Aktivisten vor der Großdemonstration gegen die Wohnungsnot auf Mallorca: "Ausländer sind nur ein Teil des Problems"
Am Samstag (5.4.) gehen wohl Tausende in Palma auf die Straße. Zu den Initiatoren gehört auch das systemkritische Sindicat de l’Habitatge

„Weder Leute ohne Wohnung – noch Wohnungen ohne Leute!“, lautet ein Slogan des Sindicat de l’Habitatge. | FOTO: B. RAMON / B. Ramon
Die Wohnungsnot auf Mallorca treibt die Menschen wieder auf die Straße. Für Samstag (5.4.) haben fünf Organisationen zu einer Kundgebung in der Innenstadt von Palma aufgerufen. Start ist um 12 Uhr an der Plaça d’Espanya. Von dort setzt sich der Zug über die Avenidas in Bewegung, um über die Via Roma zum Passeig del Born zu ziehen. Zeitgleich protestieren in vielen weiteren spanischen Städten Menschen gegen das „Geschäft mit dem Wohnraum“, wie es im Aufruf zur Demo heißt. Zu den Initiatioren gehörte auch das Sindicat de l’Habitatge in Palma. Miquel Durán (26) ist Sprecher dieser „Wohnraumgewerkschaft“ und erklärt die Beweggründe.
Was erwarten Sie sich vom 5. April?
Wir hoffen, dass viele Leute dem Aufruf folgen und dass wir in der Stadt sichtbar sind. Wir müssen erreichen, dass die Bevölkerung noch stärker für das Thema sensibilisiert wird. Es kann nicht sein, dass wir am 5. April auf die Straße gehen, und dann passiert wieder ein Jahr lang nichts.
Auf wie viele Demonstranten hoffen Sie, nachdem es im vergangenen Jahr bei den beiden Kundgebungen jeweils mehrere Zehntausend Menschen waren?
Da muss man berücksichtigen, dass es die ersten Großdemonstrationen waren, die sich mit dem Thema befasst haben. Ich glaube nicht, dass es diesmal noch einmal so viele werden.
Was haben die Demonstrationen im Sommer 2024 gebracht?
Zumindest hat es das Thema auf die Tagesordnung geschafft. Aber es mangelt in der Bevölkerung meines Erachtens noch an Wissen daran, wofür genau gekämpft wird, und auch die Kampfbereitschaft könnte höher sein.
Was verstehen Sie unter Kampf?
Jeder, der ein bisschen Zeit übrig hat, sollte sich für würdigen Wohnraum einsetzen. Ich verstehe darunter, dass man dafür kämpft, das derzeitige System zu ändern, das nicht allen einen Zugang zu einer Wohnung bietet. Und da kann jeder mitmachen. Es geht damit los, zu unseren Versammlungen zu kommen.
"Wenn die Polizei aber dafür sorgt, dass Familien mit Kindern zwangsgeräumt werden, dann kann es durchaus auch mal zu Szenen kommen, in denen Gewalt gebraucht wird."
Beinhaltet dieser Kampf auch Gewalt?
Nicht notwendigerweise, wir schließen es aber auch nicht aus. Auf Mallorca sind die Demonstrationen normalerweise ja sehr friedlich. Wenn die Polizei aber dafür sorgt, dass Familien mit Kindern zwangsgeräumt werden, dann kann es durchaus auch mal zu Szenen kommen, in denen Gewalt gebraucht wird.
In der vergangenen Woche räumte die Polizei ein Lokal in Pere Garau, das mehrere Mitglieder des Sindicat de l’Habitatge besetzt hielten. Sind Besetzungen für Sie ein legitimes Mittel gegen die Wohnungsnot?
Wir finden schon. Wir kämpfen dafür, dass eine Wohnung ein Grundrecht für alle ist. Wenn Wohnraum zu einem Geschäft wird, steht das im kompletten Widerspruch dazu. Jedes Gesetz, das sich für das Privateigentum einer Wohnung einsetzt, sollte nicht befolgt werden. Wir haben es ja gesehen: Es ist egal, wer hier auf den Inseln regiert, stets wird das Recht derjenigen, die genügend Geld für eine eigene Immobilie haben, über das Recht auf eine würdige Wohnung gestellt.
Wo liegt die Wurzel des Problems der Wohnungsnot auf der Insel?
Der Kern des Problems ist, dass Wohnraum weiterhin ein Geschäft ist. Die Tatsache, dass man Wohnungen kaufen und verkaufen kann, bringt die Misere mit sich. Es gibt ein riesiges Vermögensgefälle zwischen Immobilienbesitzern und denen, die zur Miete zu leben. Wir fordern deshalb Gratiswohnungen.
Aber Bauträger werden keine Gratiswohnungen bauen.
Es ist natürlich ein sehr langfristiges Ziel. Das schafft man nicht von einem Jahr zum nächsten. Dafür muss die Politik Sozialwohnungen bauen oder Wohnungen enteignen, die seit 20 Jahren leer stehen.
"Wer seine Wohnung für 1.500 Euro vermieten kann, macht es nicht für 900 Euro. Wir geben deshalb nicht den Ausländern die Schuld, denn auch die Einheimischen drehen ordentlich mit an der Preisspirale."
Sind es vor allem die Ausländer, die die Einheimischen von ihrer Insel verstoßen?
Die Ausländer sind eine der Gruppen, die zum Problem beitragen. Aber sie sind nur ein Teil. Jeder, der kann, profitiert von dem System, auch die Mallorquiner, die Immobilien besitzen. Wer seine Wohnung für 1.500 Euro vermieten kann, macht es nicht für 900 Euro. Wir geben deshalb nicht den Ausländern die Schuld, denn auch die Einheimischen drehen ordentlich mit an der Preisspirale.
Was aber tun? Den Ausländern kann man das Kaufen nicht verbieten, und auch andere einfache Lösungen scheint es nicht zu geben.
Die Lösung gibt es deshalb auch nicht bei den politischen Institutionen. Diese sind ja nur die Verwalter des Systems. Wir müssen eine Bewegung aufbauen, die man nicht mehr so einfach mundtot machen kann.
Wie steht es um die Bewegung?
Es tut sich was, wobei es immer schwierig ist, auf Mallorca etwas zu bewegen.
Was halten Sie von den Maßnahmen der Balearen-Regierung, etwa 20.000 neue Wohnungen zu bauen oder von der „Sicheren Miete“?
Es geht wieder vor allem um Neubauten, dabei haben wir so viele leer stehende Wohnungen. Neubauten tragen nur weiter zur Blase bei, lösen aber das Problem nicht. Natürlich verbessern die Maßnahmen etwas, aber es ist eher ein Behelf. Mehr Fläche wird zugebaut, statt die leer stehenden Wohnungen zu verwenden.
Warum gibt es eigentlich so viele auch untereinander rivalisierende Organisationen, die sich des Themas Wohnraum annehmen?
Dieselben Ziele zu haben, heißt ja nicht, dass man auch dieselben Lösungen dafür vorsieht. Wir wollen nun einmal das ganze System ändern, andere wollen eher das durchsetzen, was bisher schon vorgesehen ist. Mit Stop Desahucios gibt es auch persönliche Schwierigkeiten, mit denen konnten wir nicht kooperieren.
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