Galeristin, Künstlerfrau, Muse: Der MZ-Preis für Kultur geht an Jule Kewenig
Sie öffnete für Mallorca das Tor zur internationalen Kunst und brachte echte Schwergewichte wie Boltanski, Kounellis, Lüpertz und Penck nach Palma

Javier Fernández
Mehr als einmal wurde Jule Kewenig (80) ans Herz gelegt, sie solle doch ihre Memoiren schreiben. „Aber jeder aus der Kunstwelt schreibt ein Buch, das ist doch furchtbar“, winkt die Galeristin ab, die quer im bequemsten Sessel ihrer prachtvollen Wohnung im Herzen von Palma sitzt und mit den Beinen wippt. Es ist eines von zahlreichen Beispielen dafür, dass sie im Gespräch nie Aufhebens um ihre Person macht. Sie legt keine falsche, sondern echte, sympathische Bescheidenheit an den Tag – obwohl sie eigentlich keinen Grund dazu hat.
Denn der Mallorca-Ableger der Galerie, die sie mit ihrem 2017 verstorbenen, dritten Ehemann Michael Kewenig 2004 eröffnete, lieferte der Kunstszene bahnbrechende neue Impulse. Kewenig war nie eine Galerie von Deutschen für Deutsche, sondern fügte sich in die hiesige Kunstwelt ein wie ein lange fehlendes Puzzleteil und öffnete die Insel dem europäischen und weltweiten Markt. Sie brachte Schwergewichte wie Boltanski, Kounellis, Lüpertz, Penck und viele weitere nach Palma, ist eine absolute Referenz und von den Kollegen im Galeristenverband Art Palma Contemporani geschätzt und respektiert. Selbst die Tatsache, dass Kewenig kaum Spanisch spricht, war bei der Integration kein zu großes Hindernis – dank des kompetenten, rein mallorquinischen Teams vor Ort. Jule Kewenig nun mit dem MZ-Preis für Kultur zu ehren, ist überfällig und wohlverdient.
Eine Frau mit einer wahrhaftigen Aura
Und ungeachtet ihres Protests: Auch ein Buch wäre sicher spannend. Denn es gibt unglaublich viel zu erzählen über diese faszinierende Frau, die 1946 in Lüneburg geboren wurde. Zu viel für eine Doppelseite, doch lassen Sie uns im Schnelldurchlauf durchblättern und etwas länger beim Mallorca-Kapitel verweilen. Jule Kewenig war nicht nur Kunsthändlerin, sondern auch Künstlerfrau, Galeristengattin, Dreh- und Angelpunkt einer Patchworkfamilie mit drei Kindern aus drei Ehen und sieben Enkeln, und nicht zuletzt „eine bedeutende Muse, vielleicht die letzte, die Deutschland hervorgebracht hat“, wie einmal das Magazin „Weltkunst“ in einem Porträt über sie schrieb. Eine Frau mit einer wahrhaftigen Aura, die stets geliebt wurde und in vollen Zügen lebte, liebte und genoss. Der rote Faden bei allem: die Kunst.
Alles begann, als sie im Alter von 16 Jahren Markus Lüpertz begegnete und mit ihm nach Westberlin durchbrannte. An der Seite des Künstlers, der auf dem Weg war, einer der wichtigsten Maler Deutschlands zu werden, begann die Freundschaft mit dem bedeutenden Galeristen Michael Werner. Die drei bildeten ein unzertrennliches Trio, das ab 1968 in Köln lebte. Doch dann funkte die Liebe dazwischen: Jule kam mit Werner zusammen, noch als sie von Lüpertz schwanger war. Ihr zweiter Ehemann zog die Tochter Anna Jill Lüpertz auf wie sein eigenes Kind. Und die „zwei Väter“ versöhnten sich, böses Blut gab es keines. Mit dem illustren Werner, Vater ihres zweiten Kindes Julius, bildete die künftige Kewenig ein Traumpaar der Kunstwelt.
Denkwürdiger Startschuss für ihre Karriere
Nach der Trennung wurde sie selbst Kunsthändlerin, bevor sie im Jahr 1985 den ehemaligen Anwalt Michael Kewenig heiratete. Beim Gespräch in der Galerie betrachtet Jule Kewenig ein Foto von 1984, das Gruppenbild zur Eröffnung ihrer legendären ersten Verkaufsausstellung „Paravents“ auf Schloss Loersfeld. Sie ist umringt von Künstlern höchsten Kalibers wie Per Kirkeby, A. R. Penck, Markus Lüpertz, Imi Knoebel, Andreas Schulze, Marlene Dumas und Gerhardt Richter. „Das war sensationell“, sagt sie über diesen denkwürdigen Startschuss ihre Karriere. 1986 gründete sie die Jule Kewenig Galerie im Haus Bitz in Frechen bei Köln. Michael Kewenig wollte ihr ursprünglich nur in der ersten Zeit mit dem Organisatorischen helfen, blieb dann aber bis zu seinem Lebensende mit dabei.

