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Gentrifizierung auf den Stalaktiten: In Portocolom sollen Luxuswohnungen über einer Höhle gebaut werden

Die Bevölkerung schlägt nach dem Abriss des alten Nonnenkonvents Alarm – aus mehreren Gründen

Rund sieben Kilometer lang sind die weit verzweigten Tunnel der Unterwasserhöhle Cova des Coll in Portocolom.

Rund sieben Kilometer lang sind die weit verzweigten Tunnel der Unterwasserhöhle Cova des Coll in Portocolom. / MIQUEL ÀNGEL PERELLÓ

Johannes Krayer

Johannes Krayer

Matthias Kahn (Name geändert) kann sich noch gut an den 26. November 2024 erinnern. In den Abendstunden – es war schon dunkel – rückte ein Abrissbagger im alten Kern von Portocolom an der Südostküste von Mallorca an und machte sich am nächsten Tag daran, das 108 Jahre alte Nonnenkloster an der Ecke der Straßen Mossén Tauler, Àncora und Alou niederzureißen. „Keine drei Tage hat es gedauert, dann stand von dem charmanten Gebäude mit Kreuzgang kein Stein mehr“, berichtet Kahn der MZ am Telefon. Der Deutsche, der seit fünf Jahren ein Häuschen direkt gegenüber des Klosters besitzt und drei bis vier Monate im Jahr auf Mallorca verbringt, beobachtete die Abrissarbeiten aus nächster Nähe und mit zunehmender Sorge.

Denn mitten in den Arbeiten tat sich plötzlich ein großes Loch unter dem bereits weitgehend plattgemachten Gebäude auf. „Ein bestimmt zehn Meter langer Eisenträger verschwand beinahe völlig in dem Loch, ein Bagger konnte ihn nur mit Mühe wieder heraushieven. Auch eine Wand ist in das Loch gefallen, woraufhin eine Wasserfontäne herausgespritzt ist“, berichtet Kahn, der den Abriss als eine „Hauruck-Aktion“ bezeichnet. Im Anschluss hätten die Arbeiter einfach massenweise Bauschutt in das Loch geschüttet, um es wieder zu verschließen. Nach vier Tagen sei das komplette Gelände eingeebnet gewesen, von dem ehemaligen Kloster habe man nichts mehr gesehen.

In Gelb die Gänge der Höhle. | FOTO: SOC. ESP. BALEAR

In Gelb die Gänge der Höhle. / Societat Espeleològica Balear

Wohl die Zisterne oder ein Wasserspeicher

Kahn war aus zweierlei Gründen beunruhigt: Zum einen liegt direkt unter dem Kloster eine weit verzweigte Unterwasserhöhle, die Cova des Coll. Der Deutsche vermutete, dass das Loch, das bei den Abrissarbeiten entstand, der Durchbruch zu einem Saal der Höhle gewesen sein könnte, die nun gedankenlos zugeschüttet worden sei. Zum anderen macht sich Kahn Gedanken über den geplanten Bau von Luxuswohnungen auf dem Grundstück.

Zumindest die erste Sorge kann Höhlenforscher Xisco Gràcia ein Stück weit nehmen. Er kennt die Cova des Coll in- und auswendig. „Es war die Höhle, in der ich das Höhlentauchen 1994 für mich entdeckt habe“, berichtet Gràcia am Telefon. Er war in den folgenden Jahren auch maßgeblich an der Erforschung der Höhle beteiligt, die bis dahin noch weitgehend unbekannt war. Inzwischen gehört der 61-Jährige zu den erfahrensten Höhlentauchern auf Mallorca.

Er schließt anhand der Pläne, die ihm vorliegen und des Fotos, das ihm die MZ zukommen lässt, aus, dass es sich bei dem Loch um einen Saal der Höhle handelt. „Ich gehe davon aus, dass es die frühere Zisterne des Klosters oder ein künstlich angelegter Regenwasserspeicher war“, sagt er. Nichtsdestotrotz ist Gràcia ob der Planungen für das Wohngebäude direkt oberhalb der Höhle ebenfalls besorgt.

Ein Bagger beim Abriss des Klosters. | FOTO: PRIVAT

Ein Bagger beim Abriss des Klosters. / privat

Unter dem Grundstück liegt ein Saal der Höhle

Denn direkt unter dem Grundstück, auf dem das Kloster stand, gibt es tatsächlich einen Saal. „Ich gehe davon aus, dass das Gestein an dieser Stelle nur etwa vier Meter dick ist. Das könnte für größere Träger oder andere Arbeiten ein Problem für die Statik der Höhle werden“, fürchtet Gràcia. Das Kloster sei zwar ein großes Gebäude gewesen, habe aber nur ein Stockwerk gehabt.

Sollte der Bauträger Taylor Wimpey, der das Areal gekauft hat und dort die Wohngebäude errichten will, mit mehreren Stockwerken planen, könnte es gefährlich für die Baustelle werden. Die Stabilität wäre dann nicht mehr garantiert, erklärt Gràcia. Auch für die Höhle wären die Schäden folgenschwer, sagt der Forscher. In den Gängen der Cova des Coll gebe es ein bemerkenswertes Ökosystem mit mindestens 15 Arten von wirbellosen Organismen.

"Kein Wohnraum für die Menschen von Portocolom"

Bei der Bürgerinitiative Salvem Portocolom fürchtet man ebenfalls negative Folgen, vor allem was eine drohende Gentrifizierung des ursprünglichen Ortsteils betrifft. Orestes Pérez, der Sprecher der Bewegung, sagt der MZ: „Die Immobilien, die Taylor Wimpey baut, beginnen alle bei etwa einer halben Million Euro für zwei Schlafzimmer. Da entstehen keine neuen Wohnungen für die Menschen von Portocolom, sondern einmal mehr Zweitwohnungen für wohlhabende Ausländer.

Pérez bedauert, dass sowohl die zuständige Gemeindeverwaltung Felanitx als auch der Inselrat das Kloster nicht erhalten und einem sozialen oder kulturellen Zweck zugeführt haben. „Man hätte ein Begegnungszentrum oder eine Seniorenresidenz einrichten können. Aber dafür hätte man natürlich Geld in die Hand nehmen müssen“, sagt Pérez. Es habe sogar einen möglichen Investor gegeben, der ein derartiges Projekt realisieren wollte, berichet Matthias Kahn. Doch der sei von Taylor Wimpey überboten worden.

Was nun genau an der Stelle des Klosters entsteht, ist noch nicht ganz klar. Eine Anfrage der Mallorca Zeitung bei Taylor Wimpey ergibt, dass der Bauträger bisher noch keine Lizenz für das Projekt hat. „Deshalb können wir weder genauere Infos zu den Wohnungen geben, die dort gebaut werden, noch zum geplanten Baubeginn“, erklärt ein Sprecher von Taylor Wimpey. Ziel sei es, die „Lizenz für Apartments sowie Reihenhäuser“ bis 2026 zu erhalten.

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