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Wenn das Zuhause zum Luxus wird: Llucia Ramis’ kluges Buch über den Wohnwahnsinn

Hochaktuell, persönlich und sehr gut zu lesen: Mit „Un metro cuadrado“ ist der mallorquinischen Autorin Llucia Ramis das vielleicht beste Buch zur Wohnungskrise gelungen

Die Journalistin und Schriftstellerin Llucia Ramis.

Die Journalistin und Schriftstellerin Llucia Ramis. / DM

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Patrick Schirmer Sastre

Patrick Schirmer Sastre

Ich habe gerade meinen ersten Geburtstag in Barcelona gefeiert. Vor sieben Monaten bin ich hier angekommen, jungfräulich und mit gebrochenem Herzen. Es ist fünf Uhr morgens an einem Samstag im April 1996. Ich versuche, das Treppenhaus zu putzen, in dem jemand einen Feuerlöscher entleert hat. Die letzten Gäste hatten beim Gehen noch Bescheid gesagt: „Es ist alles weiß.“

Mit dieser Szene beginnt „Un metro cuadradro“ (Ein Quadratmeter), das neue Buch der mallorquinischen Journalistin und Schriftstellerin Llucia Ramis (Palma, 1977). Irgendwo zwischen Autobiografie, politischem Essay und Reportage geht es in flüssigem, leicht zu lesendem Spanisch um Fragen wie: Was ist ein Wohnraum? Wie prägt er uns? Und was macht es mit uns, wenn das Grundrecht auf Wohnraum zum Luxusgut wird?

Die 49-Jährige strukturiert die Geschichte als Chronologie ihrer Wohnungen, in denen sie seit dem Auszug aus ihrem Elternhaus im Jahr 1995 gelebt hat – bis heute. Am Anfang eines jeden Kapitels notiert sie die Adresse, das Baujahr des Gebäudes, die Größe der Wohnung und den monatlichen Mietpreis. In den wenigsten der Wohnungen hat sie alleine gelebt. Es waren WGs, manche mit Freunden, andere eher mit Zufallsbekanntschaften.

Wohnungen als Symbol für die Lebensphasen

Die Wohnungen spiegeln die Lebensphase wider, in der sich Ramis zu diesem Zeitpunkt befindet. Die WG in Barcelona als Studentin. Wo es eben mal vorkommt, dass jemand bei einer Party einen Feuerlöscher leert. Die zwischenzeitliche Rückkehr nach Mallorca nach dem Studium, nur um zu merken, dass dies hier nicht der Ort ist, an dem sie leben möchte. Zurück in Barcelona, die ersten Jobs, mit Bargeld im Briefumschlag bezahlt. Und dann eben irgendwann, viele Jahre später, der Kauf der eigenen Wohnung. 47 Quadratmeter, die nur ihr gehören. Ihr, die eigentlich nie Immobilieneigentümerin sein wollte. Doch der Wahnsinn und die Unsicherheit des Mietmarktes ließen ihr am Ende keine Wahl.

Ramis recherchiert in ihrer eigenen Vergangenheit. Sie kontaktiert die ehemaligen Mitbewohner, besucht sogar die Wohnungen, um zu sehen, wie sie jetzt ausschauen, wer darin lebt. Und wie viel Miete mittlerweile fällig ist. Immer wieder kommt es zu kuriosen Momenten. Etwa, wenn sie bei einer ihrer ehemaligen WGs klingelt und sich herausstellt, dass der jetzige Bewohner ein Bekannter von ihr ist. Oder wenn sie die These aufstellt, dass zwei ihrer männlichen Mitbewohner nie Teller spülten, weil sie dies von ihr als Frau erwarteten. Und ihr einer dieser Freunde erklärt, dass nie jemand von ihr erwartet habe, die Teller zu spülen, da ihre Aktivitäten in der Küche nie darüber hinausgingen, Philadelphia auf ein Toastbrot zu schmieren. „Und wir waren keine Sexisten, höchstens Ferkel.“

Cover des Buchs "Un metro cuadrado" von Llucia Ramis.

