Eine Vision, zwei Räume: Die dänische Galerie Kant verwirklicht in Palma ein besonderes Konzept
Seit Kurzem hat die nordische Galerie einen Ableger auf Mallorca – in einer ehemaligen Schokoladenfabrik. Dazu zeigt der Galerist und Kunstsammler auf Anfrage auch seine Privatwohnung

Kerry Harm Nielsen und seine Mitarbeiterin Nahir Fuente in der Galerie Kant. / Nele Bendgens
Brigitte Rohm
Wollte man tief in die Klischeekiste greifen, würde man zum Einstieg das Wort hyggelig bemühen – den dänischen Begriff schlechthin, der ein Gefühl von häuslicher Geborgenheit beschreibt. Und irgendwie passt er ein wenig zu dem Kapitel, das Kerry Harm Nielsen zur Nit de l‘Art mit seiner Galerie Kant in Palma aufgeschlagen hat. Seine Vision, die er mit der Kuratorin Nahir Fuente umsetzt, ist keine sterile „White Cube“-Galerie. „Persönlicher, langsamer, tiefgründiger“ sollte es werden, ein intimer Ort mit viel Charakter. Oder besser gesagt gleich zwei: eine kleine, charmante zweistöckige Galerie in einer ehemaligen Schokoladenfabrik, und dazu, nur einen Katzensprung entfernt, Nielsens eigene Wohnung.
Er selbst stammt ursprünglich aus Neuseeland, wanderte vor rund 40 Jahren nach Europa aus und eröffnete 2004 eine Galerie, die er 2010 ins Zentrum von Kopenhagen verlegte. „Ich komme von einer Insel und habe auch in Dänemark viele Jahre auf einer kleinen Insel gewohnt“, erzählt der Galerist bei Kaffee und Schoko-Cookies. Der Sprung zu einer weiteren Insel – nach Mallorca – fiel ihm daher nicht schwer. „Da war dieses Verlangen, in meinen späteren Jahren noch einmal woanders zu leben, eine andere Kultur kennenzulernen“, sagt er. Die Kunstszene der Insel, vor allem aber der Lebensstil und die Nähe zur Natur überzeugten Nielsen, der inzwischen Vollzeit-Resident in Palma geworden ist.
Das Projekt soll in Ruhe wachsen
Nun gibt es ja häufig den Fall, dass ein Ausländer mit einer großen Idee auf Mallorca landet wie ein Alien mit seinem Raumschiff. Der Neuseeländer gehört jedoch wohl nicht zu dieser Sorte. Zwar bringt er seine Expertise und seine internationalen Künstler mit, doch er will die Dinge langsam angehen, zunächst Kontakte knüpfen und Ideen entwickeln, sein Projekt in Ruhe wachsen lassen. Die Basis bleibe natürlich der Kunsthandel – die Galerie wird an der Art Cologne auf Mallorca teilnehmen –, doch für die Zukunft wünscht sich Nielsen auch Projekte, die Schnittstellen zu Disziplinen wie Literatur oder Musik eröffnen.

Werke internationaler Künstler in der aktuellen Schau. / Nele Bendgens
Und schon in der Gegenwart ist die neuseeländisch-dänisch-mallorquinische Kunsterfahrung besonders. Die Galerie in einem geschichtsträchtigen und respektvoll renovierten Gebäude ist ein Schmuckstück für sich. Ursprünglich sollte sie nur als Depot dienen, doch der Raum ist viel zu schön, um ihn nicht als kleinen Showroom zu nutzen. Rund vier Ausstellungen pro Jahr soll es hier nun geben. Die erste, die noch bis Ende Januar besucht werden kann, ist eine Gruppenschau mit dem Titel „From Ground Swells to Breaking Waves“ (Von der Dünung zu brechenden Wellen).
Der Titel könne auf mehrere Arten gelesen werden, sagt der Kunsthändler. Es geht um die Reise der Galerie selbst, die sich wie eine Welle langsam aufgebaut und nun ein neues Ufer erreicht hat, einen Moment der Entfesselung und Transformation. Und um das Erschaffen von Kunst, die erst als Idee entsteht und sich dann in einem Werk manifestiert. Die hier ausgestellten Arbeiten repräsentieren nun Künstler, mit denen Nielsen seit vielen Jahren zusammenarbeitet.
Authentische Begeisterung für die Kunst
Bei einem Rundgang mit ihm merkt man schnell: Er ist nicht nur Galerist, sondern auch selbst Kunstsammler, verfügt über profundes Wissen und authentische Begeisterung für die Werke, die er zeigt. Von dem dänischen Künstler Thomas Bang (87), der mit einer Wandskulptur aus Nielsens Privatsammlung vertreten ist, war er beispielsweise schon Fan, als er mit Mitte 20 erstmals eine Installation im Museum sah. „Ich war völlig hin und weg. Und 15 Jahre später hatte ich das Glück, dass Bang in meine Galerie kam, um sich vorzustellen, und ich dachte: Wow, er ist es wirklich!“, erzählt Nielsen, und klingt wie der Eigentümer eines Plattenlabels, der plötzlich seine Lieblingsband vertreten darf.

Wandskulptur von Thomas Bang. / Nele Bendgens
Zum Programm gehören noch weitere Künstler aus Dänemark – unter anderem Asmund Havsteen-Mikkelsen, der Architektur aus neuen Blickwinkeln betrachtet, oder Steen Ipsen mit seinen technisch und formal raffinierten Skulpturen. Jedoch nicht nur; die Vielfalt ist groß. Da ist etwa Fabian Treiber aus Stuttgart, dessen Gemälde traditionellen Konzepten wie Stillleben und Interieurs einen surrealistisch-sonderbaren Touch geben. Der US-Amerikaner Eli Craven, der konzeptuell mit Fotografie arbeitet und sie in Objekte verwandelt. Oder der Niederländer Joost Vandebrug mit seinen poetischen, taktilen Assemblagen, die sich ebenfalls aus den Möglichkeiten der Fotografie sowie aus der Erinnerung speisen.

Detail einer Arbeit von Joost Vandebrug- / Nele Bendgens
Private Erweiterung der Galerie
Wer noch tiefer eintauchen und die Kunst im privaten, häuslichen (um nicht zu sagen: hyggeligen) Rahmen kennenlernen will, kann auf Anfrage Nielsens Wohnung besuchen – die als Erweiterung der Galerie fungiert. An beiden Orten trifft zeitgenössische Kunst und Design auf traditionelle mallorquinische Architektur, ohne sich dabei die Schau zu stehlen. Eine Entdeckung, die sich auf jeden Fall lohnt.

Reich der Kunst und des Designs: Nielsens Privatwohnung. / Nele Bendgens
„From Ground Swells to Breaking Waves“, bis Ende Januar, Kant Palma, Galerie: Carrer de Sant Alonso, 13, Mi.–Sa. 11–14 Uhr, Mi.–Fr. 16–19 Uhr. Wohnung: Carrer de Montisión, Besuch nur auf Anfrage, mehr Infos: gallerikant.dk
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