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Das Licht der Welt: Was an "Lux", dem neuen Album von Spaniens Popstar Rosalía, so besonders ist

Spaniens Popstar Rosalía hat ihr viertes Album „Lux“ veröffentlicht. Ein Werk, das aus Neugier entstanden ist. Und das zugleich verspielt und anspruchsvoll daherkommt

Rosalía in einer Szene aus dem Videoclip zur Single „Berghain“.  | F.OTO: SONY MUSIC SPAIN

Rosalía in einer Szene aus dem Videoclip zur Single „Berghain“. | F.OTO: SONY MUSIC SPAIN

Patrick Schirmer Sastre

Wahrscheinlich wird es eine Weile dauern, bevor die Euphorie abgeklungen ist und die Bedeutung dieses Albums wirklich erkennbar wird. Wenn der Interview-Marathon vorbei ist, die unzähligen Tiktok-Videos und Instagram-Reels. Die vielen Erklärstücke, wer überhaupt Rosalía ist und warum gerade alle angesichts ihres neuen, vierten Albums „Lux“ durchdrehen.

Alle, das ist nicht übertrieben. Kaum ein Album, nicht einmal das von US-Überstar Taylor Swift, hat in diesem Jahr international für so viel Aufregung, soviel überschwängliche Aufmerksamkeit gesorgt. Das lag sicherlich zum einen an einer cleveren Marketing-Strategie, zum anderen aber auch an dem Image, das sich die 33-jährige Rosalía in den vergangenen Jahren aufgebaut hat.

Von dem Talent aus Katalonien, das die jungen Leute 2017 in Spanien mit ihrem ersten Album „Los Ángeles“ wieder dazu gebracht hat, klassischen Flamenco zu hören. Das auf dem zweiten Album „El Mal Querer“ (2018) die Sprache des Genres neu definiert hat. Und das sich auf dem dritten Abum „Motomami“ (2022) die Freiheit genommen hat, die Grenzen des Pop neu auszuloten.

Doch die drei exzellenten Alben sind nur ein Teil der Wahrheit, warum Rosalía zum Popstar geworden ist. Denn zwischen diesen Herzensprojekten veröffentlichte sie über die Jahre fleißig Musik. Und probierte sich in verschiedenen, publikumswirksamen Genres wie Reggaeton aus und nahm Songs auf mit zahlreichen berühmten Musikern wie Bad Bunny sowie ihren ehemaligen Lebenspartnern C. Tangana und später Rauw Alejandro Songs auf. Zudem zeigte sie sich immer wieder bei Mode-Events. Und lebte ihr buntes, aufregendes Popstar-Leben auf Social Media aus. Anders gesagt: Man konnte Rosalía kennen und lieben, ohne jemals groß ihre Alben gehört zu haben. Und man konnte als Musikkritiker von ihrem Album-Oeuvre fasziniert sein, ohne sich allzu sehr mit ihren anderen Aktivitäten befassen zu müssen.

Große Erwartungen

Die Erwartungen an „Lux“ waren also nicht gering. Wie befriedigt man gleichzeitig die Erwartungen des Massenpublikums wie die der Musikkritik? Rosalía ist einen für die heutigen Zeiten geradezu unkonventionellen Weg genommen. Sie hat sich hingesetzt und gearbeitet. Monatelang hat sie sich zurückgezogen. Hat gelesen. Hat geschrieben. Hat sich für Dinge interessiert. Sie hat sich mit historischen Frauenfiguren genauso auseinandergesetzt wie mit Opern. Sie hat sich mit islamischer Mystik genauso wie mit japanischer Poesie beschäftigt. Neugier hat sie angetrieben statt die Gier nach Erfolg. Fleiß und Interesse statt KI und Marktanalysen. Wobei: Beim Marketing will auch Rosalía nicht auf Clickbait verzichten, wie unter anderem der Titel der ersten Single „Berghain“ beweist.

Das Cover des Albums „Lux“ von Rosalía.  | FOTO: SONY

Das Cover des Albums „Lux“ von Rosalía. / FOTO: SONY

Das Album greift, auch im Vergleich zu ihren früheren Werken, äußerst wenig auf technische Spielereien zurück. Es gibt keine Samples, kaum elektronische Drums. Einige Parts spielt das London Symphony Orchestra. Der Rest von ihr selbst oder von Studiomusikern. Es sei ein sehr menschliches Album, erklärt sie in einem Interview mit „El País“.

Vor allem ist „Lux“ ein verspieltes Album. Zwar ist Rosalía vom Minimalismus des Vorgängers „Motomami“ ein wenig abgerückt und streut orchestrale Gewitter in die Songs ein. Gleichzeitig hat man nie das Gefühl, dass an irgendeiner Stelle ein Instrument zu viel ist. Vor allem aber gelingt es ihr, sich von den typischen Strukturen eines Popsongs zu verabschieden – und dabei nicht die Eingängigkeit zu verlieren.

Die Sache mit der Religion

Gleichzeitig schwebt über dem Album der Aspekt der Religiosität. Das ist bei Rosalía nicht neu. Gott war immer schon in ihren Songs vertreten. Aber die Zeiten sind extremer geworden. Und so gab es Bedenken, ob sich Rosalía dem christlichen Dschihad der neuen Rechten anschließt. Tut sie natürlich nicht. Tatsächlich besingt sie auf „Lux“ eine sehr persönliche Beziehung zu Gott. In einer Schönheit und Zärtlichkeit, die man heute sonst selten findet.

Und die Spiritualität nimmt auch nicht das ganze Album ein. Immer wieder bricht Rosalía thematisch aus. Allen voran mit dem Song „La perla“, einen ebenso genialen wie bösartigen Rache-Song im Walzerteakt an einen Verflossenen. Um eine ähnliche Thematik geht es in „La rumba del perdón“, das wohl am meisten an ihre Flamenco-Wurzeln erinnert. Und im Abschluss-Song „Magnolia“, einem der besten Songs auf dem Album, stellt sie sich ihre eigene Beerdigung vor.

„Lux“, das sich direkt auf den Ausspruch von Jesus Christus „Ich bin das Licht der Welt“ bezieht, ist ein eindrucksvolles Album, in das man mit der gleichen Neugier eintauchen sollte, mit der Rosalía es komponiert hat. Vielleicht entdeckt man etwas. Im schlimmsten Fall hat man sich „nur“ 49 Minuten hochkarätige Musik angehört.

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