"Was ist denn das für eine wunderschöne Kirche?": Warum Palmas alte Seehandelsbörse seit 600 Jahren die Besucher verwirrt
Lang lebe die Llotja: Die Historikerin Sebastiana Sabater erklärt, was dieses Meisterwerk der Gotik so einmalig macht

Palmas Llotja: Von außen wie von innen ist der bürgerliche Bau der Gotik eine Pracht. / Xisco Alario
So manch ein Urlauber dürfte schon folgende Situation erlebt haben: Beim Stadtbummel durch Palma ragt plötzlich ein prachtvolles Gebäude vor ihm auf. Eine elegante und helle architektonische Perle, gekrönt mit Zinnen und vier Ecktürmen, am Portal bewacht von einem Engel. Das hohe Kreuzrippengewölbe im Inneren wird von sechs schlanken, schraubenförmigen Säulen getragen, die sich fächerartig mit dem Dach verzweigen und an Palmen erinnern. Mit opulentem Maßwerk versehene große Fenster tauchen den Innenraum in Licht.
Und der Urlauber fragt sich, ob es sich hier wohl um die kleine Schwester der Kathedrale handeln mag. Ein Irrtum, dem angeblich schon Kaiser Karl V. aufgesessen war, als er im 16. Jahrhundert Palma besuchte: „Laut einer Anekdote soll er gefragt haben, welch schöne Kirche er da vor sich habe“, sagt Sebastiana (Tina) Sabater, Professorin für Kunstgeschichte an der Balearen-Uni UIB.
Tatsächlich handelt es sich bei der 1447 vollendeten Llotja (oder spanisch: Lonja) um den eindrucksvollsten Profanbau der Gotik auf Mallorca – um ein Monument, das den Unternehmungsgeist der Seefahrer- und Handelsstadt Palma feiern sollte. Am Mittwoch (11.3.) hat sich zum 600. Mal die Unterzeichnung des Vertrags zwischen dem Kaufmannskollegium (Colegio de Mercaderes) und dem virtuosen Architekten Guillem Sagrera über den Bau der Llotja gejährt. Für die Balearen-Regierung und das Institut d’Estudis Baleàrics (IEB) ein guter Grund, um den Bau mit einer Veranstaltungsreihe zu würdigen. Sabater hielt beim Festakt den Eröffnungsvortrag.

Pedro Cabrita Reis ließ die Llotja 2023 mit seiner Installation „Mar Interior“ erstrahlen. Sie bestand aus 700 Leuchtröhren, die die Kannelierung der gedrehten Säulen aufgreifen sollten. / Caib
Die Llotja: Synthese und Höhepunkt einer glanzvollen Etappe
Für die auf mittelalterliche Kunstgeschichte spezialisierte Palmesanerin gehört die Llotja seit frühester Kindheit zu ihrem natürlichen Habitat, wie sie sagt. Und der Bau berge immer noch genügend Stoff für die Forschung: „Im Gegensatz zu zeitgenössischer Kunst tauchen hier nicht immer neue Themen auf, sondern es kommt darauf an, das Thema aus neuen Blickwinkeln zu betrachten“, erklärt Sabater. So werden im März und April sechs weitere Vorträge von anderen Expertinnen und Experten stattfinden – vier davon über Aspekte der Llotja und zwei über das Consolat de Mar, das Gebäude des früheren Seehandelsgerichts.
Für ihre Einführung ins Thema war es Sabater ein Anliegen, die alte Seehandelsbörse als „Synthese und Höhepunkt einer glanzvollen Etappe der künstlerischen, wirtschaftlichen und sozialen Geschichte Mallorcas und als eines der wichtigsten Denkmäler unseres Kulturerbes“ vorzustellen. Der Handel habe eine zentrale Rolle für die Entwicklung der monumentalen bürgerlichen Architektur der Gotik gespielt, betont Sabater. Im Mittelmeerraum unterscheide sich diese von Bauten nördlich der Alpen dadurch, dass sie imposant, aber auch funktional sei: Der weitläufige Raum lasse sich auf einen Blick erfassen.
Vorbilder für bürgerliche Monumentalbauten
Dass die Llotja so viele an ein Gotteshaus erinnert, ist wahrlich kein Wunder: "Die monumentalen Bauten des 14. und 15. Jahrhunderts, also solche, die mit hochwertigem Stein errichtet wurden, sehr hoch waren und große Räume hatten, waren zunächst keine Gebäude bürgerlicher Architektur, sondern Kirchen", erklärt die Kunsthistorikerin.
Mit dem aufstrebenden Bürgertum und den Städten, die immer mehr an Bedeutung gewannen, sei der Wunsch nach einer Aufwertung der Handelsarchitektur entstanden. "Doch wo fand man die Vorbilder dafür? Natürlich in der religiösen Architektur und in der Palastarchitektur", so Sabater. Der Engel am monumentalen Eingangstor an der Hauptfassade der Llotja, der für die Verwirrung mitverantwortlich sein dürfte, ist übrigens der recht bodenständige Ángel de la Mercadería (Engel der Handelsware).
Guillem Sagrera: Einer der großen Architekten der Gotik
Mit dem Bildhauer und Baumeister Guillem Sagrera aus Felanitx (1380–1465), der auch am Ausbau der Kathedrale beteiligt war, hätten die Kaufleute in Palma kaum einen Besseren für das Bauprojekt finden können. „Er ist einer der großen Architekten der Gotik“, sagt die Professorin. Sagreras Verdienst gehe darüber hinaus, als Künstler gemäß den Gepflogenheiten seiner Zeit zu arbeiten. „Er agierte als Planer und tat sich besonders in der Kunst des Steinmetzens hervor. Das erforderte eine sichere Beherrschung der praktischen Geometrie“, so Sabater. „Was mich immer sehr beeindruckt hat, ist die Art und Weise, wie er den Stein formte: Er bearbeitete ihn wie eine Skulptur. Das sieht man vor allem an den Säulen.“
Schon immer sei die Llotja mit Interesse, Bewunderung und Neugier betrachtet worden, sagt die Kunsthistorikerin. Heute, sechs Jahrhunderte nach Sagrera, wird der Bau regelmäßig mit spektakulären Kunstprojekten bespielt. Und sein Zauber ist ungebrochen.

Im Jahr 2024 hat der zeitgenössische Bildhauer Jaume Plensa den Raum mit seinen Edelstahlskulpturen bereichert. / Juan Gavilán
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