„Holy“ im Casal Solleric: Donna Ferrato zeigt schonungslose Fotos über Gewalt an Frauen und weibliche Lust
Die Schau „Holy“ von Donna Ferrato ist ein Muss. Die Fotografin macht hier nicht nur Gewalt gegen Frauen sichtbar – sie zeigt auch, wie es anders geht

Donna Ferrato vor einem Selbstporträt. / Guillem Bosch
Sie ist ein Kraftpaket aus Wut, Mut und Lebensweisheit: Die renommierte US-amerikanische Fotojournalistin und Aktivistin Donna Ferrato (76) mag zwar zierlich sein, doch sie beherrscht einen Raum sofort, wenn sie ihn betritt. Man möchte der Fotografin, die seit Jahrzehnten männliche Gewalt gegen Frauen und Kinder dokumentiert, stundenlang zuhören.
In Zeiten von Epstein-Files und Gisèle Pelicot, die Frauen in kollektiver Empörung auf die Straße treiben, noch umso mehr. Als Ferrato beim Treffen in Palma vom Fall um Collien Fernandes erfährt, sagt sie zum Thema digitale Gewalt: „Ich denke, das ist ein weiteres großes Monster in unserer Mitte. Wir müssen herausfinden, wie wir es erledigen können.“
Die Kamera als Waffe zur Verteidigung
Sie selbst hat den Kampf gegen die vielen Köpfe dieser Hydra zu ihrer Lebensaufgabe gemacht. Entscheidend dabei war 1980 eine Begegnung mit einem schillernden Paar, Elisabeth und Bengt. „Dort habe ich zum ersten Mal verstanden, dass ich die Kamera benutzen musste. Als Waffe zur Verteidigung. Sogar ein Stift war nicht mächtiger als eine Filmrolle. Das Foto ist ein Beweismittel.“
Was Ferrato dort einfing, war die Eskalation einer toxischen Beziehung, bewusste Kontrolle, Machtausübung durch Gewalt. Sie verbrachte viel Zeit mit dem Paar, das sich in diesen „wilden“ Jahren mit Sexpartys und Kokain auslebte. Eines Nachts hörte sie einen Schrei, rannte ins Bad und sah Bengt, der dabei war, Elisabeth zu schlagen – weil sie die Drogen versteckt hatte. Die Fotografin hielt mit der Kamera darauf, und vor dem nächsten Schlag seinen Arm fest.

Der Übergriff. / Donna Ferrato
Fotos, die in großen Magazinen erschienen sind
Dieses Bild und weitere des Paars sind Teil der eindrucksvollen Ausstellung „Holy“ im Casal Solleric, der ein gleichnamiges Buch zugrunde liegt. „All diese Bilder sind zutiefst persönlich“, so Ferrato. Für die Auswahl zeichnet Tomeu Coll verantwortlich, der sie seit 25 Jahren kennt, sichtlich bewundert und beim Rundgang nicht von ihrer Seite weicht. Die Fotografin sagt: „Er ist meine größte Errungenschaft, weil ich ihn dazu erzogen habe, darüber nachzudenken, was Frauen durchmachen, und den Kampf zu fühlen.“
Die Bandbreite der Bilder ist enorm. Es sind Fotos, die teils als Reportagen in großen Magazinen wie „Life“ erschienen. Die Fotografin begleitete die Polizei, fotografierte „Karen“, die weinte, als die Beamten ihren gewalttätigen Freund abführten. Ferrato knipste auch Frauen in Kriegsgebieten an den Frontlinien.
Es geht auch um die sexuelle Revolution
Sie ging ins Gefängnis und porträtierte dort Belinda Keys, die einen Mann tötete, um ihre Tochter vor einer Vergewaltigung zu bewahren. „Unbeatable Rita“ (1986) im ersten Saal war das erste Porträt einer misshandelten Frau, das in den USA auf eine Titelseite kam. Rita wollte, dass die Welt sah, dass ihr Ehemann sie so sehr schlug, dass ihre eigenen Söhne sie mit den blauen Augen nicht mehr erkannten. Sie ließ sich scheiden.

