07. Mai 2009
07.05.2009
40 Años

Thomas Bernhards Mallorca-Interview: "Er war ein Menschenverschlinger"

12.02.2009 | 01:00
Thomas Bernhard auf der Terrasse vom Hotel "Illa d´Or" in Port de Pollença (links Krista Fleischmann).

Es ist wohl das Interview mit Thomas Bernhard, und es wurde auf Mallorca geführt. Im November 1981 begleitete die ORF-Kultur­redakteurin Krista Fleischmann den vermeintlich menschenscheuen und -feindlichen Schriftsteller anlässlich seines 50. Geburtstages zehn Tage lang kreuz und quer über die Insel. "Ich habe viele berühmte Schriftsteller interviewt - Nobelpreisträger, Böll, Grass und wie sie alle heißen - doch niemand hat mich so fasziniert wie er", erzählt die inzwischen pensionierte Krista Fleischmann (Graz, 1942) in einem Telefongespräch. Heraus kam ein überraschend heiteres Porträt. Fleischmann ist besonders eine Szene aus dem Hotel Son Vida in Palma geblieben: "Abends tanzten wir in der Hotelbar. Ein kleines Tänzchen, ihm fehlte die Luft. Später sang er zur Musik der Band Opern-, Operetten- und Schlagermelodien. Er war selbst ganz mitgerissen davon, dass er die Texte auswendig konnte."

Der schon damals berühmte Autor verbrachte häufiger den einen oder anderen Wintermonat auf der Insel, nahm in funktionalen, ­anonymen Hotels Quartier und schlenderte lange durch Palma. Krista Fleischmann kannte ihn schon vor dem Interview gut und sollte bis zu seinem Tod mit ihm befreundet sein. Der seit seiner frühen Jugend schwer lungenkranke Bernhard starb am 12. Februar 1989 als 58-Jähriger in Gmunden. Zusammen mit einer weiteren Begegnung in Madrid ist das Interview als Buch (Thomas Bernhard - Eine Begegnung. Gespräche mit Krista Fleischmann, 7 Euro) und als DVD (Monologe auf Mallorca + Die Ursache bin ich selbst, 19,90 Euro) bei Suhrkamp erschienen.

Zehn Tage mit Thomas Bernhard auf Mallorca. Wie muss man sich das vorstellen?

Er hat uns die Insel gezeigt, er kannte sie gut. In Palma waren wir im Hotel Meliá Palas untergebracht, weil es direkt am Wasser liegt und er so spazieren gehen konnte. Und wir haben uns zwei Leihwagen genommen, einen für das Filmteam, einen für Bernhard und mich. Er war ein ausgezeichneter Autofahrer, aber er wollte absolut nicht fahren. ?Das ist sehr angenehm, wenn ich jetzt mal von Ihnen chauffiert werde´, hat er gesagt.

Andratx, Sóller, Pollença ? Sie waren fast überall auf der Insel. Wie suchten Sie die Orte aus?

Wir waren vom Frühstück bis zu den Spätnachrichten unterwegs und haben uns am Abend nach dem Essen kurz besprochen, wohin wir am nächsten Tag fahren sollten. Meist wollte er uns etwas zeigen, und wir entschieden erst danach, ob es für uns in Frage kommt. Vieles ist für Filmaufnahmen nicht in Frage gekommen.

Zum Beispiel?

Der Landsitz von Erzherzog Ludwig Salvator. Da wusste er genau Bescheid über die Landreformen Salvators und seine mallorquinische Geliebte. Auch nach Valldemossa sind wir gefahren, wegen Chopin. Das sei ja grauenvoll dieses Kloster dort oben, sagte er, da könnte man doch überhaupt keine Zeile schreiben. Chopin hatte ja wie er Tuberkulose.

War es für ihn eine Art Urlaub?

Nein, er hat zwar gesagt, er möchte das Angenehme mit dem Nützlichen verbinden, aber das Ganze war schon von Ernsthaftigkeit geprägt. Er hat mir zum Beispiel am ersten oder zweiten Abend eine kleine Szene gemacht, weil er zunächst glaubte, der Kameramann sei mein Freund und wir wollten auf seine Kosten Urlaub machen.

