„Keine Ahnung, wo wir hinsollen“ - Deutsche Familie in Cala Ratjada findet einfach keine Wohnung

Auch Auswanderer sind von der Wohnungsnot betroffen. Eine Familie hat sich in ihrer Verzweiflung an die MZ gewandt

Die Familie, hier am Hafen von Cala Ratjada, möchte lieber anonym bleiben.

Die Familie, hier am Hafen von Cala Ratjada, möchte lieber anonym bleiben. / Sophie Mono

Sophie Mono

Sophie Mono

Zwei kleine Kinder, zwei freundliche Hunde, zwei Katzen – eigentlich gute Voraussetzungen für ein friedliches Familienleben auf Mallorca – es sei denn, man ist auf Wohnungssuche. So, wie Michaela und Karsten Schmelzer (Namen geändert). Das Paar und ihr zwei- und vierbeiniger Anhang muss auf Druck der Eigentümer bis Ende Mai die Mietwohnung in Cala Ratjada verlassen, in der die Deutschen derzeit leben. „Aber wir haben keine Ahnung, wo wir hinsollen“, sagt Michaela. Wie viele andere Menschen auf der Insel bringt sie die Wohnungsnot fast zur Verzweiflung. „Wir können nicht ausziehen. Also werden wir ab Juni jeden Moment mit einer Räumungsklage rechnen müssen“, so Michaela Schmelzer.

Die 35-Jährige trifft die MZ bei einem Spielplatz im Küstenort, direkt am Meer. Sie wirkt ausgelaugt, in jedem ihrer Worte schwingt tiefe Erschöpfung mit. Und das nicht nur, weil der Sohnemann seinem weißen Hemd in Rekordzeit ein neues Fleckenmuster verpasst, oder seine Schwester plötzlich unbedingt ein Eis will. Die Angst davor, bald kein Zuhause mehr zu haben, überschattet den ohnehin schon trubeligen Alltag der berufstätigen Mutter. „Das Leben läuft ja einfach weiter, und es schlaucht, wenn man neben all dem anderen auch noch tags und nachts diese Sorge hat.“

Vielversprechender Neuanfang auf Mallorca

Dabei fing die Geschichte der Schmelzers auf Mallorca vielversprechend an. Das damals noch kinderlose Paar entschied sich 2016 zur Auswanderung. Sie hatte nach einem Schicksalsschlag das Bedürfnis, einen Neuanfang zu wagen, er einfach Lust auf Neues. Zunächst zog es sie nach Capdepera. Als ausgebildeter Koch fand Karsten schnell Arbeit, Michaela wurde bald schwanger. „Wir waren guter Dinge. Als ich 2019, nach der Babypause, erstmals einen Job suchte, hatte ich ganz schnell Glück“, so die Fremdsprachenassistentin.

Auch als sie vor zwei Jahren von Capdepera nach Cala Ratjada zogen, herrschte noch Optimismus vor. „Schon damals war es nicht leicht, eine Wohnung zu finden, aber kein Vergleich zu heute.“ Sie bekamen einen Mietvertrag auf zwei Jahre in dem Haus eines Mallorquiners. „Eigentlich stand das Haus damals zum Verkauf, doch der Besitzer ließ sich darauf ein, zumal er selbst in einer der beiden Wohnungen des Gebäudes lebte“, sagt Michaela Schmelzer. Das Verhältnis sei eher verhalten als freundschaftlich gewesen, Probleme habe es aber nicht gegeben. „Wir sind immer davon ausgegangen, dass der Mietvertrag verlängert würde, es war nie die Rede davon, dass wir ausziehen müssen.“

