31. August 2018
31.08.2018

Ein Straßenkünstler bringt Nostalgie an die Wände der Insel

Er malt kleine Kinder und ältere Menschen an Palmas Fassaden – und ist damit sehr erfolgreich. Ein Gespräch mit Joan Aguiló über das Leben zwischen Auftrag und Botschaft

31.08.2018 | 01:00
Joan Aguiló vor seiner neusten Arbeit im Parkhaus am Mercat Olivar in Palma.

Ob der kleine Junge an der Station des Roten Blitzes in Palma, der mit Zügen spielt (siehe Titelbild) oder das weitaus kleinere Bild der drei älteren Herren an der Plaça Mercadal in der Altstadt: Die Straßenkunstarbeiten von Joan Aguiló sind in Palma allgegenwärtig. Und darüber hinaus. So hat er an verschiedenen Orten der Insel, aber auch in Lübeck, Italien und im Libanon Wände bemalt. In Can Picafort organisiert der 34-Jährige seit 2016 das jährliche Straßenkunstfestival „Saladina". Noch vor drei Jahren habe er 90 Prozent seiner Zeit mit Auftragssuche, zehn Prozent mit Malen verbracht. Heutzutage ist er in der luxuriösen Situation, 90 Prozent der Zeit zu malen.

Herr Aguiló, in den vergangenen Jahren sind Sie zu dem meistbeschäftigten Straßenkünstler Mallorcas geworden. Geht da nicht ein bisschen künstlerische Freiheit verloren?
Heutzutage sind tatsächlich die meisten meiner Werke Auftragsarbeiten. Allerdings habe ich das Glück, dass ich trotzdem normalerweise viel Freiheit bei der Motivwahl und der Gestaltung von meinen Auftraggebern
bekomme. Ich glaube, die Leute die michbeauftragen, kennen meine Arbeit, ihre Essenz. Und deshalb wollen sie mir keine besonderen Bedingungen stellen, damit das nicht verloren geht. Trotzdem gehe ich natürlich ab und zu nachts mit meinen Freunden raus und fertige hier und da kleine Arbeiten an.

Was ist das Besondere, wenn man nachts rausgeht?
Ein Grund, weshalb ich mit der Straßenkunst angefangen habe, war, dass ich mich allein im Atelier gelangweilt habe. Ich wollte rausgehen und Spaß haben, in einer Gemeinschaft arbeiten. Man ist außerdem frei, man sucht sich seine Orte selbst aus. Man kann Geschichten erzählen, auf die man Lust hat.

Fühlen Sie sich mehr als Künstler, wenn Sie nachts rausgehen, um zu malen?
Nein, eigentlich nicht. Das liegt auch daran, dass ich kaum Bedingungen von meinen Auftraggebern auferlegt bekomme. Natürlich gibt es aber Sachen, die ich nicht bei einer Auftragsarbeit machen kann. Etwa, als es in Spanien in den vergangenen Monaten die Angriffe auf die Meinungsfreiheit gab. Da wollte ich auch ein Statement setzen. Das geht natürlich nur als „klassischer" Straßenkünstler.

Sind Ihre Auftragsarbeiten besser vor dem Verfall geschützt? In dem Sinne, dass es unwahrscheinlicher ist, dass sie übermalt werden?
Das kann sein, aber ich mag es auch zu sehen, wie meine Arbeiten sich verändern. Wenn etwa jemand anders kommt und etwas daneben malt, das meine Arbeit in einen anderen Kontext setzt. Straßenkunst ist gelebte Geschichte. Die Wände spiegeln das wider, was gerade in der Stadt passiert. Ich finde das schön. Und es gibt ja auch die Fälle, wo die Arbeiten von den Künstlern erhalten werden. Etwa das Stencil auf Papier von einem älteren Ehepaar, das ich im Carrer Can Sanç angebracht habe. Es ist eine meiner ältesten Arbeiten. Immer wenn sich das Papier nur ein wenig löst, kleben es die Nachbarn wieder dran. Das macht mich natürlich sehr glücklich. Das ist wahre Anerkennung.

Wirkt sich eine Arbeit anders auf das Stadtbild aus, wenn es eine Auftragsarbeit ist?
Ich glaube, gerade bei den großen Wandgemälden ist es der Fall. Denn man nimmt eine Mauer oder eine Wand, die bisher unauffällig zum Stadtbild gehörte, und setzt sie in ein anderes Licht. Da muss man aufpassen, was man macht. Denn die Leute, die es jeden Tag sehen müssen, sollen sich auch nach längerer Zeit im besten Fall daran erfreuen können. Man muss wissen, wo man malt. Das ist mir vor allem aufgefallen, wenn ich im Ausland gemalt habe. Ohne, dass man jetzt seinen eigenen Stil deswegen verleugnet.

