27. November 2019
27.11.2019

So klang die Musik in den Stadtpalästen von Palma de Mallorca

Der Musiker Ferran Pisà erforscht das Liederbuch der mallorquinischen Adelsfamilie Brondo – ein einzigartiges Dokument zur Musikrezeption auf der Insel ab dem 17. Jahrhundert.

27.11.2019 | 01:00
Blick ins Manuskript: Musikalische Übungen für eine gewisse Anna Brondo, datiert auf den 28. Mai 1764.

Es sind nur 66 Seiten, beidseitig beschrieben. Aber in ihnen steckt ein spannendes Kapitel mallorquinischer Musikgeschichte. Der „Cançoner de la Familia Brondo" ist ein Liederbuch, dass eine Familie des Hochadels aus Palma de Mallorca zwischen Ende des 17. Jahrhundert und dem 19. Jahrhundert zusammengetragen hat.

„Das Buch ist etwas Besonderes, weil es zeigt, wie sich eine mallorquinische Adels­familie im Laufe von über zwei Jahrhunderten mit Musik auseinandergesetzt hat", sagt der Musiker und Forscher Ferran Pisà. Die Sammlung ist in drei Teile aufgeteilt. Der älteste enthält Kompositionen aus Theaterstücken, die am Königshaus in Madrid uraufgeführt und dann bei Tourneen im ganzen Reich bekannt gemacht wurden. „Wir wissen allerdings nicht, ob diese Lieder von den Familienmitgliedern selbst gesungen oder ob Künstler beauftragt wurden, sie bei Festen vorzutragen", sagt Ferran Pisà.

Der zweite Teil stammt von Mitte bis Ende des 18. Jahrhunderts. Hierbei handelt es sich um musikalische Übungsblätter für eine gewisse Anna Brondo. Zudem enthält das Manuskript Etüden für Cembalo und Klavier. Der dritte Teil sind Ausschnitte aus italienischen Opern, die aus dem 19. Jahrhundert stammen. „Wir gehen davon aus, dass ein Mitglied der Familie an Amateurdarbietungen dieser Opern teilgenommen hat", so der Musiker.

Mallorquinischer Adel

Die Geschichte der Brondos reicht bis zur Eroberung Mallorcas durch König Jaume I. zurück, sagt Miquel Pericàs, der von mütterlicher Seite ein Brondo ist und mit zweitem Nachnamen so heißt. „Der Stammvater der Familie war ein gewisser Hipòlit Brondo", erzählt er. „Die Brondos waren eine mallorquinische Adelsfamilie, die im Laufe der Jahrhunderte zahlreiche politische und gesellschaftliche Amtsträger hervorgebracht hat."

Sitz der Familie war ein Stadtpalast in Palma, in dem sich heute kleinere Geschäfte und Galerien befinden. An die Tradition des Ortes erinnert nur der Name der Straße, Carrer Brondo, der neben der Bar Bosch beginnt. Und ein Hotel mit dem Familiennamen in der gleichen Gasse. „Mit der Familie hat das Hotel meines Wissens aber nichts zu tun", so Pericàs, der in Barcelona lebt und Leiter des katalanischen Forschungsinstituts für Chemie, ICIQ, ist.

Laut Pericàs habe es spätestens im Bürgerkrieg einen Riss durch die Familie gegeben. „Dadurch ist viel Information und Traditionsbewusstsein verloren gegangen. Er selbst habe nichts mehr von den einst so reichen Besitztümern seiner Familie gehabt. „Mein Großvater hat sowohl sein Vermögen als auch das seiner Frau verschleudert", sagt Pericàs.

Auch Llorenç Brondo, der zwischen 2003 und 2009 Bürgermeister der menorquinischen Stadt Ciutadella war, kann wenig zur Geschichte der Familie beitragen. „Mein Vater kam direkt nach dem Bürgerkrieg nach Menorca, seitdem hat es nur noch wenig Kontakt zur Familie auf Mallorca gegeben."

Nach Katalonien verkauft

Irgendwann, der genaue Zeitpunkt sei noch nicht geklärt, landete das Liederbuch im Buchladen Ripoll im Carrer Sant Miquel, erzählt Pisà. „Dort wurde das Manuskript in den 90er-Jahren an die katalanische Nationalbibliothek verkauft, wo es bis heute aufbewahrt wird." Der mallorquinische Musiker ist nicht der Erste, der auf die Seiten gestoßen ist. „Ich habe von der Existenz des Manuskripts durch die Konzerte von anderen Musikern erfahren", sagt Pisà.

Er ist aber der Erste, der das Manuskript systematisch erforschen will. „Wir stehen bei unseren Recherchen noch ziemlich am Anfang", gesteht er. „Unser Ziel ist es, ein Buch über das Liederbuch herauszubringen und eine Platte, auf der wir und andere Musiker die Stücke daraus interpretieren." Ein weiterer Schritt wäre, das gesamte Buch für verschiedene Instrumente zu transkribieren und als Partitur zu veröffentlichen.

Nicht nur brillant

Wobei das Manuskript nicht unbedingt nur brillante Stücke enthalte, sagt Pisà. „Einiges daraus ist ziemlich mittelmäßig." Es sei auch nicht das einzige Liederbuch einer spanischen Adelsfamilie aus der Zeit, das noch erhalten sei. Die Faszination, die von diesen 66 Seiten ausgehe, ergebe sich vor allem aus der Ausdauer, die die Brondos an den Tag gelegt haben.

„Das Besondere ist, dass die Familie es immer weiter ergänzt hat. Ich habe keine Kenntnis von einem vergleichbaren Manuskript, das eine so große Zeitspanne umfasst." Gerade die Stücke von der Anfangszeit interessieren den Musiker. „Sie sind kompositorisch hochinteressant", erklärt Pisà. Gerade in jener Zeit habe sich das Königreich kulturell von den europäischen Nachbarn isoliert, die Stücke seien deshalb auch repräsentativ für die spanische Musik jener Zeit.

Faschismus und Fußball

Im 20. Jahrhundert haben sich die Brondos vor allem als Journalisten einen nicht nur rühmlichen Namen gemacht. Nicolás Brondo Roten (1872–1941) war unter anderem Chefredakteur der Zeitung „El día" und Mitbegründer der faschistischen Falange. Nicolau Brondo Ferrer (1920–1965) war Sportjournalist. Heute erinnert an ihn der nach ihm benannte Vereins­pokal seines Lieblingsclubs Atlético Baleares.

Obwohl das Liederbuch schon länger nicht mehr in Familienbesitz ist, ist die Musik irgendwie doch bei den Brondos geblieben. Pericàs' Tochter Elisabet zumindest betreibt in Palma eine Konzertagentur für klassische Musik. „Ich fürchte aber, das hat sie eher von ihrer Mutter geerbt", sagt der Chemiker, der mit einer Deutschen verheiratet ist, schmunzelnd.

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