Vielleicht war er eifersüchtig. In dem Film sieht man, wie er Sie regelrecht umgarnt.

Das hat er mit allen Menschen getan. Er war ein Menschenverschlinger. Er konnte mit allen sehr leicht in Kontakt kommen. Wenn wir irgendwo in einem Kaffeehaus waren und am Nebentisch Deutsch gesprochen wurde, hat das keine fünf Minuten gedauert, bis dieser Gast ins Gespräch einbezogen wurde. So kam es auch, dass am Nebentisch in Palma diese Frau aus Deutschland saß, deren Mann aus ungeklärter Ursache vom Balkon gefallen war und tot war. Die Geschichte hat er dann ein Jahr später in dem Roman ?Beton´ verarbeitet.

Konnte er Spanisch?

Er hatte immer ein Wörterbuch bei sich und lernte jeden Abend mindestens zehn Vokabeln. Vor den Dreharbeiten am Hafen lernte er zum Beispiel Wörter, um sich mit den Fischern auf der Mole unterhalten zu können: ?Wie war der Fischfang heute Nacht?´ Das hat ihm viel Spaß gemacht, da war er stolz.

Im Film hingegen sagt er, das Schöne an Spanien sei, dass man nichts verstehe.

Das war eher verspielt. Schauen Sie, das war seine Diskrepanz: Wenn man seine Literatur liest, ist sie von einer großen Künstlichkeit, genau konzipiert und nach musikalischen Prinzipien aufgebaut - das war ihm ganz wichtig, dass jedes Buch eine andere musikalische Linie hat. Er war ganz stolz, wenn man das erkannte. Auf der anderen Seite, im persönlichen Umgang, war er von einer Lockerheit und Natürlichkeit, die sich dann in Selbstironie und Witzeleien steigerte. Aus jeder Situation konnte er sofort irgendeine kleine rhetorische Szene machen. Er hat mir von Anfang an gesagt, dass er keine ernsthaften Gespräche über Kunst und Literatur führen wollte. Das sei ihm unmöglich. Er wolle die Gedanken kreisen lassen.

Könnte da nicht auch ein Mallorca-Effekt im Spiel gewesen sein: Die Sonne schien, das Meer war blau, es ging ihm gut?

Er hat immer gesagt: ?Wenn zu Hause in Ohlsdorf der Nebel fällt, und ich diese dumpfen Bauern­gestalten sehe, schnürt´s mir die Kehle zu, da bring ich ja kein Wort heraus.´ Auf Mallorca war das anders, die Insel tat ihm auch gesundheitlich gut. Und es hat ihn alles interessiert, egal wo wir waren. Ich habe mit ihm auf Mallorca keine ungute Situation erlebt. Und wenn da noch eine schöne Terrasse war und eine nette Bedienung, hat er sich wohlgefühlt und angefangen zu erzählen. Er war ein ganz großer Erzähler. Er hat die Leute gar nicht mehr zu Wort kommen lassen.

Der ?tragische´ Bernhard konnte das Leben also sehr wohl genießen?

Ja. Seine Stimmung konnte allerdings auch plötzlich umschlagen, und dann ist er für Stunden verstummt.

Im Film wirkt er manchmal eitel. War er so?

Auf sein Äußeres bedacht, das schon. Er ging gerne einkaufen. Schuhe, zum Beispiel. Hat dann auch mit den Verkäufern sofort zu reden angefangen und nicht ein Paar gekauft, sondern gleich zwei, ein schwarzes und das Gleiche noch mal in Braun.

Auch seiner literarischen Bedeutung war er sich durchaus bewusst, oder?

Oh ja, er wusste genau von seinem Stellenwert. Schon fast pathetisch hat er zu mir immer gesagt: ?Sie werden noch sehen, mein Stern wird strahlen, aber es wird vom Ausland her kommen. In Österreich sind die ja viel zu blöd, die kapieren nicht, was ich will.´

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