29. Oktober 2018
29.10.2018

Filmfest Evolution auf Mallorca endet mit einem Knaller-Film

Mit „Back for Good" läuft auf dem ­Evolution Film ­Festival ein ­brillantes Regie-Debüt

29.10.2018 | 01:00
Ausdrucksstark mit Worten und Gesten: Kim Riedle als Trash-TV-Sternchen Angie.

Es ist der letzte Tag in der Entzugsklinik. Angie telefoniert ihre Kontakte hab. „Hey, schöne Frau, alles fit? Sag mal, ich hab eine Frage: Hast du morgen vielleicht einen Platz auf der Couch für mich?" Das Reality-TV-Sternchen wählt noch einige andere Nummern. Irgendwann bleibt ihr nur noch eine: „Mama?"

Mit dieser Verzweiflungstat beginnt der Film „Back for Good". Das Spielfilmdebüt der 32-jährigen Regisseurin Mia Spengler läuft am Mittwoch (31.10.) um 19 Uhr im Cine Ciutat als Abschlussfilm des diesjährigen Evolution Mallorca International Film Festival.

Angie (Kim Riedle) ist Anfang 30. Sie kehrt in ihr Heimatdorf zurück. In das Haus ihrer strengen Mutter Monika (Juliane Köhler), die Line Dance liebt und Tupperware verkauft. Zu ihrer 14-jährigen Schwester Kiki (Leonie Wesselow) , die epileptische Anfälle hat und in der Schule gemobbt wird. In eine Welt, in der der Witz „Treffen sich zwei Jäger" zu hysterischen Lachanfällen führt. In der ein Familiengeheimnis darauf lauert, gelüftet zu werden. Und in der Angie nur eine Hoffnung hat: ins Dschungelcamp eingeladen zu werden. Und als das nicht klappt: in den Promi-Zoo.Zwischendurch tritt sie als DJ auf, geht auf Partys, sorgt für kleine Skandale. Zwischendurch muss sie sich um Kiki kümmern, weil die Mutter nach einem Zusammenbruch in die Reha muss.

Perspektive Deutsches Kino

„Back for Good" ist der Abschlussfilm von Mia Spengler an der Filmakademie Baden-Württemberg. Sie hat dort Regie studiert. An dem Film hat sie dreieinhalb Jahre gearbeitet. „Es war eine sehr harte Zeit", erzählt sie. „ Ich hatte immer zu tun und trotzdem kein Geld. Ich konnte niemanden mehr anschnorren, weil ich schon alles ausgereizt hatte. Und ich wusste ja nicht, ob der Film gut ankommen wird." 2017 lief der Film auf der Berlinale in der Reihe „Perspektive Deutsches Kino".

„Back for good" ist ein unheimlich liebevoll erzählter Film über den Moment, in dem einem klar wird, dass der Ruhm vorbei ist. Dass man sich ein neues Leben suchen muss. Oder, wie es ein Fernsehmanager in dem Film ausdrückt: „Schatz, du hast einfach so ein 2012-Image. Ich weiß nicht, wie ich das verkauft kriegen soll."

Vor allem ist es aber ein Film über Aufmerksamkeit, die mit Liebe verwechselt wird. Drew, ein ehemaliges Boygroup-Mitglied, der in einem verlotterten Wohnmobil durchs Land tingelt und Schlager in Baumärkten singt, wirft es Angie an einer Stelle vor: „Du machst jede Scheiße, Hauptsache es guckt jemand zu." Angie ist dabei nicht allein. „Diese Suche nach Aufmerksamkeit betrifft jede Generation", sagt Spengler. „Es drückt sich nur anders aus." Während es für die MutterMonika ihre Line-Dance-Gruppe ist und für Angie eben das Trash-TV, sucht Kiki ihre Bestätigung in Youtube-Videos und in Facebook-Freundschaften.

Katie Price, Gina-Lisa Lohfink, Daniela Katzenberger als Inspiration

Die Inspiration für den Film fanden Mia Spengler und ihre Co-Autorin Stefanie Schmitz tatsächlich auch in einem Youtube-Video. „Wir haben uns mal gefragt, was Peter Andre so macht, der 90er-Jahre-Sänger mit dem Waschbrettbauch. Wir haben ein Interview mit ihm gefunden und gesehen, dass er eine ganz traurige Existenz führt. Da haben wir uns gefragt, wie es ist, wenn man Sachen über sich hergibt, die man nicht hergeben will. Diese Grenzüberschreitung, an der wir als Zuschauer teilnehmen."

Damit begann die Recherche in der Welt des Reality-TV. „Wir haben viele Interviews geguckt, uns mit den Karrieren von Katie Price und Gina-Lisa Lohfink auseinandergesetzt, alle Katzenberger-Bücher gelesen." Eine wichtige Rolle hat auch Ballermann-Sängerin Mia Julia gespielt. „Wir haben sie und ihren Mann 2015 in einem Dorf bei München getroffen. Bei denen hat man richtig gemerkt: Es macht ihnen Spaß, die haben Bock auf ihren Beruf. Nach dieser Begegnung wussten wir, dass wir Angie nicht als Opferrolle anlegen wollen. Sie soll Spaß machen. Man soll merken: Sie hat ein Talent."

Dass das im Film zu sehen ist, liegt auch an Kim Riedle. Die bislang nur aus Fernsehrollen bekannte Schauspielerin zeigt Angie als blondierte Kämpferin. Verloren zwischen zwei sehr unterschiedlichen Welten, das ja, aber mit dem Willen, sich durchzusetzen. Riedle wurde für ihre Rolle mit einer Nominierung für den Deutschen Filmpreis als beste Schauspielerin belohnt. Sie wird beim Evolution Film Festival vor Ort sein. Hervorzuheben ist auch die Arbeit von Kostümbildnerin Tina Eckhoff, die dafür gesorgt hat, dass Angie wie ein Trash-TV-Sternchen daherkommt, aber nie billig wirkt. Sie trägt dazu bei, dass der Film zeigt, was er zeigen muss, aber niemals voyeuristisch oder herablassend gegenüber seinen Protagonistinnen wirkt.

Der Film läuft auf Deutsch mit englischen Untertiteln.

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