Der kanadische Star-Pianist Jan Lisiecki spielt beim Festival in Cap Rocat: "Ich darf keine Show aufführen"
Der in Kanada geborene und bei der Deutschen Grammophon unter Vertrag stehende Pianist bereitet sich auf sein ausverkauftes Konzert am 1. August vor

Der Pianist Jan Lisiecki. / Christoph Köstlin
Jan Lisiecki ist zwar erst 31 Jahre alt, spielt aber schon sein halbes Leben professionell Klavier und ist einer der Protagonisten des diesjährigen Klassik-Festivals im Luxushotel Cap Rocat. Der gebürtige Kanadier mit polnischen Wurzeln steht seit vielen Jahren bei der Deutschen Grammophon unter Vertrag und bietet bei seinem Konzert am Samstag (1.8.) ein breit gefächertes Programm. Das Konzert ist wie alle drei Termine des Festivals komplett ausverkauft. Wir erreichen Lisiecki auf seiner Tournee in Hamburg, wo er sich auf ein Konzert am Abend vorbereitet.
Sie sind es gewohnt, für Ihre Auftritte um die Welt zu reisen. Müssen Sie an jedem Ort erst ankommen, oder spielen sie einfach los?
Ich habe meine Europa-Tournee mit zwei Konzert in Italien begonnen. Dann habe ich am Tegernsee gespielt, dann mehrfach beim Musikfestival in Schleswig-Holstein und dann nach Mallorca. Das sind sieben Konzerte in vielen schönen Ferienorten innerhalb von zwei Wochen. So ist es perfekt, weil ich nicht jeden Tag spiele, wie sonst relativ häufig. Da habe ich Zeit anzukommen. Normalerweise muss ich mich wirklich ausschließlich auf die Arbeit konzentrieren. Aber mit einem Tag Pause ist es angenehm, ich kann mir Dinge anschauen. Ich war in Hamburg in einer Kunstausstellung. Auch auf Mallorca habe ich meine Lieblingsorte, und da werde ich mal schauen, wo es mich hinverschlägt.
Kennen Sie das Festival in Cap Rocat?
Nein, bisher nicht. Ich freue mich sehr darauf, habe aber keine Ahnung, welche Umgebung mich dort erwartet. Ich habe bisher mit niemandem gesprochen, der dort gespielt hat. Ich weiß, dass es eine alte Festung und ein Luxushotel ist mit einem traumhaften Blick.

Das Hotel Cap Rocat. / Cap Rocat
Sie blicken auf eine lange Karriere zurück. Ist ein solches Konzert an einem so privilegierten Ort immer noch etwas Besonderes oder reine Routine?
Es ist von beidem etwas. Auf der einen Seite ist es nun mal mein Beruf, und ich bin jeden Tag dankbar für das, was ich tun darf. Aber der Ort, an dem man spielt, inspiriert einen Künstler natürlich. Und bei mir ist fast jede Umgebung inspirierend: die größte Konzerthalle der Welt oder dieser einzigartige Ort auf Mallorca. So etwas gibt es nur bei Freiluftkonzerten im Sommer. Und die Umgebung bedingt das Konzert natürlich. Denn in Cap Rocat zu spielen ist anders als in der besten Konzerthalle. Dort arbeite ich nicht mit der Akustik, sondern mit der Umwelt, der Atmosphäre. Und am Ende zählt, einen wundervollen Abend für die Zuhörer daraus zu machen. Aber manchmal arbeitet die Umgebung auch gegen mich.
Wenn Sie ein Konzert in einer solchen Umgebung spielen, lassen Sie sich davon auch inspirieren?
Die Umgebung beeinflusst natürlich, wie ich spiele. Ich muss Dinge anpassen, die unter freiem Himmel nicht funktionieren. Man ist viel abhängiger von äußeren Einflüssen, wie etwa Vogelgesang oder auch einem Windhauch in meinen Haaren oder den Bäumen. Unsere Kunst lebt und ist vom Moment inspiriert. Die Umgebung ist nichts Statisches und macht jedes Konzert besonders. Und alle Zuhörer machen bei einem solchen Freiluft-Konzert auch ihre eigenen Erfahrungen.
Sind Sie der Prototyp eines Wunderkinds?
Ich habe mich als Kind nie so herausragend beurteilt, dass ich vor dieser Bezeichnung davonrennen musste. Wenn ich jetzt zurückschaue und denke, was ich mit 15 gemacht habe, denke ich manchmal, das ist ja völlig irre. Aber damals schien es mir ganz normal. Ich wurde nie da hineingedrängt, weder von Eltern noch von Lehrern. Es war harte Arbeit, klar. Man muss einfach früh anfangen, wenn man etwas erreichen will. Aber anders als im Sport kann man nicht wirklich messen, was Erfolg exakt ist.
Sie sagten einmal, dass Sie sich in Kanada sehr gut entfalten konnten. Gab es auch andere Länder, denen Sie viel zu verdanken haben?
Ich hatte in vielen Ländern große Unterstützung. Klar, in Kanada habe ich angefangen, aber auch Polen hat mich sehr unterstützt. Dort habe ich zum ersten Mal mit 13 gespielt, da hat mir das Chopin-Institut geholfen. Und danach kam die internationale Unterstützung, aber darum muss man sich ständig kümmern.

Jan Lisiecki spielt unter anderem Chopin und Brahms auf Mallorca. / Christoph Köstlin
Fühlen Sie sich besonders wohl, wenn Sie polnische Komponisten spielen? Auf Mallorca bringen Sie Werke von Chopin und Szymanowski mit.
Ja klar, ich habe großen Respekt vor meinen Wurzeln und will sie in die die Konzerte einbauen. Es hilft, wenn man die Sprache spricht und das Land kennt. Oder wenn man die Tänze von Chopin wirklich versteht, die verschiedenen Arten zu tanzen, die Kleidung. Man muss aber seine eigene Interpretation der Musik machen, dann ist es etwas Besonderes.
Sie spielen sehr klar, ohne große Show. Ist das in unseren heutigen Zeiten eine Art Kritik an extremen Haltungen, wie etwa in der Politik?
Ich bin ein großer Anhänger der Mitte, ich brauche keine Extreme und das ist heute nicht sehr populär, ich weiß. Ich glaube, in der Musik befinden wir uns in der Mitte zwischen dem Komponisten und dem Publikum. Ich habe diese Musik nicht komponiert, ich bin nur verantwortlich dafür, sie zum Leben zu erwecken. Und gleichzeitig habe ich große Verpflichtungen: mit dem Publikum und mit dem Komponisten. Ich will sicherstellen, dass beide respektiert werden. Ich muss den Willen des Komponisten beachten und gleichzeitig das Publikum unterhalten. Und ich darf mich nicht an erste Stelle stellen, sondern den Komponisten. Ich darf keine Show aufführen. Klar habe ich meine eigene Meinung zu den Werken, aber die muss ein wenig zurückstecken.
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