So läuft das Mallorca Live Festival 2026: Alternde Rockstars, ein spanisches Pop-Sternchen und viele Kinder vor der Bühne
Das Musikfestival stand am Wochenende vor allem im Zeichen einer Frau: Popstar Aitana

Ein Kind verfolgt auf den Schultern der Eltern das Konzert von Cypress Hill. / Xavi Torrent
Man kann den Veranstaltern des Mallorca Live Festival einen gewissen Sinn für Humor nicht absprechen. Für Samstag (13.6.), den zweiten Tag der diesjährigen Ausgabe, hatten sie den spanischen Pop-Superstar Aitana gebucht. Die katalanische Musikerin war im Jahr 2017 bekannt geworden, als sie bei der TV-Talentshow "Operación Triúnfo" den zweiten Platz holte.
Seither hat sie sich zu einer der populärsten Künstlerinnen des Landes entwickelt, die insbesondere ein junges Publikum anziehen. Jung in dem Sinne, dass die Eltern dieser Fans im Jahr 2017, als Aitana im Fernsehen zu sehen war, noch nie eine Windel gewechselt hatten.
Das Konzert war für 23.30 Uhr angesetzt, also reichlich spät für ein Konzert, das auch Familien anspricht. Aber, das weiß jeder, der schon mal auf einem Dorffest gewesen ist: Spanien ist Spanien und da laufen die Kinder bis in den frühen Morgenstunden über die plaça. Kann man schon mal machen, sind ja auch bald Sommerferien.
Verschiedene Theorien
Warum das Konzert so spät angesetzt wurde, darüber gibt es verschiedene Theorien. Die wahrscheinlichste ist: Je länger das Publikum warten muss, desto mehr konsumiert es, desto mehr Umsatz. Bei einem Publikum, das garantiert nach der Show in Richtung Heia abmarschiert, ist das also die einzige Möglichkeit, um kein Minus zu machen.
Eine andere Theorie, die eher aus der Kategorie Gerüchteküche am Schultor stammt, besagt, dass Aitana selbst darum gebeten hat. Sie wolle sich von ihren extrem jungen Fans emanzipieren. Das hat seine Gründe. Denn Aitana hat sich in den vergangenen Jahren immer wieder Vorwürfen ausgesetzt gesehen, dass ihre Show nicht kindertauglich sei.
Das liegt vor allem an einem ihrer markanten Tanzmoves, bei dem sie sich mit – um es mal so zu formulieren – großer Hingabe über den Bühnenboden bewegt.Aitana hat immer wieder betont, dass niemand verpflichtet sei, seine Kinder auf ihre Konzerte zu bringen. Sie selbst lasse sich nicht von irgendwelchen besorgten Eltern vorschreiben, was sie zu tun oder zu lassen habe.
Rennen in Zeitlupe
Nun gibt es bei Festivals seit einigen Jahren ein Phänomen: Gerade junge Fans stellen sich extra früh vor die Hauptbühne, auf der später ihr Lieblingskünstler auftritt, um bei dessen Show in der ersten Reihe zu stehen. Das Konzertäquivalent zum Handtuch am Pool. So auch diesmal: Bereits zwei Stunden vor dem offiziellen Einlass sollen sich die ersten Fans vor dem Gelände des Mallorca Live Festivals versammelt haben, um ja ganz vorne zu stehen – bei nicht unerheblichen Frühsommertemperaturen.
Als es dann endlich losging, wurden sie, das zeigen Videos, von Sicherheitsleuten in Reih und Glied auf den Kunstrasen vor die Bühne gebracht. Dann durften sie loslaufen, um sich einen Platz in der ersten Reihe zu sichern. Social-Media-tauglich wurde das Rennen in Zeitlupe aufgenommen und verbreitet.
Doch bei einem Festival spielen nun mal auch andere Bands. Und so kommt es vor, dass junge Fans in der ersten Reihe plötzlich Künstlern zuschauen, von denen sie noch nie gehört haben. Die Musiker wiederum blicken auf lauter Menschen, die ihre Musik nicht kennen – und im Extremfall auch nicht mögen. Im vergangenen Jahr war das beim Mallorca Live Festival der Fall, als die Fans der katalanischen Dancehall-Queen Bad Gyal die energiegeladene Show der halbnackten Punk-Ikone Iggy Pop aus nächster Nähe miterleben durften.
Das war schon hübsch anzusehen. In diesem Jahr aber legte die Festivalleitung noch einen drauf. Denn Stunden bevor Aitana mit ihrer bis ins kleinste Detail durchgetakteten Show auf die Bühne kam, standen dort andere, deutlich ältere Herren: Cypress Hill. Die Hip-Hop-Gruppe aus Los Angeles ist seit Ende der 80er-Jahre aktiv und hat es sich zur Aufgabe gemacht, in ihren Liedern vor allem die Vorzüge eines ausgesprochen unbeschwerten Marihuana-Konsums zu thematisieren. Und das nicht nur auf Englisch, sondern auch auf Spanisch.
„Yo quiero fumaaaaaaar“ – „Ich möchte rauchen“ – schallte es dem jungen Publikum entgegen. Und die besorgten Eltern, die schon befürchtet hatten, ihre Töchter könnten nach Aitanas Show allzu motiviert mit dem Popo wackeln, dürften an diesem Abend ohne Aufpreis noch eine weitere Sorge dazubekommen haben.
Erstaunliche Entwicklung
Ende April war es zehn Jahre her, dass das Mallorca Live Festival zum ersten Mal stattfand. 20 Euro kostete damals der Eintritt für beide Tage auf dem Veranstaltungsgelände Son Fusteret in Palma. Das Programm: eine Mischung aus Rock, Elektro und Weltmusik. Morcheeba waren die Headliner. Es war ein großer Spaß, aber eben auch ein bisschen provinziell. Wäre es bei dieser einen Ausgabe geblieben, es hätte wohl die wenigsten Besucher gewundert.
Umso erstaunlicher ist, wie sich das Festival seither entwickelt hat. Professioneller ist es geworden, auch kommerzieller. Seit diesem Jahr hat sich sogar eine Versicherung in den Namen des Festivals eingekauft. Zudem gibt es nun fünf verschiedene Publikumskategorien. Als VIP gehörte man dabei nur zur vorletzten Stufe, gerade einmal eine Klasse über dem gemeinen Publikum. Wie genau sich das Klassensystem in den noch exklusiveren Bereichen aufteilte, war von unten aus nur schwer zu erkennen.

