"Menschenunwürdige Preise": Wie ein deutscher Rentner am Mietmarkt in Cala Ratjada verzweifelt

Gerd Müllers wohnt seit 14 Jahren in Cala Ratjada. Jetzt wurde dem 81-Jährigen der Mietvertrag gekündigt. Nun weiß er nicht, wie er auf dem überteuerten Immobilienmarkt eine Bleibe finden soll

Betagt, unzertrennlich und verliebt in Cala Ratjada: Gerd Müllers und sein Hund Tommy.

Betagt, unzertrennlich und verliebt in Cala Ratjada: Gerd Müllers und sein Hund Tommy. / Sophie Mono

Sophie Mono

Sophie Mono

Gerd Müllers führt ein ruhiges Leben. Mehrmals am Tag geht er mit Hund Tommy um den Block, schwatzt mit den Nachbarn. Wenn das Wetter und Corona es zulassen, gönnt er sich ab und an einen Kaffee in seinem Stammcafé, ein paar Straßenecken entfernt. Aber zumeist sitzt er auf dem Sofa seiner Parterrewohnung in einem 36-Parteien-Haus in Cala Ratjada, schaut deutsches Fernsehen oder genießt den Blick über den kleinen Vorhof ins Grüne auf der gegenüberliegenden Straßenseite. „Eigentlich wollte ich so lange in dieser Wohnung bleiben, bis sie mich mit den Füßen nach vorne raustragen“, sagt der 81-Jährige. Doch daraus wird nichts. Der Vermieter hat Eigenbedarf angekündigt, ab April braucht der deutsche Rentner eine neue Bleibe – und hat keine Ahnung, wie er im überteuerten Cala Ratjada eine Wohnung finden soll.

„So schlecht wie jetzt ging es mir noch nie, seit ich auf Mallorca lebe. Noch nicht einmal, als meine Ex mich verlassen hat“, sagt Müllers. Dabei ist er eigentlich eine Frohnatur, hat immer einen flotten Spruch auf den Lippen. Doch die Ungewissheit, wie es mit ihm weitergehen soll, nimmt ihm den Humor, die Nervosität steigt. Am 1. Oktober teilte ihm der Vermieter mit, dass angeblich seine Tochter die Wohnung beziehen wolle, Müllers habe sechs Monate Zeit, sich etwas Neues zu suchen.

„50 Euro mehr an Miete könnte ich noch irgendwie abzwacken, aber mehr als 500 kalt kann ich unmöglich zahlen.“

Seit zehn Jahren lebt der Rentner in der etwas düsteren, abgewohnten Mietwohnung, in der die Bodenfliesen an einigen Stellen hochkommen und die zum Inventar gehörige Waschmaschine nicht einwandfrei funktioniert. Beschwert hat er sich nie, war froh, als sein Mietvertrag noch im September für zwei Jahre verlängert wurde. „Ich habe keine großen Ansprüche. Für mich ist es ganz einfach: Ich fühle mich wohl, der Vermieter kriegt pünktlich seine Miete, und alles paletti.“

Die Kündigung habe ihn wie ein Dolchstoß in die Brust getroffen, sagt er. Auch auf menschlicher Ebene. Denn das Verhältnis zum spanischen Eigentümer sei zuvor immer gut gewesen. An jedem ersten Tag im Monat ruft Gerd Müllers ihn an. „Meist um 10.30 Uhr, das hat sich so eingependelt mit den Jahren.“ Der Vermieter nennt ihm dann stets die anfallenden Nebenkosten und kommt anschließend zum Kassieren vorbei. 450 Euro Miete und rund 85 Euro für Strom, Wasser und Gas.

