Erst Auswanderer, jetzt Abwanderer: Deshalb verlassen viele deutschsprachige Mallorca-Bewohner die Insel und ziehen aufs Festland
Seit Jahren flüchten Mallorquiner vor den hohen Immobilienpreisen auf der Insel und investieren in Häuser auf dem Festland. Nun gehen auch immer mehr ausländische Auswanderer diesen Schritt – und sagen der Insel nach vielen Jahren „adéu“. Es geht dabei ums Geld, aber nicht nur

Ein Haus auf dem Festland, wie hier im Hinterland von Valencia, ist deutlich günstiger als auf Mallorca / privat
50.000 Euro Kaufpreis. Für ein Gehöft mit 400 Quadratmetern Wohnfläche und Außenbereich. Einzugsbereit. Strom- und Wasseranschluss, Papiere – alles legal. Kein Witz. Und doch kaum zu glauben, für Inselbewohner, die daran gewöhnt sind, dass, je nach Standort, schon ein einfacher Pkw-Stellplatz locker 150.000 Euro kosten kann. Gut, einen Haken hat das Haus dann doch: Es steht nicht auf Mallorca, sondern in der zentralspanischen Provinz León. Macht aber nichts, findet Oliver Curcuru. Der Luxemburger hat im Januar den Kaufvertrag abgeschlossen. Und kehrt der Insel nach 16 Jahren nun den Rücken zu. Ausweg Festland – ein Schritt, den aktuell nicht wenige Inselbewohner gehen.
"Geld verändert alles"

Für einen Spottpreis kaufte das Auswandererpaar Oliver Curcuru und Dominique Koedinger dieses Gehöft bei León. / privat
„Das Haus ist kein Marmorpalast, aber auch keine Ruine, wir wollen nur hier und da ein paar Dinge modernisieren. Eine große Renovierung ist nicht nötig“, versichert Curcuru. Man hört ihm die Vorfreude an, wenn er an sein neues Heim denkt. Von seiner Wohnung in Santa Ponça aus habe er die Annonce auf einem Immobilienportal gefunden. „Live gesehen habe ich das Haus erst an dem Tag, an dem wir den Vertrag unterschrieben. Vielleicht etwas riskant. Andererseits: Was kann man bei einem Kaufpreis von 50.000 Euro für ein Haus schon falsch machen?“
Für den 51-Jährigen und seine langjährige Lebensgefährtin Dominique Koedinger (48) war Mallorca schon fast zur Heimat geworden. In Luxemburg sei es ihnen zu viel ums Geld gegangen, deshalb kamen die beiden Kreativen im Jahr 2010 auf die Insel. Jetzt hat Curcuru, der Musiker ist und eine Werbeagentur betreibt, den Eindruck, dass sich hier eine ähnliche Tendenz abzeichnet. „Seit Covid und dem Direktflug aus den USA hat sich so viel auf Mallorca verändert. Geld verändert alles“, findet er. Nicht nur, dass alles teurer werde. „Auch die Menschen haben sich verändert und die Lokale. Alles wird hochwertiger, schicker, voller. Die Lebensqualität ist eine andere.“
Anders – aber nicht für jedermann besser. Curcuru kann den neuen Lounges und Hochglanz-Bars an Mallorcas Südwestküste im Alltag wenig abgewinnen. „Ich vermisse die urigen cafeterías.“ Gleichzeitig könnten sich viele seiner internationalen Freunde das Inselleben nicht mehr leisten. „Sehr viele gehen weg – und die meisten wie wir aufs spanische Festland.“
Gentrifizierungs-Gefahr
Es ist ein Phänomen, das schon vor gut fünf Jahren begann, sich aber immer weiter zuspitzt, weiß auch Jose Gómez, der in Palma eine Immobilien- und Hypothekenberatung betreibt und immer mehr Kunden hat, die statt auf der Insel auf dem Festland kaufen wollen. Besonders Valenica, Galicien und Asturien stünden bei Mallorquinern oder Menschen anderer Herkunft, die zuletzt auf Mallorca gewohnt haben, hoch im Kurs.