Das Publikum beim Mallorca Live Festival. Die ganz jungen Fans haben die Festivalfotografen nicht abgelichtet. / Tomas Moyà
Die Kritik an Makrofestivals ist in Spanien in den vergangenen Jahren gewachsen. Ein Vorwurf lautet, dass sie kleinere, finanziell schwächere Kulturorte verdrängen. Ein anderer richtet sich dagegen, dass Musik dort längst nicht mehr nur für sich selbst stehen darf. Sie wird zum Erlebnis, zum Gesamtpaket. Anders gesagt: zu einem Freizeitpark für Erwachsene.
Am ersten Tag des Mallorca Live Festivals konnte man durchaus dieses Gefühl bekommen. Bands wie The Prodigy, Viva Suecia, The Libertines oder Dani Fernández hatten solide bis hervorragende Shows gespielt. Zugleich durfte das Publikum einige Neuerungen im Vergleich zu den Vorjahren entdecken.
Darunter die „Espresso Concerts“-Bühne: In einem offenen Zelt konnten es sich die Zuschauer auf breiten Kissen bequem machen, während die Musiker in der Mitte standen. Die Musik wurde, wie bei einer Silent Disco, über Bluetooth-Kopfhörer übertragen. Ein exzellentes Konzept, weil man dort Künstlerinnen wie Mar Grimalt oder Gyë, deren Musik nicht eben tanzbar oder leicht konsumierbar ist, ohne die typischen Festival-Nebengeräusche hören konnte.
Dazu gab es die üblichen durchgebrandeten Stände, an denen man Fotos machen, Handtaschen kaufen, kleine Preise gewinnen konnte. Sogar ein Open-Air-Tattoo-Studio stand bereit – für jene, die eine Pause zwischen zwei Shows nutzen wollten, um sich das Wort „Resilience“ kursiv in Helvetica für immer in den Nacken schreiben zu lassen.
Wilde Show von Rusowsky
Am zweiten Tag gab es aber natürlich nicht nur Aitana und Cypress Hill. Der spanische Musiker Rusowsky spielte eine denkwürdige Show. Der mit einer eindrucksvollen Perücke geschmückte und in weiten Klamotten gekleidete Musiker kippte alle etablierte Regeln der Konzertdramaturgie über Bord. Technosongs wechselten sich mit Balladen ab. An der Videoleinwand alternierten verschwommene Livebilder von der Bühne mit absurdem Internet-Slop. Zwischenzeitlich verschwanden die Musiker auch von der Bühne, während die Musik weiterlief.
Das könnte man leicht als das Werk eines Hochstaplers fehlinterpretieren, der seine Inkompetenz durch das Spektakel zu kaschieren versucht. Aber Rusowsky ist nicht nur am Konservatorium ausgebildeter Musiker. Er stellte sein Können auch immer wieder unter Beweis, wenn er selber zur Gitarre griff oder sich ans Klavier setzte und mit seiner säuselnden Stimme seine hypnotisch anmutenden Songs sang.

