Anwohner gegen Riesen-Bauprojekt bei Cala Ratjada: Der Kampf geht weiter
Zwischenzeitlich hatten die Anwohner von Sa Pedruscada bei Cala Ratjada aufgeatmet: Sie glaubten, ein Mega-Bauprojekt verhindert zu haben. Ein Irrtum, wie sich bald herausstellte

Patrick Schirmer Sastre
Eigentlich sucht Trini Tarazaga Ruhe, wenn sie in ihr Zweithaus auf Mallorca kommt. Schon lange ist die Immobilie in der beschaulichen Küstensiedlung Sa Pedruscada in Familienbesitz. Hier, fußläufig zum wuseligen Cala Ratjada und doch abgeschirmt vom Lärm der Touristenhochburg, genießen neben einigen dauerhaften Bewohnern viele Teilzeit-Residenten ihre Wochenenden und Ferien. Palmesaner, Deutsche und Festlandspanier wie Trini Tarazaga haben längst den pittoresken Charme rund um die kleine Bucht und die Felsküste für sich entdeckt. Doch in den letzten Jahren sehen sie die Ruhe in Gefahr. Ein Bauträger plant ein Großbauprojekt und die Anwohner begehren dagegen auf. Zwischenzeitlich hatte es so ausgesehen, als ob die Anwohner das riesige Bauvorhaben verhindern könnten – doch das war ein Irrtum.
Überraschtes Staunen
Los ging alles im November 2022, als plötzlich Arbeiter mit Maschinen auf einem seit jeher leer stehenden, von Mittelmeerkiefern geprägten Grundstück aufschlugen. Nur wenige Hundert Meter vom kleinen Sandstrand entfernt liegt das Terrain, das viele nun, wo es bebaut werden soll, gerne als „grüne Lunge“ der Siedlung bezeichnen.
„Damals wurden schon einige Pflanzen entfernt, es war eine ziemlich radikale Entwilderung“, erinnert sich Trini Tarazaga, die regelmäßig zwischen Sa Pedruscada und ihrem Hauptwohn- und Arbeitsort Valencia hin- und herpendelt. In jenem Winter 2022/2023 habe bei den Anliegern zunächst überraschtes Staunen vorgeherrscht. „Keiner wusste, was los ist, und erst nach und nach bekamen wir heraus, dass dort gebaut werden soll“, so Tarazaga. Und das nicht zu knapp: mehr als 60 Wohneinheiten, meist in vierstöckigen Dimensionen, dazu 18 Pools.
„Eigentlich dachten wir, dass das Grundstück gar nicht bebaut werden darf“, sagt Tarazaga. Denn Ende der 1980er-Jahre hatte es schon einmal einen Versuch gegeben, die Fläche zu bebauen. Auch damals begehrten die Anwohner auf, sammelten Unterschriften. „1989 versprach das Rathaus von Capdepera, dass man die Bebauungslizenz für das aus mehreren Parzellen bestehende Grundstück entziehen wolle“, so Tarazaga. „Das Problem ist, dass dieses Versprechen nie umgesetzt wurde. Da keiner der Anwohner es nachprüfte, fiel es aber niemandem auf.“

Oben: nur eine Montage. Unten: So sieht das Grundstück aktuell aus / Salvem Sa Pedruscada
Drittes Großprojekt in Cala Ratjada
Bis zu jenem Tag im Ende 2022. Zunächst waren die Anwohner in Schockstarre. „Es ist die dritte Riesensiedlung, die der Bauträger TM in und um Cala Ratjada umsetzt. Doch in Sa Pedruscada sind dafür gar nicht die Voraussetzungen vorhanden.“ Das beginne schon bei der Kanalistation, die gar nicht bis zu dem Grundstück führe. Aber auch all die zusätzlichen Autos, die dann in der Gegend unterwegs sein würden, wären für diesen Ort überproportioniert.
Im Sommer 2023 formierte sich ein erster Protest. Die Bürgerplattform „Salvem Sa Pedruscada“ (Retten wir Sa Pedruscada) wurde ins Leben gerufen, wieder wurden Unterschriften gesammelt, mehr als 5.000 kamen zusammen. Allen voran waren es die Zweithausbesitzer, die zum Rathaus zogen, um zu erfahren, was geplant sei und wie man dagegen vorgehen könne. „Die Mallorquiner, die ständig dort wohnen, halten sich eher im Hintergrund“, so Tarazaga.
Vom Experten hintergangen
Zunächst habe sich Bürgermeisterin Mireia Ferrer (Volkspartei, PP) kooperativ gezeigt. Verbieten könne man den Bau nicht, wohl aber versuchen, ihn einzudämmen, etwa, indem man eine maximale Bauhöhe von zwei Stockwerken vorschreibe, oder dem Bauträger Steine in den Weg lege, habe es damals geheißen. „Das Rathaus sicherte uns zu, dass das Projekt erst einmal bis zum 31. Dezember 2024 auf Eis gelegt werde“, so Tarazaga. Parallel dazu legten die Anwohner finanziell zusammen, beauftragten einen Experten in Sachen Landschaftsbau, der daraufhin Studien anstellte, und zu dem Schluss kam, dass das Bauprojekt statt in die Höhe in die Breite gehen solle; sprich: mehr Fläche, aber weniger Stockwerke.
