Max Beckmanns Exil aus der Sicht seiner Frau: Marianne Ludes liest in Llucmajor aus „Trio mit Tiger“
Die Autorin Marianne Ludes liest am 10. Mai aus ihrem zweiten historischen Roman in der Bodega Can Gats

Marianne Ludes hat bereits mehrere Bücher veröffentlicht. / Andrea Katheder
Der deutsche Maler, Grafiker und Bildhauer Max Beckmann gilt als einer der wichtigsten Vertreter des Expressionismus und der Neuen Sachlichkeit. Als die Nazis seine Kunst als entartet diskreditierten, floh er 1937 mit seiner Frau Mathilde nach Amsterdam. Die Autorin und Unternehmerin Marianne Ludes verfasste den Roman „Trio mit Tiger“ über diese Zeit im Exil. Sie schreibt dabei aus der Sicht der Ehefrau des Künstlers und verwebt diese mit einem Erzählstrang des NS-Kunsthistorikers Erhard Göpel, der sich mit den Beckmanns anfreundet. Am 10. Mai liest Ludes aus dem historischen Roman in der Bodega Can Gats in Llucmajor. Gleichzeitig stellt ihr Mann, der Architekt und Bildhauer Stefan Ludes, ab dem 9. Mai für drei Monate seine Werke in der Galerie der Bodega unter dem Titel „Essence“ aus. Die Eheleute Ludes bauten gemeinsam ein erfolgreiches Architekturbüro auf, aus dem sie mittlerweile ausgestiegen sind, und leben in der denkmalgeschützten Turmvilla Jacobs in Potsdam, die sie selbst nach historischem Vorbild komplett neu errichtet haben. 2021 gründeten sie die gemeinnützige Stiftung Ludes in Potsdam, widmen sich verstärkt ihren kreativen Leidenschaften und kommen gerne regelmäßig zu Besuch auf die Insel. Die MZ sprach mit der 63-jährigen Autorin über ihr aktuelles Buch.

Der historische Roman "Trio mit Tiger" von Marianne Ludes / C.Bertelsmann Verlag
Wie kamen Sie auf die Idee zu Ihrem Roman?
Der Ausgangspunkt war ein Gemälde von Max Beckmann, das für sechs Millionen Euro versteigert wurde – aus dem Nachlass von Barbara Göpel, die, wie sich herausstellte, zehn Jahre lang unsere Büronachbarin in der Kaulbachstraße in München gewesen ist. Durch weitere Recherchen stieß ich dann auf Erhard Göpel, einen Kunsthistoriker, der in den NS-Kunstraub verwickelt war, aber wohl zu den „Guten“ zählte, denn er hat nach eigenen Angaben über 40 Juden das Leben gerettet. Dieser Widerspruch fesselte mich, und ich verbrachte zwei Jahre in Archiven. Zudem gibt es über Max Beckmann 3.500 Veröffentlichungen, aber über seine zweite Ehefrau Mathilde, genannt Quappi, keine einzige. Das hat mich neugierig gemacht, und ich wollte gerne ihre Perspektive kennenlernen und aufzeigen.
Sie durften dafür die bisher unveröffentlichten Tagebücher von Quappi lesen. Warum?
Mein Mann ist sehr in der Kunstszene beheimatet und so sind wir dort gut vernetzt. Eine Freundin von mir ist wiederum mit Mayen Beckmann befreundet, der einzigen Enkelin und Erbin des Malers Max Beckmann, und stellte den Kontakt her. Ich habe mich fast ein bisschen vor dem Treffen gefürchtet, denn Mayen Beckmann gilt als streng und nicht sehr zugänglich, was bei ihrer Rolle normal ist. Daher habe ich ihr erst meine Biografie über Ludwig Jacobs, den Namensgeber unserer Villa, die im Hanser Verlag erschienen ist, zukommen lassen. Als wir uns dann trafen, erzählte ich ihr, dass ich für Quappis Perspektive Tagebucheinträge gewählt habe. Zu dem Zeitpunkt hatte ich bereits 40 bis 50 Seiten fiktiv geschrieben. Daraufhin meinte Mayen Beckmann, dass ihr Quappis echte Tagebücher vorliegen, und ich sie mitnehmen dürfe. Das war wirklich aufregend.
Waren die Originaleinträge von Quappi anders als Ihre fiktive Perspektive?
