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Lesung auf Mallorca: Wie Eileen Gray am Cap Martin ein Haus für alle Sinne schuf

Vor 50 Jahren starb die Designerin und Architektin Eileen Gray. Die Autorin Charlotte Kerner erinnert an sie zwischen Mallorca und Roquebrune-Cap-Martin an der Côte d’Azur

Das von Eileen Gray am Cap Martin entworfene Sommerhaus E.1027 - hier noch ohne die blaue Markise - könnte auch in Formentor stehen. Das Kürzel war ein Liebesbeweis an ihren Partner Jean Badovici.

Das von Eileen Gray am Cap Martin entworfene Sommerhaus E.1027 - hier noch ohne die blaue Markise - könnte auch in Formentor stehen. Das Kürzel war ein Liebesbeweis an ihren Partner Jean Badovici. / Berenice Abbott/Wikimedia Commons

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Charlotte Kerner

Der Kies knirscht unter meinen Füßen, aber ich stehe im Oktober 2025 an keinem Strand, sondern auf dem flachen Dach der Villa E.1027. Gebaut hat dieses „Haus am Meeresufer“ in Roquebrune-Cap-Martin die Designerin und Architektin Eileen Gray. Der Blick von hier oben reicht bis nach Monaco, wo inzwischen Wolkenkratzer wie dunkle Felsen in die Höhe ragen. Ich schaue lieber Richtung Südwesten weit hinaus über das offene Meer, wo rund 550 Kilometer entfernt hinter dem Horizont mein Sehnsuchtsfelsen liegt, die Insel Mallorca.

Eileen Gray auf einem Foto von 1926.

Eileen Gray auf einem Foto von 1926. / Carl Ha

Ihren felsigen Sehnsuchtsort am Beginn des Cap Martin hatte die Wahlpariserin Gray im Jahr 1925 gefunden, also vor genau hundert Jahren. Und die einsame Lage bei Roquebrune war Programm. Das damals wilde Haus-Grundstück, umgeben von terrassierten Zitrusplantagen, wurde oberhalb begrenzt durch die neue Bahnstrecke, auf der im Blauen Zug die Sonnenhungrigen aus Paris an „die blaue Küste“ reisten. Die vornehme Blässe war nicht länger das Schönheitsideal, sondern der natürlich sonnengebräunte Teint.

Es war die Zeit, als das Mittelmeer als exklusives Ferienziel in Mode kam und sich auch auf Mallorca – etwa mit der Eröffnung des Gran Hotel an der Placa Weyler im Jahr 1903 in Palma, und dann in den 1920ern durch das Hotel Formentor – der moderne Tourismus zu entwickeln begann. Es war die Zeit, als Küstenschutz und Klimawandel noch niemanden umtrieben und das Mittelmeer noch kein „bis zu Decke lichtgefliestes Badezimmer Europas“ war, so der spanische Schriftsteller Rafael Chirbes.

Wie ein gestrandetes Betonschiff

Das weithin sichtbare weiße Haus von Gray, für das es heute an diesem Ort keine Baugenehmigung mehr gäbe, sieht aus wie ein gestrandetes Betonschiff. Sein Name E.1027 erinnert also nicht zufällig an die Registrierungsnummer eines Dampfers. Gebildet wurde der Code aus den verschränkten Anfangsbuchstaben des Vor- und Nachnamens von E(ileen) G(ray), also dem E und der 7, für den siebten Buchstaben im Alphabet, und dem Monogramm ihrer Muse, des fünfzehn Jahre jüngeren Architekten, übersetzt in die 10 für J(ean) und die 2 für B(adovici). Anfangs war dieses Kürzel auch ein Liebesbeweis für diesen Mann, der die erfolgreiche Designerin, die eine eigene Galerie in Paris betrieb, erst zum Bauen ermutigt hatte.

Später hätte E.1027 auch zum Firmennamen eines Architektenteams werden können, das neue Projekte auf weiteren, von ihr gekauften Grundstücken verwirklichen wollte. Doch dazu kam es nie: Im Jahr 1932, nach nur drei Sommern verließ Gray das Haus und dessen Besitzer Badovici, mit dem sie jedoch bis zu seinem Tod 1956 befreundet blieb. Sie baute in der Nähe bei Menton ein neues Domizil für sich allein und betrat das „Haus am Meeresufer“ nie wieder. Heute gilt es als ihr Lebenswerk, als ein Gesamtkunstwerk.

Charlotte Kerner an einem Gray-Beistelltisch

Charlotte Kerner an einem Gray-Beistelltisch / Turne

Design mit menschlichen Maßen

Denn in diesem Sommerhaus hat die 1878 in Irland geborene Eileen Gray alles genauestens durchdacht und entworfen, vom Lichtschalter bis zum Dachaufbau, von den Teppichen über die Regale und Lampen bis zu den Stühlen, Sesseln und Tischen – darunter auch den berühmten Adjustable Table.