Jule Kewenig vor einer Foto- und Kunstwand in ihrer Wohnung. / Javier Fernández
Um Geld zu verdienen, sei nur eine eigene Galerie infrage gekommen: „Ich hatte ja nie was anderes gemacht“, so die Galeristin. Bestens vernetzt in der Kunstszene, kannte sie viele Museumsdirektoren und fand so „offene Türen“ vor, wenn sie um eine Ausstellung oder um einen Ankauf ersuchte. Eine Strategie, die besonders gut funktionierte: „Ich habe meine Angebote immer mit einem dicken Füller geschrieben“, erklärt Kewenig. Zwar habe sie auch damit nicht immer eine positive Antwort bekommen, aber der handschriftliche Brief lag stets obenauf und blieb im Gedächtnis.
Persönliche Beziehung zu den Künstlern
Die persönliche Note, sie ist bei allem, was Jule Kewenig tut, entscheidend. Die menschliche Komponente, ihre Beziehung zu den Künstlern. Insbesondere natürlich die zu ihrem ersten Ehemann, dem sie durchaus auch mal Kontra gab, ja sogar Werke zerstörte, die sie grässlich fand. Ebenso hielt sie es bei Penck, der zehn Jahre lang bei ihr und Michael Werner wohnte. Einmal seien sie zusammen am Kamin gesessen, Penck habe sie um ihr Urteil zu seinen Zeichnungen gebeten: Hervorragend? Dann wurden sie signiert. Furchtbar? Ab ins Feuer damit! In diesem Fall sei das drastische Aussortieren „irgendwie autorisiert“ gewesen, verteidigt sich Kewenig – während Lüpertz „natürlich sauer war, aber nicht lange“.
Zu ihren beiden Ex-Männern hat sie heute noch ein blendendes Verhältnis. Sie besucht sie immer direkt nacheinander, wenn sie in Berlin ist. Dort eröffnete 2013 auch ein neuer Sitz der Galerie, das Paar gab dafür den ersten Standort im Rheinland auf.

Jule Kewenig im September 2013. / Nele Bendgens
Nicht des Wetters wegen nach Mallorca gekommen
Zu den Gründen für den Sprung auf die Insel im Jahr 2004 sagt die Galeristin: „Als ich mich entschlossen habe, nach Mallorca zu ziehen, bin ich nicht des Wetters wegen gekommen.“ Warum dann? „Es gibt da so viele Antworten. Mein Mann wollte mich loswerden.“ Eine räumliche Trennung der Ehe- und Geschäftspartner, die womöglich Wogen glättete. Über einen alten Freund kamen die Kewenigs an die ersten Galerieräume im Carrer Forn de la Gloria – natürlich eingeweiht mit einer Lüpertz-Schau.
Später wurde das Haus verkauft, was das Ende des Standortes hätte bedeuten können. Zudem fühlte sich Jule Kewenig nicht besonders wohl in ihrem Zuhause. Doch dann bot ihr überraschend Udo Walz an, Nachmieterin seiner Wohnung zu werden – wahrlich fürstliche Räume mit Blick auf den Borne und einem Patio mit eindrucksvoller steinerner Wendeltreppe. Nebenan: das zu diesem Zeitpunkt leer stehende Oratori de Sant Feliu. Kewenig fragte den Vermieter danach. Unter der Bedingung, dass sie dort „keine Nachtbar“ eröffnete, durfte sie zusätzlich zur Wohnung auch Palmas älteste Kapelle aus dem 13. Jahrhundert mieten – und die angrenzenden Räume.
"Jeder Künstler liebt die Kapelle"
So begann das zweite Kapitel auf der Insel. „Jeder Künstler liebt die Kapelle. Auch, weil sie so schön handlich ist. Vier Bilder, das reicht“, sagt die Galeristin. Die erste Ausstellung im Oratori widmete sie Mario Merz, dem kurz zuvor verstorbenen Altmeister der Arte Povera. Und sie erinnert sich gern an die vielen interessanten Projekte, mit denen sie den historischen Raum seither bespielte. Etwa an Ralf Ziervogel, der dort auf die Wände malte. „Er brauchte ein ganz hohes Gerüst. Dann konnte er nicht darauf, weil er nicht schwindelfrei war. Das hatte er nicht bedacht“, so Kewenig. Ebenfalls in den Sinn kommt ihr eine Schau von Francis Picabia. „Picabia sieht überall gut aus. Das war nicht so schwer.“