Ein Mann und seine Perücke: Rusowsky. / Mallorca Live Festival
Für das ältere spanische Publikum war León Benavente gekommen. Eine Band, die Rock mit Sprechgesang spielt. Eine energiereiche Show, die dennoch ähnlich wie Rusowsky die Gemüter des Publikums spaltete. Denn während die einen die cleveren (und im Gegensatz zu Rusowsky verständlichen) Texte bewunderten, war die Musik für andere dann doch etwas zu repetitiv. Schon gut gemacht, aber dann doch nicht so wirklich aufregend.
Aitanas Show derweil, die parallel zu León Benavente lief, war schon logistisch eine Mammutaufgabe. Das Konzert ist Teil ihrer laufenden Solotour – und die verlangt ein eigenes Bühnenbild. So wie der puerto-ricanische Superstar Bad Bunny, der gerade vielbeachtete Konzerte in Madrid und Barcelona gespielt hat, hat auch die 27-jährige Katalanin ein kleines Häuschen auf der Bühne stehen.

Hätte sich das MIkro sparen können. Aitanas Fans sangen jede Zeile mit. / Andrés Inglesias
„Das musste natürlich mit, damit ich euch alles bieten kann“, sagte sie. Um sich gleich darauf beim Publikum dafür zu entschuldigen, dass sie aus Festivalgründen nicht alle Songs aus ihrem eigentlich zweistündigen Programm spielen könne. Das Publikum verzieh ihr sofort. Und sang jede. Einzelne. Zeile. Lautstark. Mit. Jede.
Lange Schlangen nach dem Konzert
Dass die Logistik mit Aitana nicht so einfach war, das zeigte sich vor allem nach dem Konzert. Denn die Bühne war schnell aufgebaut. Aber beim Abbau haperte es. So konnte die britische Indie-Band Kaiser Chiefs, die den Abschluss des Tages auf der Hauptbühne spielen sollten, erst mit halbstündiger Verspätung starten.
Und auch draußen, vor dem Festivalgelände, war die Lage alles andere als einfach. Denn das Festivalgelände konnte nur mit Shuttlebussen oder Taxis erreicht werden. Als dann gegen 1 Uhr Tausende Fans das Gelände verließen, bildeten sich lange Schlagen vor den Bushaltestellen. Es gab nur neun Busse, die zwischen Magaluf und dem Stadion Son Moix fuhren und das Publikum in die Stadt brachten.
Die Folgen waren weit nach Ende der Aitana-Show spürbar. Bis zu anderthalb Stunden musste man warten, um endlich den Heimweg antreten zu können. Die Menschen nahmen es mit erstaunlicher Gelassenheit.
Wann hat man sowas zuletzt gesehen?
Und doch: Auch wenn manche Eltern es sicher alles andere als angebracht fanden, dass ihre Kinder plötzlich einem Haufen alternder Kiffer ausgesetzt waren, hatte diese Reihenfolge vielleicht doch ihr Gutes. Denn Cypress Hill lieferten eine fantastische, energiegeladene Show ab. Mitten im Auftritt spielte DJ Lord, begleitet von Percussionist Eric „Bobo“ Correa, ein eindrucksvolles, minutenlanges Scratch-Solo an den Turntables.
Wann hat man so etwas zuletzt gesehen? Die meisten Kinder dürften wohl nicht einmal gewusst haben, dass sich Plattenteller in ein Musikinstrument verwandeln lassen. Nun bekamen sie eine Masterclass.

Haben ein Faible für Hanfprodukte: Cypress Hill. / Xavi Torrent
Und sie sahen eine Gruppe, die – Kifferei hin oder her – eine absolute Legende ist. Eine Band, deren Musik noch immer genau das auslöst, was Festivalmusik auslösen soll: herumhüpfen, die Arme im Takt wippen, sich mitreißen lassen. So sah man am Ende dann doch einige Kinder, die sehr unverhofft Spaß hatten bei einer Band, von der sie zuvor vermutlich noch nie gehört hatten.
Und geht es bei Festivals nicht genau darum? Dass man neue Dinge entdeckt. Dass man etwas im Herzen mit nach Hause nimmt. Eben.
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