Wie hat sich Ihre Arbeitsweise verändert, seit Sie die großen Wandgemälde machen?
Nun ja, am Anfang wusste ich gar nicht, wie ich mit so einer Riesenwand umgehen soll. Also habe ich mich ein bisschen an meiner Arbeitsweise mit den kleinen Werken orientiert. Also, eine Schablone machen, diese in groß auf die Wand übertragen und dann mit Farbe ausfüllen. Aber eigentlich wollte ich ja richtig malen. Mit der Zeit ist das auch gelungen. Ich markiere grob die Linien, aber dann gehe ich mit Pinseln und Malerrollen ran. Und mittlerweile spiele ich auch mehr mit der Farbe, versuche Effekte einzubauen, so wie ein Maler das im kleinen Format machen würde. Auch wenn der Untergrund, die Wand, natürlich immer auch Fallstricke bietet. Da muss man reagieren können. In Zukunft würde ich aber diese Elemente der klassischen Malerei gerne vertiefen.

Inwiefern?
Nun, für so ein 30-Quadratmeter-Wandgemälde habe ich häufig nur eine Woche Zeit. Das heißt, es bleibt alles ziemlich oberflächlich. Wenn ein Maler im kleinen Format erst eine Schicht malt und dann korrigiert und verfeinert, bleibt es bei den Wandgemälden bei dieser ersten Schicht. Das heißt, man muss alles von Anfang an richtig machen. Ich will auch mit dem Gemälde spielen können. Straßenkunst sollte nicht immer so schnell wie möglich gemacht werden.

Warum stellen Sie so oft kleine Kinder oder alte Leute dar?
Ich glaube, es liegt daran, dass diese beiden Gruppen mit ein bisschen mehr Rücksicht betrachtet werden. Wenn Sie ein Bild eines Kindes sehen, denken Sie nicht, was aus ihm mal werden wird. Man assoziiert es eher mit seiner eigenen Kindheit. Das sagen mir auch die Leute. Ich male ja hauptsächlich Bilder, die aus alten Fotoalben meiner Familie stammen. Aber dann kommen Leute, aus Mallorca, aber auch aus dem Ausland und sagen mir, sie fühlen sich an ihre Kindheit erinnert. Meine Bilder haben etwas Nostalgisches. Bei den alten Leuten genauso. Man denkt an seine Großeltern oder Eltern. Wenn ich jetzt Leute in meinem Alter malen würde, wären die Assoziationen ganz andere. Dann würde man denken: Oh, der wählt bestimmt die Rechten. Oder, der hier ist bestimmt Unternehmer. Man muss da aufpassen. Man könnte vielleicht jemand malen, der ein Sonnenbad nimmt. Aber wenn daneben ein Mojito steht, dann fangen schon die Mutmaßungen über sein Gehalt an. Dann entstehen Interpretationen, die man gar nicht will.

Das heißt, es wird bei Kindern und Großeltern bleiben?
Ich möchte mich auch in meinen Motiven weiterentwickeln. Ich weiß noch nicht, wohin es gehen wird. Auch weil mir so langsam die Familienfotos ausgehen. (lacht)

Wie wirken sich die Veränderungen in Palma, die Gentrifizierung, auf Ihre Arbeit aus?
Nun, ich würde mich schwertun, etwa eine Auftragsarbeit anzunehmen, wenn es um ein restauriertes Haus geht, in dem die Wohnungen so teuer sind, dass sie sich kein Mallorquiner leisten kann. Zum Glück bin ich ja in der Position, Aufträge abzulehnen, die mir nicht behagen.

Im Carrer Hostal d'en Bauló in der Altstadt gibt es gleich zwei Gemälde von Ihnen auf solchen restaurierten Häusern.
Gut, da habe ich eine Ausnahme gemacht. Der Besitzer ist ein Bekannter von mir, der mich darum gebeten hat.

Wie wirkt sich der Tourismus auf die Straßenkunst aus?
Nun, die Altstadt von Palma ist eine riesige Plattform geworden. Zum einen, weil manche Straßen von Zehntausenden Menschen täglich besucht werden, zum anderen, weil die Bilder in den sozialen Medien verbreitet werden. Andererseits hat Mallorca auch ein Problem, weil es nicht als Ort wahrgenommen wird, an dem Menschen kreativ sind. Es ist eine Urlaubsinsel oder ein Ort zum Geldverdienen. Aber dass es hier viel Engagement in vielen Bereichen gibt, geht unter. Das führt dazu, dass es nicht so leicht ist, andere Künstler hier herzulocken, um zusammenzuarbeiten. Das ist auch der Grund, warum ich das Festival in Can Picafort organisiere.

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