"Unbeatable Rita". / Donna Ferrato
Das Projekt macht sichtbar, wofür Frauen in den vergangenen 40 Jahren gekämpft haben – für ihre Freiheit, für das Recht, allein zu leben und zu wählen, wen sie lieben wollen. Es geht nicht nur um häusliche Gewalt und um Situationen, aus denen Frauen entkommen müssen, sondern auch um die sexuelle Revolution mit all ihren Facetten.
Positives Bild weiblicher Lust
„Worüber ich wirklich aufgebracht bin, sind all diese Arten, wie Männer Pornografie gegen uns verwenden, und dass sie dem Sex ein so schlechtes Image gegeben haben“, sagt Ferrato, noch einmal im Hinblick auf den Fall Collien Fernandes. „Selbst sexuell befreite Menschen können Sex gar nicht mehr so sehr lieben, weil diese Perversen ihn ruinieren. Sie möchten nicht, dass Frauen Freude daran haben.“
Ein positives Bild weiblicher Lust zeigt etwa in der Ausstellung eine Mitte-70-Jährige mit großer Libido, die ihren G-Punkt entdeckt. Ein anderes Foto eine Frau auf einem „Lifestyle-Workshop“ in Los Angeles, die die heilende Berührung durch viele Hände suchte. Auch porträtiert Ferrato eine stillende Frau mit der Ausstrahlung einer Madonna mit dem Kinde, aber in erotischer, sexuell befreiter Pose. „Sie hatte einen Kurs gemacht, bei dem sie von einer Frau lernte, wie man jederzeit und überall einen Orgasmus haben kann“, erklärt Ferrato. „Also musste ich, als ich sie fotografierte, diese unglaubliche Sinnlichkeit einfangen.“
Und in einem ikonischen Bild drückte die Fotografin genau in dem Moment ab, als sich eine Nonne missbilligend von einem knutschenden Liebespaar abwendet.

Eine weitere Aufnahme von Donna Ferrato. / Donna Ferrato
Selbstporträts und Bilder ihrer Familie sind hier ebenfalls zu sehen – es sind intime und berührende Aufnahmen. Vor einem Foto ihrer Mutter verweilt Ferrato kurz und hält ihren Arm empor. „Meine Hand ist der meiner Mutter so ähnlich. Sie war hier 94, ich komme da langsam hin“, sagt sie nachdenklich. Ihre Mutter sei eine sehr lebendige Frau gewesen, die aber immer im Schatten ihres Vater stand, unsichtbar gemacht wurde.
"Wir glauben, dass es genug gute Männer da draußen gibt"
Trotz allem Schmerz betont die Aktivistin: „„Frauen wollen nicht ohne Männer leben. Wir glauben, dass es genug gute Männer da draußen gibt, die es in vielerlei Hinsicht besser können. Darum geht es uns also. Darum, den Penis zu heilen.“ Manchmal müsse man ihn dazu auch mal etwas gröber anpacken.
Ferrato sagt, sie hoffe, dass die Bilder in der Ausstellung wie kleine Samen sind. „Ich will, dass die Leute reflektieren und verstehen, dass ihr Leben wahrscheinlich sehr ähnlich ist zu dem, was man auf diesen Bildern sieht. Und dass sie auch über ihr eigenes Ego nachdenken.“
Konstruktive Botschaft für die Männer
Frauen hätten nichts, wofür sie sich schämen müssten – Männer hingegen sehr viel. „Sie versuchen, uns das Gefühl zu geben, wir seien ihnen nicht gleich, obwohl wir wissen, wer wir sind und was wir können.“
Zum Abschluss hat Ferrato für „die Männer da draußen“ eine konstruktive Botschaft: „Wenn ihr einer Frau Freude bereitet – indem ihr zeigt, dass ihr ihr zuhört und ihr helfen werdet, wenn ihr könnt – dann werdet ihr das Herz einer Frau öffnen und es in die schönste Blume verwandeln. Und im Gegenzug wird sie ihre Liebe über euch ausschütten.“
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