20. Februar 2019
20.02.2019

War der spanische Bürgerkrieg in Wahrheit ein Völkermord?

Die deutsch-spanische Doku „Franco vor Gericht" versucht ohne Effekthascherei zu klären, ob das Franco-Regime Verbrechen gegen die Menschlichkeit verübte. Am 22.2. wird er im CineCiutat auf Mallorca gezeigt

20.02.2019 | 01:00
8. Februar 1937: Deutsche und italienische Truppen bombardieren aus der Luft und vom Meer aus Flüchtlinge auf der Küstenstraße zwischen Málaga und Almería. Zwischen 3.000 und 5.000 Menschen sterben Deutsche Truppen waren wesentlich am Sieg der Putschisten über die Republikaner beteiligt.

Am 14. April 2010 ereignet sich in Buenos Aires etwas Außergewöhnliches: Ein argentinisches Gericht gibt einer Sammelklage gegen das Franco-Regime statt. Die Ermittlungsrichterin María Servini de Cubría versucht seither, noch lebenden Tätern aus dem spanischen Bürgerkrieg und der Franco-Diktatur den Prozess zu machen. Alle Bemühungen, sie in Spanien zur Rechenschaft zu ziehen, waren gescheitert. Nun haben Opfer des Regimes und ihre Angehörigen erstmals die Chance, gehört zu werden. Doch wie soll ein Prozess zustandekommen, wenn die spanische Regierung und Justiz auf Amnestiegesetze verweist?

Die „argentinische Klage" ist Ausgangspunkt für die Dokumentation „Franco vor Gericht: Das spanische Nürnberg?" des spanisch-deutschen Filmemacherpaares Lucía Palacios und Dietmar Post, das am 22.2. um 19 Uhr im CineCiutat gezeigt wird. Es ist nicht das erste Mal, dass Palacios und Post, die auch für ihre Musik-Dokumentationen bekannt sind, sich mit der spanischen Diktatur auseinandersetzen. In „Die Siedler Francos" zeigten sie ein Dorf, das immer noch nach dem Diktator benannt ist, und wie die Bewohner mit diesem Erbe umgehen. Im Grunde sei der neue Film eine Fortsetzung davon, so Palacios.

Wie ein richtiger Gerichtsprozess

„Franco vor Gericht" ist kein einfach zu konsumierender Film. Das liegt nicht nur an der Thematik, sondern an der Machart. Palacios und Post verzichten komplett auf Musik, es gibt eine einzige Schwarzblende, ganz am Ende. Ansonsten sind es harte Schnitte. Man muss sich auf diesen Film einlassen. Aber gerade dieser reduzierte Stil ermöglicht es, sich der Geschichte zu stellen. Man habe mit dem Film in gewisser Weise ein Gerichtsverfahren inszenieren wollen, sagt Lucía Palacios. Deshalb sind alle wesentlichen Beteiligten vertreten: die Opfer und ihre Anwälte, die Angeklagten und ihre Verteidiger, die Richterin, dazu Historiker als Gutachter. Jeder kommt in dem Film zu Wort. Sowohl der von den Schergen des Regimes gefolterte Josu Ibargutxi als auch der frühere Minister José Utrera Molina. Die Schwester des hingerichteten Salvador Puig genauso wie die Tochter des „Schlächters von Badajoz", des Generals Juan Yagüe. Ein Jahr lang versuchten die Filmemacher, noch weitere Vertreter des Regimes vor die Kamera zu kriegen. Ohne Erfolg.

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„Franco vor Gericht" untersucht nicht nur die Ereignisse in Spanien zwischen 1936, dem Jahr des Putsches und Beginn des Bürgerkriegs, und 1977, zwei Jahre nach Francos Tod, sondern wirft auch einen Blick auf den europäischen Kontext. Zum einen auf das tatsächliche Ausmaß, in dem die Nationalsozialisten mit Franco und seinen Verbündeten zusammenarbeiteten. Zum anderen auf den Nürnberger Prozess von 1945. Dort kamen auch die Verstrickungen von Nazi-Deutschland mit dem Franco-Regime zur Sprache. Warum das keine Konsequenzen für Spanien hatte? Franco galt im Kalten Krieg als Garant gegen den Kommunismus. Der Gerichtsmediziner Francisco Etxeberria fasst es im Film so zusammen: „Die absolute Niederlage der Republikaner ereignete sich nicht 1939, sondern 1945. Und zwar in dem Moment, als sie feststellten, dass die Alliierten keinerlei Absicht hatten, nach Spanien zu blicken."

Kein einziger Verurteilter

Die zentrale Frage des Films wird auf einem Laptop-Bildschirm während der Interviews eingeblendet: Gab es einen Völkermord in Spanien? Das ist wichtig, denn nur so kann das spanische Amnestiegesetz ausgehebelt werden. Internationales Recht besagt nämlich, dass Verbrechen gegen die Menschlichkeit nicht verjähren können. Wie also soll man mit Spanien umgehen, das Land „mit den meisten Massengräbern nach Kambodscha", wie es in dem Film heißt? In dem kein einziger Verantwortlicher für die Verbrechen in Bürgerkrieg und Diktatur verurteilt wurde? Der Film ist ein Plädoyer für diesen Prozess.

„Franco vor Gericht" ist kein gewöhnlicher Dokumentarfilm. Deshalb wird er auch nicht gewöhnlich vermarktet. Statt ihn in ein paar Kinos zu bringen, touren die Filmemacher mit ihm durchs Land. Sie zeigen ihn etwa in Dörfern, in denen es schon seit Jahren kein Kino mehr gibt. „So erreichen wir Menschen, die ihn sich sonst wohl niemals anschauen würden", sagt Palacios. Meist sind auch Protagonisten des Films bei der anschließenden Diskussion dabei – in Palma ist es die Anwältin Lidia Falcón.

„Franco vor Gericht", CineCiutat, 22.2., 19 Uhr, Film im span. Original, der Eintritt ist frei

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