Mit nur einem seitlichen Fuß lässt sich dieser in der Höhe „verstellbare Tisch“ unter ein Bett schieben, bis die Tischplatte darüber ragt. An ihre Schwester Thora, die das Frühstücken im Bett liebte, soll die Designerin beim Entwerfen gedacht haben. Menschliche Überlegungen, die zu menschlichen Maßen und guten Lösungen führen, zeichnet Grays Entwürfe aus. Beispielsweise auch die Tischplatte aus Kork, die das Klappern des Geschirrs dämpfen soll.

Architektur für alle Sinne

Keine Wohnmaschine, sondern eine Architektur für alle Sinne, das war ihr Ziel. In die von Licht durchflutete und vom Meerwind durchlüftete Villa E.1027 feierte sie mit vier Farben die mediterrane Natur herein, die auch Mallorca prägen: Das Blau des Meeres, das Grün der Kiefern, das Gelb der Sonne und das warme Braun der Erde leuchten auf Wänden, färben Teppiche und machen aus Schranktüren abstrakte Bilder.

Für eine unabhängige Frau oder einen Mann, „der die Arbeit und den Sport liebt und gern Gesellschaft hat“, plante Gray ihre Räume. Frei und flexibel lassen sie sich nutzen, wie auch viele ihrer tragbaren und veränderbaren Möbel. Die Platte des Tisches Jean lässt sich durch Aufklappen verdoppeln und dann verschieben, so wird das Möbel schnell zum Schreibtisch, zwei davon machen eine Festtafel. Schuf die Architektin hier aus heutiger Sicht bereits queer spaces? War sie auch in diesem Punkt ihrer Zeit voraus?

Der berühmte Architekt Le Corbusier hatte recht: Die Visionen der Kollegin und „Grays seltener Geist“, der innen und außen und die gesamte Ausstattung diktiert hätten, waren in E.1027 überall spürbar und sichtbar. Doch hielt ihn seine Bewunderung nicht davon ab, mit Einverständnis des Freundes Jean, durch zehn große bunte Wandbilder dieses Haus quasi in Besitz zu nehmen. Erst zehn Jahre, nach dem Zweiten Weltkrieg, sollte die Architektin von diesem Übergriff erfahren, sie war empört, und zwar über beide.

Mahnzeichen am Mittelmeer

Das Verrückte ist, dass Le Corbusiers laute Graffiti das Haus, das zeitweise als sein Entwurf galt, am Ende vor dem Abriss bewahrt haben, als es um 1998 dem Verfall preisgegeben war. Damals besuchte ich E.1027 zum ersten Mal. Umso berührender war es nun für mich, letztes Jahr seine „Auferstehung“ zu erleben und Gray neu zu „begegnen“. Denn nach einer aufwendigen, zwei Jahrzehnte dauernden Restaurierung ist der Originalzustand im Jahr 2021 wiederhergestellt worden. Seitdem steigt die Besucherzahl stetig an am Cap Moderne, wie das denkmalgeschützte Areal jetzt heißt, und das Haus E.1027 ist der Publikumsmagnet: Es wird empfohlen, Buchungen für eine Besichtigung Monate im Voraus vorzunehmen.

Im Juni des Jahres 2026, in dem sich Grays Todestag zum 50. Mal jährt, knirscht wieder Kies unter meinen Füßen. Dieses Mal stehe ich am Strand von Pollença, schaue nach Nordosten und denke an das über 550 Kilometer entfernte weiße Haus am Meeresufer, das dort liegt wie ein gestrandetes Schiff. Und dass an seiner mit blauem Segeltuch bespannte Balkon-Reling ein Rettungsring hängt. Heute auch ein Mahnzeichen, dass das Mittelmeer, das sich zwischen Mallorca und dem Cap Martin an der französischen Küste erstreckt, nicht länger nur das schöne europäische „lichtgeflieste Badezimmer“ ist, sondern längst auch eine gefährliche Fluchtroute nach Europa.

Mehr erfahren

Mehr über Eileen Gray ist am Sonntag (28.6.) um 12 Uhr in dem Salon Bodega Can Gats zu erfahren. Charlotte Kerner liest in dem historischen Weinkeller aus ihrem Buch "Pionierin der Moderne. Die Architektin und Designerin Eileen Gray" (Verlag E.A. Seemann, 26 Euro). Einlass ist ab 11.30 Uhr. Der Einlass inklusive Sektempfang, Getränken und Menü kostet 45 Euro. Teilnahme nur mit Anmeldung. Tel.: 690-21 87 09.

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