„Das können sich doch auch keine normalen spanischen Familien oder gar Alleinerziehende mehr leisten. Die Preise sind menschenunwürdig.“

Müllers bleiben dann nur noch knapp 300 Euro zum Leben – denn die Hälfte seiner deutschen Rente muss der ehemalige Versicherungsfachmann als Versorgungsausgleich an seine Ex-Frau in Deutschland zahlen. „Damit komme ich zurecht, ich brauche ja nicht viel“, so Müllers. Aber Spielraum hat er nicht. „50 Euro mehr an Miete könnte ich noch irgendwie abzwacken, aber mehr als 500 kalt kann ich unmöglich zahlen.“

Mit diesem Budget ist es in Cala Ratjada derzeit praktisch unmöglich, etwas zu finden – zumal Müllers wegen eines Rückenleidens keine Treppen steigen kann und auf eine Erdgeschosswohnung angewiesen ist. Auto fährt er seit 2013 nicht mehr. „Ich muss also im Zentrum bleiben, wo alles fußläufig zu erreichen ist.“

Seit er die Hiobsbotschaft im Herbst erhalten hat, hört sich die Wirtin seines Stammcafés für ihn um, ebenso seine ehemalige Lebensgefährtin, mit der Müllers 2007 nach Mallorca auswanderte. Bisher vergebens. „Nur einmal wurde mir eine Wohnung angeboten. Doch als die Eigentümerin erfuhr, dass ich einen Hund habe, sagte sie mir ab, weil er ihre Möbel zerkratzen würde. Dabei ist Tommy 14 Jahre alt und hat nie etwas zerstört.“ Die typischen „Se alquila“-Schilder sind so gut wie gar nicht mehr zu sehen.

„Ich will nicht mehr in Deutschland leben. Der Gedanke ist für mich das Allerschlimmste. Deutschland ist meine Heimat, aber mein Zuhause ist hier in Cala Ratjada.“

Dass die Mietpreise in Cala Ratjada ähnlich wie in fast allen Küstenorten der Insel in den vergangenen Jahren enorm gestiegen sind, bestätigt auch Domingo Chaparro von der örtlichen Immobilienagentur Perera & Partner. „Das ist ein echtes Problem. Vor allem steigen sie schneller als die Einkommen.“ Grund dafür sei, dass seit 2008 kaum neuer Wohnraum geschaffen worden sei, die Bevölkerungszahl aber steige. Auch Ferienvermietung trage zum Preisanstieg bei. „Es gibt schlicht keinen Wohnraum. Junge Leute können mit etwas Glück WGs bilden, aber für alte Menschen ist es schwer.“ Tipps habe er nicht. Eine Lösung sieht er nur im sozialen Wohnungsbau. „Die Regierung sollte das forcieren.“

Ein Blick auf die einschlägigen Vermietungsportale im Internet ergibt ein klares Bild. Hier fangen die Preise bei 650 Euro Kaltmiete an, meist gibt es dafür nur schlichte Ein-Zimmer-Wohnungen. „Ich frage mich, wie lange diese Tendenz noch so weitergehen soll“, sagt Gerd Müllers. „Das können sich doch auch keine normalen spanischen Familien oder gar Alleinerziehende mehr leisten. Die Preise sind menschenunwürdig.“

Es war 1983, als der Mönchengladbacher zum ersten Mal als Tourist nach Cala Ratjada gekommen war und sich auf Anhieb in den Ort verliebte. Jedes Jahr kehrte er im Urlaub zurück, bis seine damalige Lebensgefährtin ihn überredete, nach der Verrentung ganz nach Mallorca zu ziehen. Die vergangenen 14 Jahre auf der Insel haben den Deutschen gezeichnet. Er mag die Wärme, nicht nur klimatisch, sondern auch zwischenmenschlich. „Ich will nicht mehr in Deutschland leben. Der Gedanke ist für mich das Allerschlimmste. Deutschland ist meine Heimat, aber mein Zuhause ist hier in Cala Ratjada.“

Trotzdem rückt die Option, nach Deutschland zurückzukehren, mit jeder Woche, die verstreicht, näher. Nicht dass die Mieten im Zentrum von Mönchengladbach deutlich erschwinglicher seien. „Aber in Deutschland könnte ich wohl Wohnbeihilfe beantragen.“ Zwar sei dies in Spanien unter Umständen auch möglich. „Aber ich habe ja nie in Spanien gearbeitet und hier nie in Kassen eingezahlt. Ich könnte es moralisch nicht mit mir vereinbaren, jetzt Hilfe von diesem Staat zu verlangen, der ohnehin arm ist.“