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Hochkultur neben Bettenburgen: Wie das Auditorium Sa Màniga in Cala Millor Urlauber und Einheimische anzieht

Seit 25 Jahren beweist das Auditòrium Sa Màniga im Urlaubsort Cala Millor, dass Kultur auch zwischen Hotelburgen leuchten kann. Dahinter steht seit ebenso vielen Jahren ein engagierter Intendant. Doch nicht alles, was hier ausprobiert wurde kam gut an

Eingebettet zwischen Hotels: Das Auditòrium Sa Màniga erstaunt durch seinen Standort mitten im Urlaubsgebiet in Cala Millor.

Eingebettet zwischen Hotels: Das Auditòrium Sa Màniga erstaunt durch seinen Standort mitten im Urlaubsgebiet in Cala Millor. / Nele Bendgens

Sophie Mono

Sophie Mono

Einen großen Stapel Papiere – viel mehr fand Pere Santandreu nicht vor, als er im August 1999 das Leitungsbüro des Auditòrium Sa Màniga in Cala Millor bezog. 29 Jahre war er damals alt. Hinter dem Mallorquiner aus Sant Llorenç lagen ein Studienaufenthalt in Großbritannien und eine erfolgreiche Promotion in Theatergeschichte. Vor ihm die Aufgabe, das große Veranstaltungsgebäude, das wenige Monate zuvor mitten im Urlaubsort eröffnet worden war, mit Leben und Inhalt zu füllen. Hochkultur neben „all inclusive“, künstlerischer Anspruch neben Sol-y-Playa-Tourismus. Eine riesige Herausforderung, die einige als unlösbar ansahen. Santandreu ist ehrlich: „Bis heute macht sie mich nervös.“

Kein Wunder: Auch 25 Jahre nach der Eröffnung ist der Standort des Auditoriums, den einst die Verantwortlichen der Gemeindeverwaltung Sant Llorenç gemeinsam mit dem örtlichen Hotelverband und der balearischen Landesregierung wählten, gelinde gesagt erstaunlich. Sa Màniga steht mitten zwischen Bettenburgen, jegliche Infrastruktur in der näheren Umgebung ist touristisch. Wer sich jetzt, in der Nebensaison, am frühen Abend dem Gebäude nähert, wird von einem hell erleuchteten Foyer angezogen – ein krasser Gegensatz zu den umliegenden Hotelkomplexen, die in einen dunklen Winterschlaf verfallen sind. „In solchen Momenten fühle ich mich hier wie in einem Leuchtturm“, sagt Santandreu – und klingt durchaus zufrieden.

Ausprobieren und anpassen

490 Plätze hat der Hauptsaal des Auditòrium Sa Màniga.

490 Plätze hat der Hauptsaal des Auditòrium Sa Màniga.

Jetzt, mit seinen mittlerweile 54 Jahren, ist er jemand, der weiß, was er tut. Stolz, ohne überheblich zu wirken, routiniert, ohne festgefahren zu sein – und immer noch genauso interessiert daran, Sa Màniga weiter voranzubringen. „Als ich begann, gab es keine Vergleichsstudien, die wir zu Rate ziehen konnten. Nur Daten aus Orten, die ganzjährig belebt sind“, erinnert er sich. Umso klarer, aber nicht weniger herausfordernd, war die Erwartungshaltung der Geldgeber: Das Auditorium solle den Kongress- und Incentive-Tourismus fördern und ein anspruchsvolles Kulturangebot für die Anwohner des Inselostens bieten. Santandreu und seinem Team blieb also nichts anderes übrig, als auszuprobieren – und hatte damit mal mehr, mal weniger Erfolg.

„Wir versuchten es beispielsweise mal mit einem Festival klassischer Musik mitten im Juli – das war ein Flop“, erinnert sich Santandreu. „Da gehen die Leute einfach lieber an den Strand oder sitzen draußen.“ Sa Màniga passte das Programm an. Mittlerweile legt das Auditorium im Hochsommer eine mehrwöchige Pause ein. „Die Frage, wie man die Saison verlängern kann, war schon vor 25 Jahren auf der Insel aktuell, und nein, auch wir haben darauf keine Antwort gefunden“, gibt Santandreu zu. „Aber immerhin bieten wir zu Beginn und zum Ende der Urlaubersaison attraktive Alternativen zu Sol-y-Playa, die von den Menschen auch genutzt werden.“

Alljährlich im September beispielsweise habe sich mit dem „¡Millor!“-Festival ein buntes Familienkulturprogramm etabliert. Und zwischen Oktober und Mai spielen regelmäßig international geschätzte Orchester im Sa Màniga auf. Auch renommierte Tanzensembles aus ganz Europa füllen dann den 490 Sitze umfassenden Hauptsaal. Das ist wohl ebenfalls Santandreus Verdienst – er hat sich dieses Publikum mit seinem Leuchtturm erarbeitet. „Wir sind nicht in Barcelona oder Berlin, es gibt hier keine Tanztradition. Anfangs konnten die Leute wenig damit anfangen. Jetzt kommen sie.“

Muttersprache nebensächlich

Leitet seit 25 Jahren mit viel Elan Sa Màniga: Pere Santandreu.

Leitet seit 25 Jahren mit viel Elan Sa Màniga: Pere Santandreu.

Bis heute mischt sich Santandreu oft unter das Publikum, um herauszufinden, was den Menschen gefällt. Oder um zu neuen kulturellen Erfahrungen zu ermuntern. „Ghettobildung wollen wir strikt vermeiden“, betont er. Programmpunkte extra für Urlauber gibt es nicht. Stattdessen liegt der Schwerpunkt auf Musik- und Tanzdarbietungen, bei der die Muttersprache der Zuschauer nebensächlich ist – ein gemeinsamer Nenner für ein heterogenes Publikum. „Auch im Winter ist es divers, hier leben viele ausländische Zweithaus-Residenten“, erklärt er. Um möglichst alle anzusprechen, wird das Programm auf Spanisch, Katalanisch, Englisch und Deutsch beworben – anders als im Espai 36 im Ortskern von Sant Llorenç, dem nur zwölf Kilometer entfernten, ungleich kleineren Kulturzentrum der Gemeinde. „Dort setzen sie auf Theater für Einheimische. Ein anderer Schwerpunkt, aber wir sprechen uns ab“, sagt Pere Santandreu.

Trotz der Tiefpunkte, wie der Wirtschaftskrise 2008 oder der Corona-Pandemie: Unterm Strich stieg die Zahl derer, die das Auditorium und seine Angebote nutzen, in den vergangenen 25 Jahren immer weiter. So seltsam das große Gebäude, das außer dem Hauptsaal noch fünf kleinere Veranstaltungsräume sowie Büros umfasst, zwischen den Hotels noch immer wirken mag – wegzudenken ist es aus Cala Millor schon lange nicht mehr. „Wir sind gereift und fest im Sattel. Aber wir würden gerne weiter wachsen“, so der Leiter, dem ein Team aus vier weiteren Festangestellten zur Verfügung steht.

Neues Freiwilligenprogramm

Santandreu wünscht sich regelmäßige private Sponsoren – das Geld kommt fast ausschließlich von der Gemeinde Sant Llorenç. Und noch mehr Leben im Auditorium. „Wir würden gerne ein Freiwilligenprogramm auf die Beine stellen“, sagt er. Mit Senioren jeglicher Nationalität, die spannende Berufe gelernt und nun Lust haben, einen Teil ihres Wissens in kleineren Kursen oder punktuellen Workshops unentgeltlich an andere weiterzugeben. Um so den Ort noch ein wenig mehr zu erleuchten.

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