Plötzlich Eigenbedarf

Doch als der Eigentümer im Oktober 2023 starb, erbten seine vier Kinder. „Kurz vor Weihnachten teilten sie uns mündlich mit, dass eines ihrer Kinder, also ein Enkel des Verstorbenen, Eigenbedarf anmelden wolle. Das war für uns ein Schock.“ Denn Michaela Schmelzer weiß nur allzu gut, wie kritisch die Situation auf dem Mietmarkt in und um Cala Ratjada ist – sie arbeitet halbtags in einer Immobilienagentur. „Den ganzen Winter über kamen so gut wie gar keine Mietangebote herein.“ Die wenigen Ausnahmen waren für die Familie viel zu teuer. „Es fängt bei 1.700 Euro monatlich an. Wir können aber nur 1.000 Euro zahlen, allerhöchstens 1.200, mehr geht wirklich nicht“, so die 35-Jährige. Dabei suchen die Schmelzers keinen Palast. „Natürlich wären drei Schlafzimmer und etwas Außenbereich für die Tiere toll. Aber wir geben uns auch mit einer kleinen Wohnung mit zwei Schlafzimmern zufrieden.“

Niemand als Tabu-Kriterium

Um überhaupt Alternativen zu haben, schauten die Schmelzers in ihrer Not in den vergangenen Monaten auch über die Ortsgrenzen hinaus nach Objekten – obwohl die Kinder in Capdepera in die Schule und den Kindergarten gehen. Eine einzige Wohnung in Artà wäre erschwinglich gewesen, eine in Sant Llorenç nicht ganz so weit über dem Budget wie alles andere. In beiden Fällen scheiterten die Schmelzers an einem anderen Aspekt: „Niemand akzeptiert Hunde.“ Doch ihren mallorquinischen Schäferhund-Mischling und den American Bullterrier abzugeben, ist für die Schmelzers keine Option. „Sie gehören zur Familie und sind zwar groß, aber lieb. Sie fressen keine Möbel an oder so etwas, aber danach fragt ja niemand.“

Auch der parallele Versuch, durch eine Förderung der balearischen Wohnungsbehörde IBAVI eine Immobilie zu kaufen, schlug fehl. „Letztlich ist der Anteil, den wir selbst zahlen müssten, immer noch zu hoch.“ Ende März trudelte dann erstmals eine schriftliche Aufforderung ihrer aktuellen Vermieter ein, die Wohnung innerhalb von zwei Monaten zu verlassen.

In dem Schreiben eines Anwalts, das Schmelzer der MZ zeigt, ist nicht mehr von einem Enkel des ursprünglichen Besitzers die Rede, sondern von seiner verwitweten Frau, die getrennt von ihm auf dem Festland gelebt hat, und nun in das Haus ziehen möchte. „Ich glaube, sie wollen es verkaufen, aber beweisen kann ich das nicht“, so Michaela Schmelzer. So oder so – „wir wissen nicht, wo wir unterkommen sollen, also müssen wir bleiben. Obwohl ich natürlich nirgendwo wohnen will, wo ich nicht erwünscht bin.“ Familie, die sie übergangsweise aufnehmen kann, haben die Schmelzers auf Mallorca nicht.

Hoffnung auf Wohnraum

In ihrer Verzweiflung hat die Deutsche, der es merklich unangenehm ist, mit dem Thema an die Öffentlichkeit zu gehen, bereits Handzettel in Läden ausgeteilt, auf denen sie ihre Situation erklärt – in der Hoffnung, dass vielleicht doch jemand Wohnraum für sie hat. Auch mit den Sozialdiensten des Rathauses sind die Deutschen in Kontakt.

Ein dort vermittelter Pflichtverteidiger erklärte ihnen, dass er erst tätig werden könne, wenn die Mahnung zur Zwangsräumung vorliege. „Aber dann stehen wir kurz vor einem Zwangsräumungsprozess, das ist doch schrecklich“, sagt Michaela Schmelzer und Panik schwingt in ihrer Stimme mit.

„Ich hätte niemals gedacht, dass ich einmal in so eine Situation gerate. Wir haben doch immer pünktlich unsere Miete gezahlt und nie Probleme gemacht.“ Sie will nur eins: „Endlich wieder Ruhe im Leben, um das Gute genießen und planen zu können, wie es langfristig weitergeht. Wir sind am Limit.“

Eigentümer im Raum Capdepera, die mit der Familie Kontakt aufnehmen wollen, können sich per E-Mail an sophie@mallorcazeitung.es wenden.

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