23. April 2019
23.04.2019

Was passiert, wenn man auf Tinder nicht nach Sex sucht

In der Misericòrdia zeigt Toni Amengual ein preisgekröntes Fotoprojekt aus Finnland

23.04.2019 | 01:00
Sich zum Sex zu verabreden, wäre einfacher gewesen, als Tinder-Nutzer wie diesen Mann dazu zu bewegen, sich fotografieren zu lassen, so Amengual.

Was macht man, wenn man im Winter in der finnischen Provinz sitzt, es draußen höchstens vier Stunden am Tag hell ist und man reichlich Zeit zu verschwenden hat? Man lädt sich die Dating-App Tinder herunter und fängt an, mit fremden Menschen zu chatten.

Das war auch das, was der mallorquinische Fotograf Toni Amengual tat. Nur, dass der 39-Jährige nicht auf der Suche nach Sex war, sondern nach Menschen, die er fotografieren kann. Und feststellen musste, dass er viel leichter zu Geschlechtsverkehr gekommen wäre als zu Protagonisten für sein Projekt. „Es hat zehn Tage gedauert, bis ich den Ersten gefunden habe, der sich fotografieren lassen wollte", erzählt Amengual. „Die meisten haben sofort Nein gesagt, weil sie auf der Suche nach Sex waren. Bei den anderen war die Entfernung zu groß oder sie hatten keine Zeit."

Dating-App als Normalität

Rund 80 mehr oder weniger lange Gespräche führte er über die App. Fünf Männer und Frauen hat er fotografiert. Aber die Mühe hat sich gelohnt. Amengual bekam dafür im vergangenen Jahr den neu geschaffenen Fotografiepreis des Inselrats von  Mallorca. Die Ergebnisse seiner finnischen Recherchen sind  in der Misericòrdia in Palma unter dem Titel „Androids In The Woods" zu sehen. Ende Mai soll ein aufwendiger Katalog dazu erscheinen.

Amengual zeigt die Bilder seiner Protagonisten und kombiniert diese jeweils mit auf großformatige Leinwände gezogenen Bildern aus der Umgebung, die teilweise fast abstrakt wirken. Zudem hat der Fotograf die Tinder-Chats von einem automatischen Lesegerät einsprechen lassen und mittels der Gesprächsfetzen eine Audiocollage erstellt, die er mit Fotografien und Tinder-Screenshots zu einer rund vierminütigen Audio-Slideshow zusammengeschnitten hat.

Das Spiel mit der Datenkrake

Amengual sagt, seine Arbeit sei weniger eine Gesellschaftskritik, sondern mehr ein Anstoß zum Nachdenken: zum einen über die Frage, wer diese ganzen Menschen sind, mit denen wir so schnell in Kontakt treten und intim werden können. Zum anderen über die Maschine, die dahintersteckt. Ein Programm, das unsere Daten sammelt und aus den Bruchstücken ein Gesamtbild erstellt. Und wie wir dieses Gesamtbild durch das gezielte Hinzufügen und Weglassen von Informationen zu beeinflussen versuchen.

Die externe Jury, die der Inselrat für die Auszeichnung zusammengestellt hatte, zeigte sich davon beeindruckt. Weniger enthusiastisch waren die Fotografieschüler der Hochschule IDEP in Barcelona, wo Amengual unterrichtet. „Für sie ist dieser oberflächliche Austausch, der über Tinder stattfindet, ein so normaler Teil ihrer Realität, dass sie gar nicht verstanden haben, dass ich ihn fotografieren will." Mit seinen Protagonisten sei er in losem Kontakt geblieben, sagt Amengual. „Einer benutzt sogar mein Bild als Tinder-Profilbild." Er lacht ob der Absurdität dieses Umstands.

Die langen Stunden mit der App hatten für Amengual einen Effekt, der über den Nutzen für sein Projekt hinausgeht: „Ich war allein in einem Haus in der finnischen Provinz. Diese Gespräche haben mir das Gefühl gegeben, ein bisschen Begleitung zu haben. Was ja in irgendeiner Weise stimmt. Gleichzeitig aber auch nicht wirklich real ist."

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