„Ohne mit uns darüber zu reden kontaktierte er daraufhin den Bauträger und schlug ihm diese Änderung vor. Wir wussten von nichts, erfuhren nur, dass die Firma bereit sei, das Projekt zu ändern und atmeten auf.“ Erst nach und nach sickerte durch, dass TM das Bauprojekt durch die Änderungen keinesfalls minimieren werde – im Gegenteil. Statt ursprünglich 60 Wohneinheiten sind nun 72 geplant. „Das war nach hinten losgegangen, wir fühlten uns von dem beauftragten Experten hintergangen.“
Ratschläge von den Umweltschützern
Mittlerweile war es bereits Frühsommer 2024. Einige Anwohner gaben sich geschlagen, andere wie Tarazaga gaben dennoch nicht auf. Sie nahmen Kontakt zu Umweltschutzorganisationen auf, sprachen mit Greenpeace und GOB. „Margalida Ramis vom GOB sagte uns, das Einzige, was man tun könne, sei, einen fähigen Anwalt zu engagieren und zu prüfen, ob es übergeordnete Vorschriften gibt, die den Bau aus Umweltschutzgründen doch noch verhindern könnten.“
Die Anwohner befolgten den Rat, schalteten einen Juristen ein. Und tatsächlich: Der Experte fand zahlreiche Punkte, an denen man ansetzen könne, um rechtlich gegen das Bauprojekt vorzugehen. So handele es sich nicht um Bauland (suelo urbano), sondern um Erschließungsland (suelo urbanizable). Zu prüfen sei, ob das Grundstück nicht eigentlich sogar als ländliches Gebiet (suelo rústico) zu klassifizieren sei, auf dem viel strengere Regelungen zum Bauen gelten. Zudem sei das Grundstück laut dem balearischen Risikoplan in unmittelbarer Nähe von überschwemmungsgefährdetem Gebiet.
Auch der Ressourcenaufwand, den all die neuen Wohnungen mit sich brächten, müsse unter Umweltgesichtspunkten genau untersucht werden. „All diese Beschwerden und Anmerkungen haben wir fristgemäß am 26. Dezember 2024 beim Rathaus eingereicht“, sagt Tarazaga.
Aufgeben ist keine Option
Zudem habe man eine offizielle Nachbarschaftsvereinigung gegründet, um juristisch auftreten zu können. Aktuell gehören ihr knapp 100 Menschen an. Noch habe man vom Rathaus keine Rückmeldung bekommen. Tatsächlich will die Gemeindeverwaltung auch in den Medien erst öffentlich Stellung nehmen, wenn die Beschwerden gründlich geprüft worden sind. „Wann genau das sein wird, wissen wir nicht. Wohl aber, dass wir nicht aufgeben werden“, so Tarazaga. Weder Spekulanten noch Politikern wolle man erlauben, das Gebiet „für immer zu zerstören“.
Von einer zwischenzeitlich angedachten Alternativ-Lösung ist Tarazaga wie viele andere Anwohner von Sa Pedruscada wenig angetan. So haben Schweizer Investoren angeboten, der Baufirma TM ein Kaufangebot zu machen, um auf dem Grundstück ein Seniorenheim zu errichten. „Natürlich wäre das für uns Anwohner angenehmer als die Eigentumswohnungen und Bungalows, aber letztlich ist es einfach Wahnsinn, so ein Grundstück überhaupt zu bebauen“, findet Tarazaga.
Abonnieren, um zu lesen
- Mit Til Schweiger, Jan Josef Liefer, Anna Loos, Herbert Knaup und Ellen von Unwerth: Großer Bahnhof bei den Jacobys auf Mallorca
- Temperatursturz, Warnstufen und dann kommt der Frühling auf Mallorca zurück
- Streiks bei Lufthansa und Eurowings: Ist Ihr Mallorca-Flug betroffen?
- Erste Folge von 'Zwischen Meer und Maloche': So viel hat Mallorca-Gastronomin Krümel als Ablösesumme für das 'Schatzi' gezahlt
- Nach Teileinsturz des Speisesaals: Hotel auf Mallorca muss erst einmal schließen
- Wetter auf Mallorca: Der Frühling nimmt schon wieder an Fahrt auf
- Regen, Kälte und Sturm: Wie lange das schlechte Wetter auf Mallorca anhalten soll
- Pottwal, Buckelwal und Co.: Diese Walarten tummeln sich im Meer rund um Mallorca