Besucher im Oratori de Sant Feliu bei der Nit de l'Art 2023. / Guillem Bosch
Anfänglich boomte das Geschäft. Fünf, sechs Mallorquiner wurden zu treuen Sammlern, die der Galerie Kewenig Arbeiten von Lüpertz, Penck, Kounellis oder Knoebel abkauften. „Die hatten nur Chillida und Miró, aber keine internationale Kunst. Und die haben dann richtig zugeschlagen“, erinnert sich Kewenig. Gut betuchte Mallorca-Deutsche seien hingegen nicht unter den Kunden gewesen.
Heute sei die Klientel gemischter, auch weil sich der Kunstmarkt verändert habe: Die Sammler kaufen ortsunabhängig ein. Momentan gingen die Geschäfte im Kunsthandel generell nicht sonderlich gut: zu viele Kriege, zu große Unsicherheit. Und die älteren Sammler sterben allmählich. Auch Jule Kewenig hadert mit dem Altwerden. Aber verpassen möchte sie auch nichts. Und weitermachen, so lange es geht.
Untrüglicher Sinn für Talent und Qualität
Zwar führt sie seit dem Umzug nach Palma nicht mehr das schillernde Leben von damals und ist nicht mehr permanent umringt von befreundeten Künstlern. Aber gar so ruhig sei es auf Mallorca nun auch nicht, sagt die Galeristin, obwohl sie Kunstnächte und Vernissagen-Trubel scheut. „Es ist spannend, lustiger als in Deutschland. Dort habe ich immer das Gefühl, es geht ja nur noch ums Geschäft.“ Dass das Geld bei Kewenig nie an erster Stelle stand, beweist auch die Tatsache, dass sie nicht ausschließlich an den großen Stars festhielt, mit denen sie in der Anfangszeit die Sammler begeisterte. Mit ihrem untrüglichen Sinn für Talent und künstlerische Qualität förderte sie auch neue Namen, mit denen sich die Mallorquiner anfangs noch schwer taten.

Immer nah dran an den Künstlern: Jule Kewenig machte Marcelo Víquez (re.) auf der Insel bekannt. / privat
So arbeitete sie viel mit dem in Uruguay geborenen Künstler Marcelo Víquez und machte ihn bekannt, indem sie ihn „einfach immer penetrant zeigte und anbot. Ebenso die Chilenin Sandra Vázquez de la Horra: „Die vergisst das auch nicht, da war ich wirklich ihre Entdeckerin“, sagt Kewenig. Sie brachte ihren Schützling erst nach Madrid auf die Messe, dann ins Pompidou.
Wünsche für die Zukunft
Ihre neueste Entdeckung ist Sabrina Dufrasne: eine belgische Malerin, die zurückgezogen mit ihren Tieren auf Mallorca lebt. Jules Sohn Justus Kewenig, der für den Standort Berlin verantwortlich ist, nun aber zunehmend in Palma präsent sein will, fand ein Werk der Künstlerin auf dem Flohmarkt in Consell. Sie brauchte Geld für ihr krankes Pferd. Die Kewenigs besuchten sie, waren begeistert von ihrer Arbeit und organisierten eine Schau, die bis vor Kurzem im Oratori zu sehen war.

Sabrina Dufrasne, "Experience sur soleil", 2026. / Galerie Kewenig
Für Jule Kewenig steht ein Projekt mit Marlene Dumas noch ganz oben auf der Wunschliste. 1985 malte die derzeit teuerste lebende Künstlerin ihr Porträt in leuchtendem Rot – passend für eine Frau, die zu leidenschaftlicher Liebe fähig ist, wie Dumas erklärte. Die Galeristin sagt: „Ich schätze sie wirklich sehr. Aber ich traue mich nicht, sie zu fragen, ob sie eine Ausstellung hier macht.“ Bestimmt würde sie Kewenig den Wunsch niemals abschlagen.
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