Wohnungsforscher auf Mallorca warnt: "Anhäufung von Wohnraum führt zur Spaltung der Gesellschaft"
Jaime Palomera ist Sozialanthropologe, Wohnungsforscher und Mitgründer des Urbanen Forschungsinstituts IDRA in Barcelona sowie des Mieterschutzbundes von Katalonien. Seit Jahren beschäftigt er sich mit Wohnungsmärkten, sozialer Ungleichheit und der Finanzialisierung von Wohnraum und gilt in Spanien als eine der bekanntesten Stimmen in der Debatte um die Wohnungskrise

Wohnungsforscher Jaime Palomera. / Elena Vallés
Sowohl Bauträger als auch die Balearen-Regierung vertreten die Auffassung, dass das Hauptproblem auf den Inseln der Mangel an Wohnraum sei. Teilen Sie diese Diagnose?
Wenn die Bevölkerung wächst, braucht es mehr Wohnungen. Das eigentliche Problem liegt jedoch in der Verteilung dieses Wohnraums. Sie führt am Ende zu einer ungleichen Verteilung von Vermögen. Wohnraum ist zu einer Quelle der Vermögensanhäufung geworden. Wer bereits Immobilien besitzt, kauft wegen der hohen Renditen oft weitere hinzu. Diese Wohnungsakkumulatoren konkurrieren mit Familien um jene Ressourcen, die diese zum Leben brauchen. Familien und junge Menschen stehen auf dem Immobilienmarkt Einzelpersonen, anderen Familien und Gesellschaften mit enormem Vermögen gegenüber. Deshalb werden sie am Ende verdrängt. Diese Entwicklung hat gerade erst begonnen und kann noch deutlich schlimmer werden. Das Tempo, in dem Wohnraum angehäuft wird, ist sehr aggressiv. Dadurch wird es immer schwieriger, eine erste eigene Wohnung zu kaufen.
Welche Lösung schlagen Sie vor?
Die Lösung besteht darin, diese Anhäufung zu bremsen. Das könnte gelingen, indem man diejenigen besteuert, die bereits eine Immobilie besitzen und eine weitere kaufen wollen. Die Regierungen müssen steuerliche Instrumente nutzen. Wenn jemand reich werden will, indem er Häuser anhäuft, dann muss er entsprechend hoch besteuert werden. Derzeit zahlen Menschen, die von ihrer Arbeit leben, mehr Steuern als jene, die Häuser anhäufen und steuerlich begünstigt werden. In diesem Land wird Arbeit bestraft. Das muss sich ändern.
Wird soziale Ungleichheit inzwischen vor allem durch Wohnraum bestimmt?
Ja. Der Mietmarkt beruht im Wesentlichen auf der Übertragung von Einkommen von denen, die keine Wohnung besitzen, an diejenigen, die eine besitzen. Wohin fließt dein Gehalt? Zu denen, die Häuser haben. Diejenigen, die vom Vermieten leben, investieren diese Einnahmen wiederum in Wohnraum. Die wichtigste Form der Ungleichheit in diesem Land ist daher nicht die Einkommensungleichheit, die es ebenfalls gibt, die aber nicht zugenommen hat. Es ist die Vermögensungleichheit, die exponentiell gewachsen ist, deutlich stärker als die Lohnungleichheit.
Welche Folgen kann es haben, wenn dieses Modell fortgesetzt wird?
Wenn die Anhäufung von Wohnraum nicht gestoppt wird und es keine öffentlichen Investitionen in den Wohnungsbau gibt, um die Mittelschicht wieder zu stärken, werden wir eine immer stärker gespaltene Gesellschaft bekommen. Wohnraum erzeugt immer mehr Ungleichheit und soziale Spaltung. Das Modell, zu dem wir zurückkehren, ist das des 19. Jahrhunderts. Wenn nicht gehandelt wird und keine Steuern eingeführt werden, um diese Entwicklung zu bremsen, wird die Ungleichheit weiter zunehmen. In Katalonien wurde eine Regelung verabschiedet, nach der ein Eigentümer mit fünf Immobilien, der in einem angespannten Gebiet eine weitere Immobilie kaufen will, 20 Prozent Grunderwerbsteuer zahlen muss. Wer dagegen unter 35 Jahre alt ist und seine erste Wohnung kaufen will, zahlt auf dieselbe Steuer nur fünf Prozent.
Auf den Balearen kommen noch die begrenzte Verfügbarkeit von Boden und die Ferienvermietung hinzu.
Die Begrenzung des Bodens, seine Lage und die Tatsache, dass er nicht reproduzierbar ist, führen zu starken Preissteigerungen. Wenn Boden auf den Markt kommt, ist klar, dass sein Preis schneller steigt als die Löhne und sogar schneller als die Wirtschaft. Gleichzeitig ist Wohnraum ein Gut des täglichen Grundbedarfs. Man muss sich klarmachen, welche Position diejenigen innehaben, die diese Grundstücke kontrollieren: Sie können sie zu Preisen anbieten, die über dem liegen, was die Wirtschaft erwirtschaftet. Hinzu kommt, dass Ferien- oder Saisonvermietungen höhere Renditen bringen als normale Vermietungen. Dadurch wird Wohnraum dem Markt für Familien entzogen, was die Preise zusätzlich nach oben treibt.
Welche Auswirkungen hat diese Anhäufung von Wohnraum auf die Demokratie?
