24. Januar 2019
24.01.2019

Warum es immer noch Stücke über den Bürgerkrieg auf Mallorca braucht

Die bekannte Kompagnie Iguana Teatre untersucht im Teatre Principal die Folgen des Bürgerkrieges auf die Seele der Insel. Und hat sich dafür ein originelles Setting im Theater ausgesucht

24.01.2019 | 01:00
Die sechs Schauspieler in „Mar de Fons" schlüpfen jeweils in elf oder zwölf Rollen während der Darbietung.

Am 16. August 1936, rund einen Monat nach dem faschistischen Putsch, landeten republikanische Milizionäre in der Nähe von Porto Cristo an der mallorquinischen Ostküste. Ihre Mission: Die Insel von den Faschisten zu befreien. 4.000 bis 8.000 Kämpfer sollen damals unter Leitung des spanischen Militärs, Dichters und späteren Revolutionärs in Cuba, Alberto Bayo, an Land. Eigentlich genug Leute, doch die Niederschlagung des Putsches geht daneben, auch weil die Falangisten vom italienischen Militärs unterstützt wurden. Zudem sind die republikanischen Truppen schlecht organisiert und fraktioniert. Fluchtartig verlassen sie die Insel wieder. Nicht wenige von ihnen werden auf Mallorca verlassen und später hingerichtet.

Diese immer noch wenig bekannte Episode aus dem spanischen Bürgerkrieg steht am Anfang des Theaterstücks „Mar de Fons", das am Samstag (26.1.) um 20 Uhr im Teatre Principal uraufgeführt wird. Der Titel beschreibt ein im Deutschen als Dünung bekanntes Phänomen, wenn sich die Wellen einer Windsee über größere Strecken in ein Gebiet mit schwächerem Wind ausbreiten. Bei Küstenbewohnern gilt die Dünung als Frühwarnung vor einem herannahenden Sturm. „Es ist eine Metapher dafür, dass etwas vorhanden ist, selbst wenn das Ausmaß nicht unbedingt klar ist", sagt Pere Fullana von der Kompagnie Iguana Teatre, die das Stück in Koproduktion mit dem Teatre Principal auf die Bühne bringt.

Dunkle Familiengeheimnisse

Die Idee für das Stück kam dem 57-Jährigen nach einem Gespräch mit seinen Eltern, die ihm vor wenigen Jahren erzählten, dass Mitglieder seiner Familie an Erschießungen von Demokraten durch das Regime beteiligt waren. „Ich war total baff, dass dieses Wissen so lange vorhanden war und ich nie was darüber erfahren hatte. Und ich habe darüber nachgedacht, wie viel anderes noch verschwiegen wird, welche Traumata immer noch nicht aufgearbeitet sind."

In Zusammenarbeit mit Historikern begab sich Fullana auf die Suche nach Zeitzeugen und Nachfahren der Ereignisse im spanischen Bürgerkrieg und der Diktatur. Das Stück „Mar de Fons" ist ein ziemlich direktes Ergebnis dieser Recherche, die sowohl „Sieger als auch Besiegte" umfasste. „Wir haben die Erzählungen in kleine Szenen verwandelt, die wir chronologisch erzählen, von den Anfängen des Spanischen Bürgerkrieges und der fehlgeschlagenen Wiedereroberung Mallorcas bis hin zum Ende der Diktatur." Die Szenen stehen nicht direkt miteinander in Verbindung, die Charaktere ändern sich stetig. „Jeder der sechs Schauspieler übernimmt elf oder zwölf Rollen", sagt Fullana.

Ziel sei es nicht, irgendwem eine Lektion zu erteilen oder große Predigten zu halten, sagt Fullana. „Vielmehr ist es ein Versuch zu ergründen, wie sich der Bürgerkrieg und die anschließende Diktatur auf die hiesige Gesellschaft, das Selbstverständnis und das Zusammenleben ausgewirkt haben." Seiner Meinung nach habe der Faschismus in zwei Punkten eine besonders lang anhaltende Wirkung gehabt. „Da ist zum einen der Hass auf die Katalanen und alles Katalanische. Die Putschisten haben sich schnell bemüht, alle Gegenbewegungen als Aufstände aus Katalonien zu bezeichnen und so einen Keil zwischen ihnen und den Mallorquinern zu schlagen."

Der problematische Draht zu Gott

Viel wichtiger aber sei noch die Allianz mit der katholischen Kirche gewesen. „Dadurch, dass die Faschisten die Kirche auf ihrer Seite hatten, konnten sie sagen: Wir handeln im Namen Gottes. Und gleichzeitig gab es damals das Bewusstsein, dass Gott alles sieht, auch was man denkt. So hat man den Menschen nachhaltig Angst gemacht. Und das hält sich bis heute." Dass die katholische Kirche heute nur noch für vergleichsweise wenige Leute eine große Rolle spiele, will Fullana nicht gelten lassen: „In den hohen Kreisen der Politik und der Macht ist die Kirche immer noch höchst einflussreich. Nehmen sie etwa Themen wie Abtreibung oder die Rechte von Homosexuellen. Da versucht die Kirche noch heute, Macht auszuüben."

Auch dass es in den vergangenen Jahren schon recht viele Stücke, Filme und Bücher über den Bürgerkrieg gab, will Fullana so nicht gelten lassen. „Das Thema wurde so lange unterdrückt. Jetzt kommt es erst heraus. Jetzt werden erst die Massengräber geöffnet. Über 80 Jahre später! Und es gibt immer noch einige Parteien, die das Thema am liebsten unter den Tisch kehren würden. Dabei gibt es doch einen Bedarf in der Gesellschaft, dass man endlich erfährt, was wirklich passiert ist, und nicht das, was man sich in der Diktatur zurechtgedreht hat."

Die Bühne als Metapher

Die Theaterkompagnie, die mit 34 Jahren zu einer der langlebigsten der Insel zählt, hat für das Stück eine Tribüne für 250 Zuschauer auf die Hinterbühne des großen Saales des Teatre Principal bauen lassen. „Dadurch schaffen wir eine intimere Atmosphäre", sagt Fullana. „Wir befinden uns im 'Bauch' des Theaters, was irgendwie auch eine Metapher für das Konzept des 'Mar de Fons' ist. Das Stück wird in der Tiefe des Gebäudes gezeigt, dort wo auch die ganzen nicht erzählten Geschichten lauern."

Mar de Fons, Iguana Teatre, Teatre Principal, 26.1., 20?Uhr/ 27.1., 18?Uhr/ 1.2., 20 Uhr/ 2.2., 20?Uhr/ 3.2., 18 Uhr, Karten 20 Euro

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