Cover des Buchs "Un metro cuadrado" von Llucia Ramis. / Verlag

Doch auch wenn die persönlichen, autobiografischen Betrachtungen zu den stärksten Passagen dieses Buches gehören, geht die Erzählung weit darüber hinaus. Ramis reist zurück in die Vergangenheit, um Antworten auf die Fragen zu finden, wie es dazu kommen konnte, dass Spanien kaum Sozialwohnungen hat, obwohl diese in der Franco-Diktatur in Massen gebaut wurden. Warum die ersten Jahre der Demokratie entscheidend dazu beigetragen haben, dass es zu einem Land der Eigentümer statt der Mieter wurde. Und warum es bis heute niemand geschafft hat, dem Umstand Einhalt zu gebieten, dass Wohnraum weiter Spekulationsmasse sein darf.

Charaktere und Orte aus "Les possessions"

„Un metro cuadrado“ ist nicht das erste Mal, dass Llucia Ramis sich mit dem Thema Wohnraum auseinandersetzt. Bereits 2018 brachte sie mit dem ebenso preisgekrönten wie eindrucksvollen Roman „Les possessions“ (span. „Las posesiones“) ihre Gedanken über das Thema zu Papier. Einige der Charaktere und Orte aus dem Roman finden sich auch in dem neuen Buch wieder. Etwa, wenn es um die Finca geht, die ihren Großeltern in der Gemeinde Felanitx gehörte und wo Ramis viele Sommer ihrer Kindheit verbrachte. In der fiktionalisierten Version in „Les possessions“ ist sie zur Ferienimmobilie umgebaut worden. An diesem für sie so wichtigen Ort stand plötzlich eine Gruppe ausländischer Urlauber an einem Pool, den es in ihrer Kindheit nicht gab.

In „Un metro cuadrado“ kehrt die Autorin zu diesem Hof zurück, per Internetsuche. Das Haus ist jetzt ein Yoga-Retreat, der Name hat nichts mehr mit der alten Bezeichnung der Finca zu tun. Sie hinterlässt eine Google-Bewertung mit einem Stern. Die Antwort der Betreiber folgt prompt: „Diese Person war noch nie auf dieser Finca.“ Llucia Ramis lässt es mal so stehen.

„Un metro cuadrado“ ist ein starkes, sehr gut zu lesendes Buch, weil es sich mit so intimen Themen wie Verlustängsten auseinandersetzt, sich aber selbst nie zu ernst nimmt. Die persönlichen Passagen werden durch die journalistische Recherche eher ergänzt, als dass Ramis versucht, ihre persönlichen Wahrheiten durch Fakten zu belegen. Es ist ein Buch, das Wissen vermittelt, gleichzeitig aber auch unmissverständlich gesellschaftskritisch ist. Zugleich gibt sie als Journalistin, etwa durch ein Interview mit einem Investor, jenen eine Stimme, die ihre Meinung zu der aktuellen Situation nicht teilen.

Nicht zuletzt stellt das Buch auch die Frage, wie es überhaupt möglich sein soll, sich einen Lebensweg aufzubauen, wenn etwas so Essenzielles wie der Ort, an dem man lebt, durch die nächste willkürliche Mieterhöhung zerschossen werden kann. Am Ende kehrt Llucia Ramis zu diesem Gedanken zurück. Mittlerweile hat sie ihre eigene Wohnung, und sie blickt zurück auf diese Wohnungen und die Menschen, die sie geprägt haben: Zu Hause sagen zu können. In etwas so Grundlegendem, so Lebenswichtigem und heute so Schwerem, darin besteht die Stabilität. Die Stabilität, auf der sich alles Weitere errichten lässt.

Llucia Ramis „Un metro cuadrado“

Libros del Asteroide, 2026

256 S.

Spanisch

18,95 Euro

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