Ohnehin habe das Nou Llevant längst Interesse bei internationalen Investoren geweckt, die sich hier gut einen Standort vorstellen könnten und Synergien erhofften. Das Image des ehemaligen Polígono Levante ändere sich nun allmählich.

Schaufenster der Universität

Dieses angestrebte Mit- und Nebeneinander macht den Standort auch für die Universität interessant. „Es geht nicht darum, dass wir mit Abteilungen umziehen und ein eigenes Gebäude haben, sondern darum, dass wir Präsenz zeigen", erklärt Jordi Llabrés, Vizerektor der UIB im Bereich Innovation. Ein bisschen Vorbild sei das Silicon Valley – man wolle Teil dieses neuen „Ökosystems" sein und Tür an Tür mit Firmen aus aller Welt arbeiten.

Am weitesten fortgeschritten sind die Pläne für die Ingenieurswissenschaften, die laut Llabrés bislang in verschiedenen Abteilungen verstreut sind und im Nou Llevant zusammengeführt werden sollen. Daneben gebe es eine bislang kleine Gruppe von Wissenschaftlern im Bereich erneuerbarer Energien, sie könnten am neuen Standort den Kern einer größeren Forschungsgruppe bilden. Der Vizerektor nennt zudem den Master-Lehrgang in Computeranimation (Ladat). Der sei zwar im Gewerbepark Parc Bit gut aufgehoben, könnte aber mit Ausstellungen und Präsentationen permanent im Nou Llevant vertreten sein. „In dem Viertel gibt es fünf Schulen. Statt die Schüler mit Bussen raus zu uns zu fahren, wären wir in Zukunft praktisch Nachbarn."

Die EU soll es bezahlen

Sowohl für die Projekte mit der Balearen-Universität als auch für den sozialen Wohnungsbau wird viel Geld nötig sein. Dabei hofft die Stadt auf die Hilfe der Europäischen Union, zumal die Balearen als Tourismusdestination besonders stark von der Corona-Krise gebeutelt sind. Dank der strategischen Vorarbeit im vergangenen Jahr seien die Anträge auf die Subventionen bereits raus, so Truyol. Sie beziffert die beantragten Hilfen mit insgesamt 77 Millionen Euro. Der Betrag ist Teil eines Subventionspakets von insgesamt 350 Millionen Euro, auf das die Balearen-Hauptstadt hofft.

Und man kann davon ausgehen, dass Palma in den kommenden Wochen und Monaten weitere Projekte und Initiativen vorstellen wird. Derzeit werde analysiert, wie der öffentliche Grund im Nou Llevant verwendet werde, so Baudezernentin Truyol. Fest steht, dass das städtische Institut für Innovation (IMI) neue Räumlichkeiten bezieht, und zwar in einem Souterrain des Parks neben dem Gesa-Gebäude, aber mit Meerblick. Und man darf gespannt sein, was auf den weiteren Parzellen passieren wird. Was etwa sind die Pläne des Bau- und Energiekonzerns Sampol mit der früheren Schuhfabrik Gorila in La Soledat? Und welcher Nutzung wird das denkmalgeschützte Gesa-Gebäude zugeführt, wenn der Rechtsstreit irgendwann mal beigelegt ist?

Dass das Projekt Nou Llevant so enden könnte wie andere vollmundig angekündigte, aber letztendlich gescheiterte Großvorhaben auf Mallorca, befürchtet Truyol nicht. „Alle Beteiligten sehen die dringende Notwendigkeit und die große Chance", so die Politikerin, „Politik und Wirtschaft sind sich einig." Zudem handle es sich um ein „transversales Projekt" mit Einzelvorhaben, die jeweils ihrem eigenen Rhythmus folgten. Manche Ergebnisse werde man schon nächstes Jahr sehen, andere erst in fünf Jahren. Llabrés von der Balearen-Uni spricht sogar von einem Projekt mit einem Zeitraum von 15 bis 20 Jahren, für das man jetzt die Weichen stelle.

Oder wie es José Juan Novás formuliert: Die Dinge ergeben sich, wenn ihre Zeit gekommen ist. Und jetzt sei es so weit.

Kommentar: Der Boden für das Viertel der Zukunft ist bereitet

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