30. April 2021
30.04.2021
Mallorca Zeitung

Ein Duett mit dem Großvater, der einst vor den Nazis floh

In der Galerie L21 zeigt der auf Mallorca aufgewachsene Künstler Ian Waelder bis zum 7. Mai 2021 das Resultat einer Spurensuche in einer deutschen Familiengeschichte

30.04.2021 | 11:46
Der junge Künstler Ian Waelder in seinem Atelier in Frankfurt. Als Erster aus seiner Familie ist er nach Deutschland zurückgekehrt.

Die Nadel legt sich auf den Plattenspieler, der im hinteren Teil der Galerie L21 in Palmas Gewerbegebiet Son Castelló aufgestellt ist, und der Raum füllt sich mit Jazz: Eine Klavierimprovisation voller Vitalität untermalt die Ausstellung „Por qué no son todos así, como yo debiera ser?" (Warum sind nicht alle so, wie ich sein sollte?) von Ian Waelder. Die Tonaufnahme stammt von seinem Großvater Federico Waelder (geb. als Friedrich Wälder), und tatsächlich ist sie weit mehr als Hintergrundgeplänkel: Sie ist das Herzstück, mit dem etwas begann, das sich als Kunst gewordenes, generationenübergreifendes Familienprojekt beschreiben lässt.

Der 28-jährige Ian Waelder wuchs als Sohn eines Chilenen und einer US-Amerikanerin auf Mallorca auf. Doch die jüdischen Wurzeln liegen in Deutschland. Im MZ-Gespräch erzählt der Künstler, wie er 2012 über den Stuttgarter Historiker Wolfgang Kress, der für Stolpersteine recherchierte, Informationen über seine Familie erhielt: Sein Großvater, ein Pianist, war der Einzige, der die Shoa überlebte. Ihm gelang die Flucht ins Exil. „All das hat für mich eine neue Bedeutung bekommen, als ich selbst 2017 zum Studieren nach Frankfurt zog", sagt Waelder. „Die Geschichten wurden viel präsenter. Auch weil ich der Erste der Familie war, der nach Deutschland zurückkehrte."

Zusammenarbeit mit dem Vater


Die persönliche Ahnenforschung nahm eine künstlerische Wendung, als sein Vater 2020 die Aufnahme des Großvaters wiederentdeckte. Waelder ließ das Stück einmal pro Monat bei einer Radiosendung von Studierenden seiner Uni spielen, um die Musik symbolisch dem Publikum in Deutschland zurückzugeben. Und er hatte die Idee, ein Duett mit seinem Großvater zu machen, indem er der Aufnahme eine eigene Note hinzufügte: einen Rhythmus im Hintergrund, der von Schuhen stammt, die Waelder die Treppe hinunterwarf. „Diese Begleitung hat perfekt gepasst. Das war einer dieser fast magischen Zufälle." In der Ausstellung ist neben dem posthumen Remix auch eine Sprachaufnahme zu hören, bei der Friedrich Wälder in chilenischem Spanisch mit markantem deutschen Akzent eine humorvolle Rede über „Miss Universe" hält, eine Art Ode an die Frau.

Das Duett indes führte zu einer weiteren Kooperation innerhalb der Familie: Gemeinsam mit seinem Vater, dem Bildhauer Juan Waelder, schuf Ian Waelder eine Reihe von Skulpturen – ein Prozess, den er als „sehr emotional und im besten Sinne intensiv" beschreibt. In der Schau sind die Ergebnisse, auf Podeste platzierte Miniatur-Autos, unter dem Titel „The Car Of Our Time (Grandpa's Olympia)" zu sehen.

Der Hintergrund: Sein Großvater musste damals das Familienauto verkaufen, bevor er nach Chile ging. Ian Waelder machte die Tatsache stutzig, dass Kress Informationen über das genaue Modell des Wagens fand, und ging der Geschichte nach. So erfuhr er, dass der Opel Olympia für die Autoindustrie in Deutschland bedeutend war: Das Auto war eine technische Innovation und wurde als erstes in Großserie produziert.

Vom Opel Olympia zu Leni Riefenstahl


Wieder führte bei der kreativen Detektivarbeit eines zum anderen: Der Name des 1935 vorgestellten Wagens war eine Hommage an die Olympischen Spiele, die das NS-Regime 1936 ausrichtete. Der Titel brachte Waelder auf den Propagandastreifen „Olympia" von Leni Riefenstahl – ein Element, das dem Kunstprojekt eine neue Ebene geben sollte. Der Film feierte 1938 Premiere, im selben Jahr, als die Nazis den Großvater und den Rest der Familie bei der Reichskristallnacht gefangen nahmen. Waelder erklärt, dass er anhand von Olympia die Verlogenheit hinter dem Nationalstolz und der Idee von körperlicher Perfektion aufzeigen wollte, die in die Welt getragen wurden, während die Verfolgung der Juden schon in vollem Gang war.

Der Künstler, der weiterhin in Deutschland lebt, verwendet Szenen aus Riefenstahls Film, aber in einer ironisch-spöttischen Weise: Auf großformatigen Bildern aus Leinen zeigt er Close-ups von Momenten, in denen die Athleten verlieren oder sich überanstrengen. Mit pastoser, speckig glänzender Ölfarbe aufgetragene Satzfragmente, die wiederum Auszüge aus Beschreibungen des Opel Olympia sind, überlagern die Ausschnitte der Standbilder: „Hellsandgrau", „Ein neuer Motor", „Unserer Zeit" oder „Ein Vorläufer der heutigen Knautschzonen" ist da zu lesen.

Das feinfühlige und konzeptuell vielschichtige Gesamtwerk soll die Erinnerung wachhalten an das, was im Nationalsozialismus geschah. Und das Projekt soll sich noch weiterentwickeln: Ian Waelder will die auch in der Galerie erhältliche Platte in deutschen Musikläden vertreiben und überlegt auch, einen Opel Olympia zu kaufen und
damit einen Roadtrip zu unternehmen. Die Basis soll aber stets die Klavieraufnahme seines Großvaters bleiben: Sie gibt den Ton an.

Bis 7. Mai, L21 Art Gallery, Mo.–Fr. 9–15 Uhr oder nach Absprache, Gremi de Ferrers, 25, Palma

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