Gómez ist mit Maklern im ganzen Land in Kontakt und weiß: „Die Preise steigen überall, auch wegen der zunehmenden Nachfrage der Insulaner. Dennoch ist es auf dem Festland weiter deutlich günstiger als auf Mallorca, und das macht den Kauf auch für diejenigen interessant, die auf der Insel bereits eine eigene Immobilie haben und sie als Investition in die Zukunft sehen.“ Ihn selbst eingeschlossen. Auch Gómez hat bereits auf der península gekauft, obwohl er auf der Insel lebt. Dass dadurch an einigen Orten auf der Iberischen Halbinsel Gentrifizierung einsetzt, also eine Verdrängung einkommensschwächerer Schichten durch die Nachfrage der Wohlhabenderen, ist eine logische Konsequenz.
Nur vereinzelt Proteste
Der Unmut über steigende Preise hält sich auf dem Festland abseits der großen Ballungszentren und besonders attraktiver Lagen noch in Grenzen – nur vereinzelt waren in den vergangenen Jahren Proteststimmen aus nordspanischen Provinzen zu hören, die sich über kaufkräftige Zuzöglinge und Wohnraummangel beschwerten. Mancherorts sind Auswärtige sogar besonders willkommen, weil sie die Landflucht junger Leute kompensieren.
Auch bei den Speditionen ist die Inselflucht ein Thema. „Eine deutliche Zunahme der Umzüge, Hausverkäufe und Abwanderungen von Einheimischen und Deutschen ist auf jeden Fall erkennbar. Vor allem von Mallorca aufs spanische Festland, aber auch nach Deutschland, in die Schweiz und nach Italien“, bescheinigt Maxi Kather von der Spedition Benzinger auf Anfrage der MZ. Viele der internationalen Kunden stammten dabei aus der Mittelschicht und seien zwischen 40 Jahren und dem Rentenalter. Sogar aus den eigenen Reihen habe es bereits Abwanderungen gegeben, so Kather.
Vier Häuser zum Preis von einem
Die Unterschiede der Immobilienpreise sind tatsächlich eklatant. Nicht nur in Einzelfällen, wie bei dem 50.000-Euro-Gehöft von Oliver Curcuru, sondern flächendeckend. Das zeigen auch Zahlen des notarischen Statistik-Portals (Portal Estadístico Notariado): Während der durchschnittliche Quadratmeterpreis auf den Balearen mit 4.102 Euro deutlich höher als in allen anderen spanischen Regionen liegt, sind es in Galicien etwa nur 1.198 Euro, in der Region Valencia 1.632 Euro und in Andalusien 1.691 Euro.
In Kastilien und León im Landesinneren, wo auch der Luxemburger mit seiner Frau zugeschlagen hat, werden Immobilien aktuell sogar für durchschnittlich nur 983 Euro pro Quadratmeter verkauft. Für den Preis einer Immobilie auf Mallorca bekommt man dort also locker vier ebenso große Häuser oder Wohnungen – und das ohne große Schnäppchenjagd.
Besser nur mit Profis
„Wichtig ist aber, trotz allem nicht den Kopf zu verlieren und sich gerade über die Distanz professionelle Makler suchen, denen man vertrauen kann“, rät Immobilienberater Jose Gómez. „Ich habe schon Leute gesehen, die viel Geld verloren haben, weil sie sich an die falschen Menschen gewandt haben oder auf eigene Faust blind gekauft haben, ohne die Gegend oder die Immobilie zu kennen.“
Er weiß: Auch die erdrückende Hitze im Sommer und die Überfüllung der Insel tragen zum Wegzug einiger Insulaner bei. Ebenso die stark auf die Sommermonate fokussierte Wirtschaft. Hinzu kommen die Lebenshaltungs- und Mietkosten, die auf den Balearen ebenfalls deutlich höher sind und Angehörige der unteren Mittelschicht vom Eiland vertreiben.
Nicht rechtzeitig gekauft
„Über kurz oder lang wird die Mittelschicht auf Mallorca ganz aussterben, dabei haben wir uns immer dazu gezählt“, befürchtet Andrea Goebel, die seit 31 Jahren auf Mallorca lebt, an der Playa de Palma zwei Friseursalons betreibt und einigen Fernsehzuschauern durch das Vox-Format „Goodbye Deutschland“ bekannt ist. Gemeinsam mit ihrem Mann Thorsten Dose hat auch die Deutsche in den vergangenen Jahren auf dem Festland Immobilien erworben – ein Schritt, den sie auf Mallorca in all der Zeit nie wagte. „Ich habe so viel erlebt, auch schlechte Dinge, aber wenn ich eine Zeitkapsel hätte, würde ich nichts ändern, außer der Tatsache, auf Mallorca nichts gekauft zu haben. Wie dumm ich war“, sagt sie.