Die liberalen Demokratien, die in Europa nach dem Zweiten Weltkrieg entstanden, hatten eine materielle Grundlage. Dazu gehörte die Garantie grundlegender Rechte wie Gesundheit und Bildung, also universeller Dienstleistungen. Wohneigentum war die ideale und moralische Grundlage der Mittelschicht. Nach der Krise von 2008 kam es zu einem Paradigmenwechsel. Die Anhäufung und Konzentration von Vermögen durch Wohnraum wächst seither in sehr aggressivem Tempo. Wenn nicht eingegriffen wird, wird diese Ungleichheit weiter zunehmen. Wenn die Grundlage der Demokratie ihre Mittelschicht war und diese immer weiter verarmt, dann sehen wir in der Folge, dass immer mehr junge Menschen sagen, in einem autoritären System lebe es sich besser. Denn sie haben den Eindruck, dass die Demokratie sie in dieser materiellen Frage, dem Wohnen, im Stich lässt.
Liegt die Krise der Linken auch daran, dass sie diese materielle Grundlage, die für die arbeitende Mittelschicht unverzichtbar ist, aufgegeben hat?
Ich denke, die extreme Rechte hat eine klare Botschaft. Sie konzentriert alles auf die Einwanderung und sagt, Einwanderung sei das Problem. Ohne Einwanderung würden wir besser leben, weil sie uns die Ressourcen wegnehme. Die linken Parteien, die Mitte und auch einige konservative Parteien haben in diesem Moment der Krise keine klare Botschaft. Sie benutzen abgenutzte Begriffe und bieten keine klare Lösung an. Die Menschen erwarten in solchen Zeiten eine klare Botschaft und einen Fahrplan. Man könnte sagen, dass die linken Parteien antirassistische Aufklärungsarbeit leisten müssen. Ich glaube aber, das gehört eher in eine interne Debatte. Die Linke und die Mitte, allgemein die politischen Kräfte in der Krise, brauchen eine klare und tragfähige Botschaft.
Können Sie ein Vorbild nennen?
Derzeit wächst in Frankreich eine internationale Bewegung, die sich auf die sogenannte Zucman-Steuer stützt. Dabei handelt es sich um einen Vorschlag des französischen Ökonomen Gabriel Zucman, eines Schülers von Thomas Piketty. Er sieht eine jährliche Mindestabgabe von zwei Prozent auf das Vermögen der Ultrareichen vor. Ziel ist es, das Wachstum der materiellen Vermögensungleichheit zu bremsen und die Steuereinnahmen zu erhöhen. Klar ist: Wenn Prozesse entstehen, die Ungleichheit bei der Verteilung von Reichtum erzeugen, gibt es weniger Demokratie. Den Prozess der Wohnungsanhäufung zu bremsen, ist eine grundlegende Maßnahme zum Schutz der Demokratie. Die Konzentration von Vermögenswerten erzeugt Vermögensungleichheit. Reiche häufen Ressourcen an, zu denen die Mittelschicht immer schwerer Zugang bekommt. Außerdem nehmen sie Einfluss auf Medien und Regierungen. Neben Frankreich verfolgt auch die grüne Partei in England, eine aufstrebende politische Kraft, einen ähnlichen Diskurs wie diese Bewegung und setzt auf die Zucman-Steuer.
Kann jemand, der erbt, sagen, er sei gerettet?
In den kommenden 20 Jahren wird etwas stattfinden, was man als große Erbfolge bezeichnen kann. Die Babyboomer werden verschwinden, und ihre Immobilien werden auf ihre Kinder übergehen. Es war eine der Generationen, die Zugang zu einer oder zwei Wohnungen hatte. In 20 Jahren wird die größte kollektive Erbschaft der Geschichte stattfinden. Aber Vorsicht: Die Vorstellung, dass früher oder später alle erben werden, ist zu weit verbreitet. So ist es nicht. Am Institut de Recerca Urbana in Barcelona (IDRA) haben wir eine Umfrage durchgeführt, der zufolge 48 Prozent der spanischen Bevölkerung nicht damit rechnen, ein Haus zu erben. Es wird Familien geben, in denen sich viele Immobilien ansammeln, und andere, in denen es keine einzige geben wird. Hinzu kommt, dass viele ältere Menschen, die eine Wohnung besitzen, diese am Ende verkaufen werden, um ihre Pflege im Alter bezahlen zu können, weil ihre Kinder ihnen nicht helfen können. Das heißt: Menschen, die glauben, sie würden einmal erben, werden es möglicherweise aus genau diesem Grund nicht tun. In anderen europäischen Ländern ist der Anteil der Menschen, die erben werden, geringer. Dort gibt es jedoch einen deutlich größeren Bestand an öffentlichem, geschütztem und bezahlbarem Wohnraum als bei uns.
Im Jahr 2025 gab es in Spanien einen Rekord bei Schenkungen, sowohl von Wohnraum als auch von Geld von Eltern an ihre Kinder.
Ja, und das ist nicht nachhaltig. Viele Familien versuchen, das Wohnungsproblem individuell zu lösen, und sehen darin derzeit den einzigen möglichen Ausweg. Für einen Teil der Gesellschaft kann das aber keine Lösung sein. Und für immer mehr Menschen wird es zunehmend schwieriger.
In welchen Ländern wird gute Wohnungspolitik betrieben?
In Singapur steht der Wohnraum unter sehr starker öffentlicher Kontrolle. Man kann für 99 Jahre eine Wohnung auf öffentlichem Grund kaufen, es gibt steuerliche Hilfen, die Kinder können sie erben, aber man darf sie nicht zu einem höheren Preis weiterverkaufen, als man sie erworben hat. Wer eine zweite Wohnung kaufen will, muss eine erhebliche Steuer zahlen. Ausländer, die eine Wohnung kaufen wollen, werden mit 60 Prozent besteuert. In den Niederlanden wurde zum Beispiel der Kauf von Wohnraum durch Nichtansässige begrenzt.
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