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Bunte Hüte, Orangenbäume, "Reliquien": Wie es zugeht, wenn die Uni auf Mallorca einen Ehrendoktor würdigt

Die Gamben-Koryphäe Jordi Savall (83) hat die Ehrendoktorwürde der Balearen-Universität erhalten. Eindrücke eines Zeremoniells, das nicht alle Tage zu sehen ist

Jordi Savall (Mitte) bei der Zeremonie zum Empfang der Ehrendoktorwürde. Magdalena Brotons (li.), UIB-Rektor Jaume Carot (re.). | FOTO: UIB/EUROPAPRESS

Jordi Savall (Mitte) bei der Zeremonie zum Empfang der Ehrendoktorwürde. Magdalena Brotons (li.), UIB-Rektor Jaume Carot (re.). | FOTO: UIB/EUROPAPRESS

Brigitte Rohm

Brigitte Rohm

Das junge Gemüse – Scharen von Studierenden der Balearen-Universität, die sich an diesem Dienstagmorgen (25.2.) durch den Ausgang der Metro drängeln – hat andere Ziele auf dem Campus. Doch im Garten neben dem Rektoratsgebäude versammeln sich Vertreter der Medien und der Balearen-Universität UIB zum ersten Teil eines besonderen Festaktes, der nur ein- bis zweimal im Jahr vollzogen wird. Jordi Savall, der begnadete katalanische Gambenspieler, auch Schoßgeiger genannt, Musikwissenschaftler und Komponist bekommt die Ehrendoktorwürde verliehen.

Eine Auszeichnung, mit der die 83-jährige Koryphäe in die Fußstapfen von Persönlichkeiten wie der Sängerin Maria del Mar Bonet oder des verstorbenen Regisseurs Agustí Villaronga tritt. Und die sich zu einer Reihe von Preisen und Ehrungen gesellt, die der virtuose Künstler, der im Laufe seiner Karriere 230 Platten aufnahm, bereits bekam. Seinen internationalen Durchbruch feierte Savall mit dem Film „Tous les matins du monde“ 1991, für den er die Musik komponierte. Sein wohl größter Verdienst ist sein leidenschaftlicher Einsatz für historische Instrumente, insbesondere die für Spanien typischen Gambe.

Baumpflanzen mit Würde und Gelassenheit

Zum Auftakt der heutigen Zeremonie muss er aber die Schoßgeige gegen den Spaten tauschen: Es beginnt mit dem traditionellen Pflanzen eines Baumes. Savall hat sich zu diesem Anlass einen Orangenbaum ausgesucht. Auf eine Krücke gestützt und in Begleitung seiner Lebensgefährtin, der niederländischen Philosophin Maria Bartels, schreitet der Musiker seelenruhig an den rund zehn Kameras vorbei, und dann zur Tat. In jeder Sekunde strahlt er Würde und Gelassenheit aus. Auch beim anschließenden Eintrag ins Ehrenbuch der Universität nimmt er sich Zeit. Dennoch ist der erste Akt des Zeremoniells schon nach rund 15 Minuten vorbei. Zwei Gärtner bringen die Baumpflanzung schnell und geübt zu Ende, die Anwesenden zerstreuen sich.

Jordi Savall beim Pflanzen des Orangenbaums.

Jordi Savall beim Pflanzen des Orangenbaums. / Brigitte Rohm

Um kurz vor zwölf trifft sich die Gemeinschaft in wesentlich größerer Besetzung wieder. Die rund anderthalbstündige Hauptzeremonie findet im Conservatori Superior de Música statt, der besseren Akustik wegen. Zuerst füllen sich nur die Ränge auf der linken Seite des Auditoriums. Die rechte ist hochrangigen Mitgliedern der UIB vorbehalten. Während der Universitätschor „Veni Creator Spiritus“ aufführt, einen gregorianischen Gesang aus dem 9. Jahrhundert, hält die akademische Prozession feierlichen Einzug in den Saal.

