Zum Hauptinhalt springenZum Seitenende springen

Wettlauf gegen die Zeit: Wie die Casa Planas Mallorcas Tourismus-Geschichte bewahrt

Mit der Casa Planas verfügt Mallorca seit zehn Jahren über ein einzigartiges Bildarchiv des Tourismus-Booms und ein lebendiges Kulturzentrum. Zum Jubiläum wird daraus eine Stiftung, aber das fragile Erbe ist damit noch nicht gesichert

Hüterin der Geschichte: Marina Planas in der Casa Planas.

Hüterin der Geschichte: Marina Planas in der Casa Planas. / Guillem Bosch

Brigitte Rohm

Brigitte Rohm

Verstaubter Stillstand und eine Vergangenheit, die unbehelligt in Kisten schlummert? Fehlanzeige. Die Casa Planas im Stadtviertel Es Fortí in Palma gleicht mitunter mehr einem brummenden Bienenstock. Vor den Rechnern im Co-Working-Space rauchen Köpfe. Daneben, wie die Wächter des Geschehens: Topfpalmen und ein großformatiges Foto von Mohamed, dem Dromedar, das in den 60er-Jahren mit Touristen an der Playa de Palma posierte. Künstlerinnen und Künstler arbeiten in Ateliers an Projekten oder sichten weiß behandschuht im dahinter liegenden Archiv Umschläge mit Negativen.

Einst befand sich in dem von außen unscheinbaren Bau die Unternehmenszentrale des Fotografen Josep Planas i Montanyà (1924–2016), der seinerzeit den Aufstieg des Tourismus in Bildern festhielt und mit seinen Postkarten maßgeblich die Vorstellung von der Trauminsel Mallorca prägte. Dass sein gewaltiges Vermächtnis – rund drei Millionen Bilder, 18.000 Postkarten, dazu zahlreiche alte Fotokameras, Zeitschriften, Werbeprospekte und allerlei Kuriositäten – entgegen der Pläne anderer Familienmitglieder noch nicht verloren ist, verdanken wir Marina Planas (42), seiner Enkelin.

Überall sind Eyecatcher aus dem Planas-Archiv platziert.

Überall sind Eyecatcher aus dem Planas-Archiv platziert. / Nele Bendgens

Sie ist die Bienenkönigin in diesem Reich, das sie und ihre Mitarbeiterinnen in ein lebendiges Kultur- und Forschungszentrum verwandelt haben. Dabei hinkt der Vergleich mit der von Arbeitern hofierten Königin, denn die immer unter Strom stehende Künstlerin und Kulturmanagerin kämpft seit zehn Jahren für den Erhalt dieses Schatzes – trotz aller Widrigkeiten, allen voran fehlender finanzieller Unterstützung durch die öffentlichen Institutionen. Die Verantwortung für ein so bedeutendes Kulturerbe zu tragen, ist Glücksfall und Bürde zugleich. Und der dauernde Kampf ermüdet.

Verkaufen oder ab in die Wüste?

„Man sagt ja manchmal, dass Kulturprojekte nach zehn Jahren entweder sterben oder reifen und wachsen“, so Planas beim MZ-Besuch. Und ihres habe durchaus auf der Kippe gestanden. Momentan verfüge das Zentrum über eine feste Zuwendung von der Stadtverwaltung von Palma in Höhe von 20.000 Euro für den laufenden Betrieb. Alle anderen Subventionen sind von Wettbewerben abhängig. „Jedes Jahr herrscht Ungewissheit, es gibt viel Bürokratie, es ist kompliziert und stressig. Man ist nie sicher und hat immer die Angst im Nacken“, sagt die Künstlerin.

Marina Planas im Archiv ihres Großvaters.

Marina Planas im Archiv ihres Großvaters. / Nele Bendgens

Anfang des Jahres 2025 habe es daher konkrete Überlegungen gegeben, alles dichtzumachen und das Archiv zu verkaufen. Nicht der erste Moment, an dem die Planas-Enkelin fast das Handtuch geworfen hätte: Im Jahr 2018 war die Frustration so groß, dass sie kurz davor war, das ganze Archiv zur Lagerung in die Atacama-Wüste nach Chile zu schaffen. Die Umzugspläne sind nun vom Tisch, ebenso wie der Verkauf. Denn: „Wir lieben, was wir tun. Je tiefer wir in die Geschichte des Tourismus und unseres Territoriums eintauchen, desto leidenschaftlicher werden wir. Und wir sehen die Früchte, die wir über die Jahre geerntet haben“, betont die Leiterin der Casa Planas.

