Der Südwesten Mallorcas wird mit Luxusanwesen zugekleistert - in einem Ort brach deshalb die Straße weg
In Costa de la Calma stürzt ein Gehsteig ein, die Straße wird gesperrt. Die Anwohner kochen, der Bauträger will nicht schuld sein. Und die Gemeinde Calvià macht keine gute Figur

Der abgestürzte Gehsteig direkt an der Baustelle für eine luxuriöse Villa. / Johannes Krayer
Vier Kilometer fast nur Kurven – der Carrer Bellavista in Costa de la Calma dürfte eine der längsten Straßen in einem Wohngebiet auf Mallorca sein. Und mittendrin, etwa auf Höhe der Hausnummer 100, endet die Fahrt an zwei Betonpollern und gelben Absperrgittern. Dutzende Autofahrer müssen Tag für Tag an dieser Stelle wenden und wieder kilometerweit in die andere Richtung fahren. Seit fast zwei Monaten ist hier gesperrt, genau an der Stelle, an der der Bauträger Mallorca Bau eine Luxusvilla errichtet. Der deutsche Anwohner P. K. und sein spanischer Nachbar J. C. haben der MZ Bescheid gesagt. Wir schauen uns am Freitag (27.2.) mit ihnen vor Ort um.
Der Asphalt hat mehrere tiefe Risse, der Gehsteig ist abgesackt und liegt in Stücken einige Zentimeter tiefer als die Straße. Warum? Da haben die Anwohner eine klare Meinung. „Hier standen in den Tagen vor dem 8. Januar immer wieder schwere Lkw oder Betonmischer auf dem Gehweg“, erzählen die beiden Nachbarn. Und weil es in den vergangenen Monaten häufig stärker regnete, war irgendwann der Boden unter dem Bürgersteig offenbar so vollgesogen, dass er nachgab. Dass an dieser Stelle dann noch ein Rohr brach, half auch nicht gerade.
Die Stützmauer fehlt
María Teresa Tena, Ortsvorsteherin von Costa de la Calma, hält in erster Linie das fahrlässige Entfernen einer Stützmauer durch den Bauträger als Grund für das Absacken des Gehsteigs. Sie macht das Unternehmen für das Unglück verantwortlich. Nach ihren Angaben hat der Bauträger die Auflagen der Gemeinde missachtet, dass vor dem Bau des Hauses eine Stützmauer errichtet werden muss. Und man hätte sie nicht einmal neu bauen müssen, denn nach Angaben der Anwohner existierte die Mauer eben schon und wurde entfernt. „Die Aushubarbeiten für das Haus wurden begonnen, ohne die Mauer zur Straße hin zu bauen“, erklärt Ortsvorsteherin Tena.
An der Baustelle trifft unterdessen ein Fahrzeug der Stadtwerke Calvià 2000 ein. Der Mann am Steuer ist verdutzt angesichts der Straßensperrung. Die Anwohner konfrontieren den Arbeiter mit der Situation. „Die Müllcontainer hier wurden entfernt, wir müssen unseren Müll nun Hunderte Meter weit wegbringen“, beklagen sie sich. Immer wieder würden Anwohner die Tüten einfach an die Stelle legen, an der vorher die Container standen, kritisieren P. K. und J. C. Da sei es nicht weit, bis Ratten oder anderes Ungeziefer sich an dem Abfall zu schaffen machen, der dann tagelang herumliege. Der Angestellte von Calvià 2000 hört sich die Klagen geduldig an. Immerhin hat wenige Tage später die Gemeinde wieder Müllcontainer in die Nähe des gesperrten Straßenabschnitts gestellt.
Polizei überprüft, ob gebaut wird
Nun trifft auch eine Polizeistreife auf der anderen Seite der Absperrung ein. Die beiden Beamtinnen sollen überprüfen, dass an dem Haus nicht weitergebaut wird. Das ist aber der Fall. Zwar nicht sichtbar von der Straße aus, dafür werkeln mehrere Arbeiter unten am Hang. Und haben dafür ihre Fahrzeuge in einem Sturzbach geparkt, an dessen Eingang ein Schild steht: „Fußgängerweg gesperrt wegen Felssturzgefahr“. Die Polizistinnen ziehen ab und begutachten das aus der Nähe. Die Arbeiten stoppten sie aber nicht direkt.