Keine schwarzen Talare, sondern viel Farbe

Ein imposanter und bunter Anblick: Denn auf Mallorca gibt es keine schlichten schwarzen Talare mit viereckigen Doktorhüten. Eine schwarze Robe trägt allein der Rektor der UIB, Jaume Carot. Ansonsten hat jede Fakultät ihre eigene Farbe: Jura trägt Rot, die Naturwissenschaften Dunkelblau, das Ingenieurwesen Braun, die Wirtschaftswissenschaften Orange, Medizin Gelb, Psychologie Lila und die Geisteswissenschaften – zu deren Kreis auch Jordi Savall gehört – Hellbau. Zum Cape, das an die Schuluniform von Fleur Delacour aus Harry Potter erinnert, wird ein mit Quasten-Kordeln verzierter Hut kombiniert, den die Träger nach dem Platznehmen rasch wieder ablegen.

Das teils farbenfrohe Akademiker-Publikum im Saal.

Das teils farbenfrohe Akademiker-Publikum im Saal. / B. Ramon

Nun wird es noch ernster: Die Patin des angehenden doctor honoris causa, Magdalena Brotons, hält eine Preisträger und Publikum bewegende Laudatio. Die promovierte Kunsthistorikerin lobt Savalls „umfangreiche Arbeit über mehr als 50 Jahre zur Wiedergewinnung des musikalischen Erbes“ und betont seine besondere Beziehung zur Kultur und Geschichte der Balearen, die sich etwa durch sein Studium des Sibyllengesangs und durch sein Interesse an dem Gelehrten Ramon Llull äußerte.

Die Symbole der Ehrendoktoren

Darauf folgt die Amtseinführung. Rektor Jaume Carot stattet Jordi Savall mit den Symbolen der Ehrendoktoren aus: der Medaille, den weißen Handschuhen, dem Ring und dem Doktortitel. Sein vielfarbiges Barett steht für die Vereinigung allen Wissens. Weitere bedeutsame Gegenstände der Universität sind auf der Bühne platziert. Der Einsatz dieser „Reliquien“, das wiederholte respektvolle Aufstehen und musikalische Einlagen geben der Veranstaltung den sakralen Ernst einer Messe.

Feierlicher Moment der Amtseinführung.

Feierlicher Moment der Amtseinführung. / B. Ramon

Als der Chor der Jove Capella Reial de Catalunya mit kraftvollen und klaren Stimmen mehrere Stücke singt, schließt der Meister der Alten Musik die Augen, nickt wohlwollend, genießt. Es scheint, als wäre dies für Savall der eigentliche Grund seiner Anwesenheit. Als würde ihm dieser Moment des Zuhörens mehr bedeuten als die Zeremonie zu seinen Ehren. Doch dann ist es an ihm, ausführliche Worte an die Zuschauer zu richten.

Appell für die Wertschätzung der Kultur

Seine Vorlesung mit dem Titel „Die Macht der Musik und die Bedeutung der Kultur in unruhigen Zeiten“ ist ein flammender Appell für die Wertschätzung der Kultur. „Die mittelalterliche Musik ist immer noch eine gemeinsame Sprache zwischen Ost und West, und wahrscheinlich die einzige Brücke, die uns noch bleibt, die einen echten interkulturellen Dialog ermöglichen kann“, sagt Savall.

Jordi Savall bei seiner Vorlesung.

Jordi Savall bei seiner Vorlesung. / B. Ramon

Der Kultur werde bei der Lösung von Konflikten und der Erreichung von Frieden zu wenig Bedeutung beigemessen. Und das, obwohl die Hauptfeinde des Menschen „Ignoranz, Hass und Egoismus sind, die nur mit Liebe, Wissen, Empathie, Verständnis und der Emotion der Schönheit des künstlerischen Ausdrucks bekämpft werden können“. So forderte Savall die Regierenden auf, Mut, Engagement und Willen für eine Kulturpolitik zu zeigen, die „würdig und großzügig sein und immer allen sozialen Schichten offenstehen sollte“. Ernste Töne zum Abschluss der Veranstaltung, eines Ehrendoktors würdig.

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