Das Zentrum wird zur Stiftung

Die Würfel sind gefallen: Es sollte weitergehen, aber mit dem Ziel, das Projekt nun besser abzusichern. Nach ihrem zehnjährigen Bestehen wird die Casa Planas nun zu einer Stiftung. Ein Schritt, bei dem etwas von „jetzt erst recht“ mitschwingt. Und der nachvollziehbare Gründe hat: Eine Stiftung genieße gegenüber anderen Institutionen mehr Gewicht und Ansehen, erklärt Planas. Und private Sponsoren können Spenden einfacher steuerlich absetzen. Außerdem sei das Archiv wertvoll genug, um eine Stiftung zu rechtfertigen, so die Künstlerin.

Der Co-Working-Space der Casa Planas.

Der Co-Working-Space der Casa Planas. / Nele Bendgens

Dass dessen Erhalt kein vorrangiges Ziel für die Politik ist, zeige einen Mangel an Weitblick. „Ich glaube nicht, dass es an Interesse fehlt, sondern an Mut und Vision“, sagt Planas. „Wir kennen kein Archiv dieser Größe zum Thema Tourismus in Europa oder weltweit. Es ist absolut einzigartig und steht für ein globales Phänomen.“ Die Sammlung könnte die perfekte Basis für ein Museum für Geschichte und Innovation des Tourismus auf Mallorca darstellen. Auch im Hinblick auf Palmas Bewerbung zur Europäischen Kulturhauptstadt 2031 hätte Casa Planas sicherlich das Potenzial, eine bedeutende Rolle zu spielen – doch bislang gibt es noch keine konkreten Pläne für eine Zusammenarbeit.

Die Krux mit der Digitalisierung

Das Damoklesschwert, das nach wie vor über dem Archiv hängt, ist der Verfall. Denn das Material währt nicht ewig, und im Falle eines Brandes wäre alles auf einen Schlag verloren. Von entscheidender Bedeutung wäre es daher, die Bilder zu digitalisieren und für die Allgemeinheit zugänglich zu machen. Dies wiederum war jedoch jahrelanger Gegenstand zäher Verhandlungen mit der Balearen-Regierung, die zunächst 2024 versprochen hatte, die Konservierung des Archivs mit einem Budget von 300.000 Euro pro Jahr für sechs Jahre zu sichern.

Die Zentralregierung in Madrid hätte Fachleute zur Verfügung gestellt, um 100.000 Bilder zu digitalisieren und in die virtuelle Bibliothek Europeana einzuspeisen. Doch obwohl die Casa Planas alle Vorgaben erfüllte, stellte sich die Landesregierung quer, als es um die Übernahme der Kosten für die Mitarbeiter ging, die den Bestand katalogisieren sollten.

Die daraufhin äußerst frostigen Beziehungen zur Landesregierung sind mittlerweile durch indirekte Mithilfe der MZ wieder ein wenig aufgetaut: Bei der Verleihung des MZ-Journalistenpreises lernte Planas den Preisträger Hans-Christian Rößler kennen. Der „FAZ“-Korrespondent berichtete im Juli über die Casa Planas und schrieb dabei auch über die fehlende Unterstützung der Regionalregierung. Zwei Tage nach Erscheinen des Artikels habe es wieder eine Einladung zu Gesprächen gegeben, sagt Planas.

Die Regierung hat sich schließlich zu einer festen Zuwendung von 100.000 Euro und einer Laufzeit von zehn Monaten verpflichtet. „Obwohl das nicht das ist, was wir erhofften, bin ich dankbar für diese Hilfe, die wohl auch dank des Artikels in der „FAZ“ zustande kam“, vermutet Planas. Zudem hegt sie die Hoffnung, dass ihnen diese Förderung weitere Türen öffnen wird: „Wenn sie bestehen bleibt, können wir andere spezifische Hilfen für Archive beantragen, um die Katalogisierung und Inventarisierung zu beschleunigen.“

Alte Kameras, Negative, Diapositive, Kontaktabzüge und Postkarten gehören zum gewaltigen Fundus des Hauses.

Alte Kameras, Negative, Diapositive, Kontaktabzüge und Postkarten gehören zum gewaltigen Fundus des Hauses. / Nele Bendgens

Rückschläge und Erfolge

Das Ringen um die Finanzierung ist nicht die einzige Front, an der Marina Planas kämpft. Eine Schlacht, die vorerst verloren wurde, ist jene um den Betrieb des Konzertsaals im Keller. Er ist seit der Pandemie geschlossen. Planas ist es bis heute nicht gelungen, eine Lizenz dafür zu bekommen. Die Stadtverwaltung beißt sich die Zähne aus an dem „interdisziplinären Zentrum für kreatives Schaffen“. Die Sachbearbeiter wüssten nicht, wie sie das Projekt einstufen sollen.