Ich musste spekulieren, wer sie wirklich war, da es keine Publikationen über sie gab. Dabei habe ich mich auf die Bilder, die Max Beckmann von seiner Frau gemalt hat, und die vielen Familienfotos konzentriert. Außerdem gibt es viele Liebesbriefe aus der ersten Zeit ihrer Beziehung, als Mathilde weiterhin bei ihrer Mutter in München lebte und Max Beckmann in Frankfurt. Ich habe mich dann gefragt, warum die beiden keine Kinder hatten. Es ist die große Liebe, sie ist so jung, und er kann Kinder zeugen, denn er hat einen Sohn aus erster Ehe. Da entdeckte ich dieses Gemälde, das er von ihr angefertigt hat: Quappi, die eine Puppe hochhält und ihrer Freundin zeigt. Da war mir klar, dass er ihr verboten hat, ein Kind zu bekommen. Er wollte das nicht, er war schon älter. Also habe ich das erst so in meinen Text hereingeschrieben, aber dann bekam ich Skrupel, denn Max Beckmann ist eine berühmte historische Person und ich kann ihm nicht einfach so etwas andichten. Aber als ich Quappis Original-Tagebücher bekam, stand dort auf Seite drei: „Ich hätt’ so gern ein Kindelein, aber er will es nicht.“ Meine Vermutung wurde bestätigt. Ich glaube, so sensitiv an die Dinge herangehen können nur wir Frauen.
Das stellt Max Beckmann in einem anderem Licht dar.
Er war ein schwerer Trinker, das kann man nicht anders sagen, vielleicht aus Verzweiflung. Auch er hat Tagebuch geführt, und seine Schriften sind schon lange veröffentlicht. Da gibt es ganz viele telegrammhafte Einträge, unter anderem so was wie: „Gestern Abend, schwer getrunken, heute Herzklopfen, schwere Stimmung, schwere Gespräche.“ Vergleicht man die Daten mit Quappis Tagebuch, wird klar, was dahintersteckt, denn da steht: „Mimi Kaiser abgeholt, deportiert.“ Da hat man sofort ein anderes Verständnis für die Situation. Sie wussten genau, was mit ihren jüdischen Freunden passierte, und haben das hautnah mitbekommen. Dadurch hat plötzlich auch jedes Bild, das er in der Zeit gemalt hat, eine andere Bedeutung. Max Beckmann schuf beispielsweise 1943/44 im Amsterdamer Exil seinen Faust-Zyklus. Bei mindestens 30 der 120 Bildern hat er den Judenstern mehr oder weniger prominent in Szene gesetzt. Selbst der Faust, als die deutscheste aller deutschen literarischen Figuren überhaupt, die für das deutsche Zweifeln und die Wissenschaft steht, trägt auf einer Zeichnung einen Mantel, der über und über mit Judensternen bedeckt ist. Man sieht, wie er die Tagespolitik verfolgte und wie diese Erfahrung Einfluss auf sein Werk hatte. Ich finde erstaunlich, dass die Kunsthistoriker da noch nicht so hingeguckt haben.
Trotzdem wollten die Beckmanns im Exil nicht alles wissen, sondern einfach leben. Entdecken Sie Parallelen zur heutigen Gesellschaft?
Ich ertappe mich selbst dabei, dass mich die Weltnachrichten überfordern. Ich nehme sie am Rande zur Kenntnis, aber ich bin nicht mehr in der Lage, mich damit vertieft auseinanderzusetzen, weil es mich bedrückt und fertigmacht, ohne dass ich daran etwas ändern kann. Diesen Eskapismus, der damit verbunden ist, den spüren wir, glaube ich, alle. Ein Zeichen dafür sind die AfD-Wähler, die sich versprechen, in die alte, heile Welt mit geringerer Komplexität zurückzufinden. Man sucht einfache Wahrheiten und Überschaubarkeit. Wir vertrauen der Moderne heute nicht. Das zeigt sich in der Gesellschaft: die Welt der heilen Bilder. Wir bauen Häuser so wie früher und restaurieren alles Mögliche.
So eine Zeit haben wir schon einmal durchlebt, als es zwischen 1820 und 1850 zur Industrialisierung kam. Die Folgen waren eine ausgebeutete Arbeiterklasse und eine zerstörte ländliche Gesellschaftsstruktur, weil alle in die Städte zogen und dort in Massen nach Arbeit suchten. Gleichzeitig wanderten in der Zeit 40 Millionen Menschen aus Europa nach Übersee aus. Man kann sagen: Es war eine Globalisierung, was die Leute erlebten. 1848 schrieb Karl Marx das Kommunistische Manifest. Kunst und Kultur reagierten darauf mit der deutschen Romantik. Potsdam baute italienische Schlösser und ideale Landschaften. Am Ende dieser eskapistischen Bewegung standen drei große Kriege: 1870 der Deutsch-Französische Krieg, dann zwei Weltkriege, und am Ende Antisemitismus und Nationalismus. Diesen Vortrag halte ich seit fast zehn Jahren, und ich habe mir nicht vorstellen können, dass uns der letzte Teil, nämlich die großen Kriege sowie der Nationalismus und der Antisemitismus, so schnell wieder ereilen.
Informationen
Das Buch:
"Trio mit Tiger“ von Marianne Ludes
Erschienen 2025 im C.Bertelsmann Verlag, Hardcover: 25 Euro
Lesung auf Mallorca:
Am Sonntag, 10. Mai um 12 Uhr
Bodega Can Gats, Carrer de Sant Pere, 10, Llucmajor
Teilnahme: 45 Euro (inkl. Sekt-Empfang, Menü und Getränke), Barzahlung
Anmeldung: can-gats.com
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