Die Anwohner berichten, dass sogar schwere Betonmischer in den torrente eingefahren sind. Die Baufirma habe dafür Betonteile in den Weg eingebaut, damit die schweren Fahrzeuge nicht im Schlamm versinken. Die Teile sind zu sehen, wie lange sie dort bereits liegen, lässt sich aber nicht nachprüfen.
Sie wisse um die Situation, sagt Politikerin Tena von der Partei Vox. Und sie sei im täglichen Austausch mit den Anwohnern, habe sich bereits mehrfach über Stunden mit ihnen getroffen. Allein, es gibt kaum Fortschritte, kritisieren die Anwohner, die die Vermutung äußern, dass Tena Durchhalteparolen ausgibt, statt tatsächlich aktiv zu werden. Dieser Eindruck sei falsch, sagt sie. In das Problem der gesperrten Straße seien nun mal verschiedene Akteure verwickelt, das ließe sich nicht von heute auf morgen lösen. Derzeit seien die Bauarbeiten unterbrochen, weil mehrere Gutachten in Auftrag gegeben seien – eines von der Polizei, eines von der Rechtsabteilung des Rathauses, eines von der Straßenmeisterei. Und da habe sie keinerlei Möglichkeiten, den Prozess zu beschleunigen.
Ausnahmegenehmigung für das Befahren des Sturzbaches
Bei Mallorca Bau gibt man sich im Gespräch mit der MZ zwar zerknirscht angesichts der Umstände, weist aber jegliche Verantwortung von sich. Der Gehsteig sei abgerutscht, weil das Wasserrohr unter der Straße gebrochen sei, sagt Geschäftsführer Max Pagés Preuss. „Sicher ist das Abstellen schwerer Lkw nicht förderlich gewesen, aber der Carrer Bellavista wird von Hunderten Lkw im Jahr befahren, die die Straße wohl beschädigt haben“, sagt Pagés Preuss. Laut dem Anwohner P. K. stand bis vor gut zehn Jahren an der Einfahrt zur Straße ein Schild mit der Begrenzung auf 7,5 Tonnen. „Dieses Schild wurde entfernt, als man anfing, in der Straße teure und große Villen zu errichten.“
Pagés Preuss rechtfertigt sich damit, dass ein technisches Gutachten vor Baubeginn gezeigt habe, dass eine Stützmauer für dieses Projekt nicht nötig sei. Und man habe eine Ausnahmegenehmigung für das Befahren des Sturzbaches von der Gemeinde bekommen. Warum so etwas offenbar recht einfach möglich ist, wenn man eine Luxusimmobilie bauen möchte, dazu will sich Pagés Preuss nicht unmittelbar äußern. Ortsvorsteherin Tena hatte zuvor der MZ gesagt, dass sie es für „absurd“ halte, dass Baufahrzeuge in den Sturzbach einfahren.
Alles für die Urlauber, nichts für die Bewohner?
Für die Anwohner ist die gesperrte Straße nur der Tropfen, der das Fass nun zum Überlaufen gebracht hat. Aus ihrer Sicht tut die Gemeinde Calvià seit Jahren viel zu wenig für Costa de la Calma. P. K. nimmt die MZ auf eine Begehung des Carrer Bellavista mit und weist alle paar Meter auf Dinge hin, die im Argen liegen. Von zugewachsenen Gehsteigen, die für die Anwohner und die zahlreichen Wanderer, die von Peguera aus hier nach Santa Ponça laufen, ein Ausweichen auf die Straße bedeuten, über offene Leitungskästen bis hin zu völlig verstopften Abflüssen, die bei Regen immer wieder die Straße überfluten.
„Die Gemeinde Calvià rühmt sich immer, wie viel sie für Urlauber tut. In diesem Winter wurden viele Millionen Euro in die Hand genommen, um Peguera, Magaluf und Santa Ponça schöner zu machen. An die Einwohner erinnert man sich im Rathaus aber offensichtlich nicht“, sagt Anwohner J. C. erzürnt.
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