Als sie einst auf die Insel kam, hätte man ihr noch für umgerechnet 30.000 D-Mark eine Wohnung angeboten. „Aber da war ich 23 Jahre jung und hatte anderes im Kopf“, so die heute 54-Jährige. Auch vor 18 Jahren, als ihre Tochter geboren wurde, sei das Thema noch einmal aufgekommen. „Da haben wir gesucht, aber es hat sich nicht ergeben.“ Und danach wäre es dann auch schon bald zu teuer gewesen. „Zudem war ich dann über 40 und hätte keine hohe Hypothek mehr bewilligt bekommen.“
"Absolute Sicherheit"
Jetzt also das Festland. Die erste Immobilie erwarb das Paar im Lockdown 2020. „Ich saß gelangweilt in der Küche. Wir hatten durchgerechnet, wie viel Rente wir als Selbstständige in Spanien einmal kriegen werden und gemerkt, dass wir irgendetwas falsch gemacht haben. Auf einem Immobilienportal ploppte dann ein Haus mit einer Summe auf, die wir ohne Kredit bezahlen konnten. Wir zoomten mit Google Earth heran, sahen, dass es keine Ruine war und recherchierten, dass alles legal ist. Und dann haben wir einfach blind gekauft.“ Erst ein Jahr später hätten sie selbst hinfahren können und ihr Haus im Hinterland von Valencia persönlich sehen können. „Mutig, ja“, so Goebel. Doch in ihrem Fall ging alles gut – die Immobilie hielt, was sie versprach. „Ich habe es absolut nicht bereut.“

Andrea Goebel und Thorsten Dose kauften ein Grundstück mit mehreren Wohngebäuden im Hinterland von Valencia / privat
Im Gegenteil: In den vergangenen drei Jahren erwarben sie und ihr Mann noch zwei weitere Immobilien zwischen Alicante und Valencia. „Jetzt haben wir eine, um irgendwann einmal dort zu wohnen, eine zum Vermieten und eine, um sie gewinnbringend zu verkaufen und etwas Geld neben der Rente zu haben. Das gibt mir ein Gefühl absoluter Sicherheit, dass wir im Alter mit dem Geld auskommen werden. Auf Mallorca hätte das nicht mehr geklappt“, ist sich Goebel sicher.
Zu teuer, zu heiß, zu voll
Dass sie dafür eines Tages Mallorca den Rücken kehren werden muss, sei verschmerzbar. „Die Insel hat sich so sehr verändert, ich bin gar nicht sicher, ob sie für mich überhaupt noch so Heimat ist wie früher.“ Ihre ältere Tochter sei wegen des Studiums eh bereits weggezogen und habe angekündigt, nicht zurückkommen zu wollen, die jüngere mache gerade Abitur und wolle danach ohnehin aufs Festland. „Mein Mann und ich bleiben auf Mallorca, solange wir uns die Miete hier noch leisten können und es sich noch lohnt, unter diesen Bedingungen zu arbeiten. Aber wenn es nicht mehr geht, werden wir auch schon vor der Rente aufs Festland ziehen.“
Genau wie viele ihrer Kunden. Deutsche, denen es ebenfalls zu teuer, zu heiß, zu voll geworden ist auf Mallorca. Oder die einfach nicht mehr bereit sind, Unsummen für Dinge auszugeben, die ihren Preis nicht wert sind. „Klar, gehen auch einige zurück nach Deutschland, viele aber auch eben nicht. Für uns ist das ebenfalls keine Option nach so langer Zeit in Spanien.“
Auch Oliver Curcuru und seine Partnerin zieht nichts mehr nach Luxemburg. Stattdessen fiebern sie dem Neuanfang auf dem Bauernhof bei León entgegen. „Am 2. Mai geht es rüber, aber erst mal nur für anderthalb Jahre, zum Reinspüren.“ So lange vermieten sie ihre Wohnung in Santa Ponça unter. Doch eigentlich ist der 51-Jährige schon fast überzeugt, dass er dort bleiben wird. „Mallorca können wir dann noch als Urlauber genießen. Das hat auch was.“
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