Und doch gibt es nicht nur Grund zum Klagen. Die Casa Planas hat in den vergangenen zehn Jahren eine Menge erreicht. So hat das Goethe-Institut seit 2019 hier seinen Sitz auf den Balearen. Dank der Kooperation gibt es einerseits die „Filmnächte“-Reihe mit Kino auf Deutsch mit spanischen Untertiteln, die laut Planas sehr gut angenommen wird. „Dabei kommen Deutsche und Mallorquiner, was den interkulturellen Austausch fördert“, betont sie. Zum anderen hat ein künstlerisches Residenzprogramm schon viele spannende Projekte mit dem Archiv als Ausgangspunkt ermöglicht. Aktuell sollen mit Stipendien für lokale und deutsche Künstler gleichermaßen die soziokulturellen Beziehungen gestärkt werden.

Besonders stolz ist Planas, die seit Kurzem ihr Wissen in unterhaltsamen Gastbeiträgen für die MZ-Schwesterzeitung „Diario de Mallorca“ weitergibt, auch auf die Organisation des Kongresses für nachhaltige touristische Kultur (COSTA) mit Vorträgen, Diskussionen und Konferenzen. „Uns gefiel, dass Künstler das Archiv interpretierten und Projekte damit machten. Aber wir stellten fest, dass dieses Archiv auch anders gelesen werden muss, etwa mit dem Blick der Sozialwissenschaften, der Anthropologie, der Geschichte oder der Biologie“, sagt die Künstlerin, die auch 2026 viel vorhat – unter anderem zwei Buchpublikationen.

Schätze aus dem Planas-Archiv.

Schätze aus dem Planas-Archiv. / Nele Bendgens

Das Archiv selbst entdecken

Da das Archiv aus konservatorischen Gründen nicht jeden Tag für die Öffentlichkeit zugänglich sein kann, hat die Casa Planas vor etwa einem Jahr ein Programm namens „Architours“ gestartet: kommentierte Führungen durch das Archiv, die einmal im Monat angeboten werden. Darüber hinaus kann man private Touren buchen – auf Spanisch, Katalanisch, Englisch und Deutsch. Sie passen sich individuell an die Interessen der Besucher an. „Wenn jemand eine Frage zu einem bestimmten Thema stellt, holen wir eine spezifische Kiste hervor“, erklärt Alelí Mirelman vom Casa-Planas-Team, und führt anschließend selbst durch die heiligen Hallen.

In die Jahre gekommene Schränke, überquellende Kisten, stapelweise Ordner und Mappen, sorgsam in Plastik verpackte Fotoapparate, daneben immer wieder Eyecatcher wie Josep Planas i Montanyàs Figürchensammlung: Schlümpfe, Playmobil-Männchen oder Daffy Duck, alle mit Kamera in der Hand. „Niemand weiß, wo alles ist, aber ich sage Ihnen: Es ist geordneter, als es aussieht“, versichert Mirelman, während sie Schubladen öffnet und Karteikarten hervorzaubert. Man müsse die Logik des Archivs verstehen.

All die Dokumente bilden das größte visuelle Gedächtnis der Balearen als Feriendomizil: „In diesem Archiv beginnt man, die symbiotische Beziehung zwischen Fotografie und Tourismus zu verstehen, da Mallorca ein Image brauchte, um sich im Ausland zu verkaufen. Und Josep Planas war dafür ein entscheidendes Instrument“, sagt Mirelman. Besonders gefällt ihr am Archiv, immer wieder Neues zu entdecken. Zum Beispiel die Geschichte mit dem Helikopter, den Josep Planas i Montanyà in den 60er-Jahren besaß und für Luftaufnahmen nutzte. „Künstler haben sich das genauer angeschaut und die Seriennummer des Hubschraubers zurückverfolgt – da stellte sich heraus, dass er Salvador Dalí gehörte“, erzählt sie.

Und nicht nur das Auge und das Hirn sind in den Räumen gefordert: Es riecht deutlich nach Entwickler und leicht nach Essig. „Das liegt daran, dass sich das organische Material der Fotos zersetzt. Das ist romantisch, aber auch traurig, weil es bedeutet, dass alles langsam verschwindet“, sagt Mirelman. „Experten für Fotokonservierung haben uns gesagt, dass in 30 Jahren vieles davon weg sein wird. Es ist ein Wettlauf gegen die Zeit.“

Tiefer eintauchen: Bei den „Architours“ können Sie das Planas-Archiv selbst entdecken. Nächster Termin: 30. Januar, 18 Uhr, Dauer: 45 Minuten, Teilnahme: 13 Euro, Infos und Anmeldung: casaplanas.org

Abonnieren, um zu lesen

Tracking Pixel Contents