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"Sant Domingo Forever": Diese Musikerin verwandelt ein mallorquinisches Dorffest in ein ganzes Album

Zwischen Verbena, Herzschmerz und Heimat: Maria Jaume widmet ihre neue Platte den Insel-Dorffesten. Ihr elektro-poppiger Sound bekommt so eine Prise Folklore dazu

Wie die Königin der Dorffeste: die Sängerin auf dem offiziellen Promo-Bild zur neuen Platte.

Wie die Königin der Dorffeste: die Sängerin auf dem offiziellen Promo-Bild zur neuen Platte. / Joan Mateu Parra

Sie gehört zusammen mit Júlia Colom, Maria Hein und Mar Grimalt zu den „Fantastischen Vier“ der jungen mallorquinischen Musikerinnen, die seit einigen Jahren Furore machen: Maria Jaume (27) hat mit „Sant Domingo Forever“ nun bereits ihr viertes Album veröffentlicht. Nach der preisgekrönten Platte „Nostàlgia Airlines“, mit der sie uns tanzbare Tourismuskritik servierte, entführt uns die Singer-Songwriterin nun ins Herz der Insel – in ihren Heimatort Lloret de Vistalegre. Und zu den titelgebenden Feierlichkeiten zu Ehren des Heiligen Sant Domingo, die das Dorf jeden August in den Ausnahmezustand versetzen.

Die Idee zu dem Konzeptalbum sei im Sommer – ein paar Wochen vor dem Fest – entstanden, als sie ihr bisheriges Jahr Revue passieren ließ, erzählt Maria Jaume im Interview. „Als ich mich an die Menschen erinnerte, die man auf dem Weg verliert, und an diejenigen, die immer noch da sind, dachte ich: Das ist es, was die Dorffeste ausmacht. Wenn wir uns auf dem Platz mit den Menschen versammeln, die wir wahnsinnig lieben, und mit anderen, die wir vielleicht nicht so gern sehen würden“ – eine Erkenntnis, welche die Sängerin im Lied „A plaça“ gebündelt hat.

Urbaner Indie-Pop trifft dörfliche Folklore

Musikalisch würzt sie ihren urbanen elektronischen Indie-Pop mit einer Prise dörflicher Folklore. Das klingt so gut wie nie altbacken, denn Jaume bleibt trotzdem ihrem Stil treu. Mit teils verzerrter Stimme und treibenden Rhythmen führt sie uns durch vierzehn Songs, die mal energetisch-berauscht und mal innerlicher und verletzlicher tönen, so als wäre ihr Gesang ein lieblicher Seufzer. Auch lateinamerikanische Einflüsse sind wieder vorhanden: „Mit ihnen habe ich schon auf der vorherigen Platte gespielt, auf der es einige Reggaeton- und Afrobeat-Stücke gab. Hier habe ich das fortgesetzt, weil diese Art von Musik die verbena (das Dorffest) sehr gut repräsentiert, wo man Merengue, Bachata und alle möglichen Stile hört“, sagt Jaume.

Wie es sich auf Mallorca gehört, bilden die xeremies (Sackpfeifen) den Auftakt für die musikalisch eingefangene Sause, bei der Zwischendurch auch dimonis mit Trommeln auf den Plan treten, und die bis zum Ende thematisch kohärent bleibt. Bei Liedern wie „Festa i drama“ verbindet sich Nostalgie mit einem Hauch Melancholie. Es geht der Musikerin um die Erinnerung an Momente, die man festhalten wollte, um die eskapistische Kraft der verbenas, die eine Zäsur im hektischen Alltag darstellen. Einen Zufluchtsort inmitten einer zunehmend belastenden weltpolitischen Lage. „Ich möchte mein Glas hochheben. Ich möchte all diesen Schmerz hinter mir lassen. Ich möchte spüren, dass nichts wirklich wichtig ist. Dass es Santo Domingo Forever ist“, singt sie im gleichnamigen Lied.

Die Singer-Songwriterin Maria Jaume.

Die Singer-Songwriterin Maria Jaume. / Manu Mielniezuk

Der bittersüße Moment der Feste

Zwar sei es wichtig, Dinge zu bewahren, die für eine Kultur einzigartig sind. Sie wolle aber, dass sich „auf diesem Album jeder willkommen fühlt“ und berühre universelle Themen, betont Jaume. Ihre Perspektive ist die einer Mallorquinerin, die selbst fortzog – sie lebt in Barcelona –, und die beim Heimatbesuch den Gefühlsmix und auch die sich zuspitzenden Probleme ihrer Insel in komprimierter Form spürt. Auf dem Song „Os cartos“ mit Ortiga, bekannt als „Latinboy der alternativen Musikszene Galiciens“, untermalen rhythmische Beats die wenig heiteren Zeilen, dass man in die große Stadt ziehen müsse, um Geld zu verdienen, „so weit weg vom guten Leben“. Und dass die Zukunft nicht dort sei, wo man sich zu Hause fühlt.

„Die Feste haben auch diesen bittersüßen Moment, wenn man sich an diejenigen erinnert, die nicht mehr hier sind“, resümiert Jaume und prangert in diesem Zuge auch die aktuelle Wohnungskrise auf Mallorca „aufgrund der Käufe durch Ausländer mit größerer Kaufkraft“ an: „Ich habe mir überlegt, dass ich in ein paar Jahren auf die Insel zurückkehren möchte und mir vielleicht weder eine Miete noch den Kauf eines Hauses leisten kann“, so die Sängerin.

Das ganze Spektrum der Emotionen feiern

Eine persönliche Begleiterscheinung ihres Lebens auf dem Festland sind zudem Themen wie Fernbeziehungen, die ebenfalls auf dem Album Gehör finden: Auf der Herzschmerz-Hymne „Amor d’ultramar“ beschreibt sie etwa den Wunsch danach, ein Leben als Künstlerin zu führen, und andererseits die tiefe Verbindung zu einer Person zu spüren, die einem das Gefühl gibt, nicht fortgehen zu wollen, und von der man durch ein Meer getrennt wird. Traditionelle Kastagnetten klackern sachte im Hintergrund und verleihen dem Lied trotz allem einen Hauch von Leichtigkeit.

Überhaupt schafft es Jaume, nicht zu sehr zu jammern. Auf „Sonen ses campanes“ singt sie zwar: „Es wird ein Tag kommen, an dem keiner von uns mehr in diesem Dorf leben wird“, um dann doch einen Schwenk zum Optimismus zu schaffen: „Meine Liebe, mach dir keine Sorgen. Bestimmte Dinge dauern ewig“, scheint sie ihre Hörer und sich selbst zu beruhigen. So gilt es wohl mehr denn je, im Moment zu leben und das ganze Spektrum der Emotionen zu feiern, die die Feste eben mit sich bringen. Im Lied „Majorca Verbena Tour“ besingt Jaume dramatische Romanzen und erwähnt zahlreiche Inseldörfer namentlich, die sich dadurch gebauchpinselt fühlen dürften. Auf dem „Sexy bolero“ herrscht Rum- und Prosecco-getränkter, amouröser Überschwang. Die abschließende „Jota final de festes“ nahm sie zusammen mit der Nova-Cançó-Sängerin und Liedermacherin Miquela Lladó auf. Es ist ein zwischen Heiterkeit und Wehmut changierender letzter Tanz.

Soundtrack für den kommenden Sommer: Maria Jaume, „Sant Domingo Forever“, erschienen bei Discmedi / Blau, 15,95 Euro, unter discmedi.com. Konzerte sind unter anderem bei Acampadallengua, dem Satèlit Fest und dem Mobofest geplant.

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