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Jenseits von blauem Teppich und Königin Letizia: wo das Atlàntida Film Fest wirklich spannend war

Das Atlàntida Film Fest setzt auch in diesem Jahr auf bewährte Konzepte und feiert einen Zuschauerrekord. Bei der Abschlussgala heimst nicht Stargast Javier Bardem, sondern eine junge Mallorquinerin den größten Applaus ein

Brachten die Leute in Ses Voltes zum Tanzen: Parkineos.  | FOTO: ALEIX ROQUER/ATLÀNTIDA

Brachten die Leute in Ses Voltes zum Tanzen: Parkineos. | FOTO: ALEIX ROQUER/ATLÀNTIDA

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Patrick Schirmer Sastre

Patrick Schirmer Sastre

Es wäre natürlich sicher um einiges einfacher, wenn sie nicht zur Abschlussgala erscheinen würde. Der Polizeieinsatz rund um den Abend könnte verringert werden. Das Publikum müsste nicht zwei Stunden vor Beginn der Veranstaltung erscheinen und brav sitzen, wenn sie hereinkommt. Sicherlich würde auch nicht so ein Bohei um Eintrittskarten und Akkreditierungen gemacht werden. Aber irgendwann im Jahr 2019 hatte jemand mal eine E-Mail an das Königshaus geschrieben und sie zur Abschlussgala des Atlàntida Film Fest in Palma eingeladen. Und sie, Königin Letizia, hatte zugesagt. Weil sie eine Affinität zum Medium Kino habe, hieß es damals. Seither kommt sie jedes Jahr.

Viel zu tun hat sie nicht. Sie erscheint, setzt sich in die erste Reihe und wird dann irgendwann auf die Bühne gebeten, um einen Preis in der Kategorie „Masters of Cinema“ zu überreichen. An diesem Sonntag (2.8.) ist der französische Filmkomponist Alexandre Desplat – bekannt unter anderem für seine Wes-Anderson-Soundtracks – der Glückliche. Er nimmt die vom mallorquinischen Künstler Joan Costa entworfene Skulptur mit den Worten entgegen, dass diese aufgrund des Formats durchaus reisetauglich sei. Zu Hause ausstellen werde er sie dennoch nicht. „Ich werde es verstecken. Nicht, dass jemand auf den Gedanken käme, dass ich mich selbst für einen Master halte.“

Als Letizia 2019 zum ersten Mal zur Abschlussgala kam, stellten kratzbürstige Journalisten infrage, ob das Festival nun seinen Charakter verlieren würde. Denn Festivalleiter Jaume Ripoll hatte seit der ersten Präsenzausgabe des Filmfests im Jahr 2016 – vorher fand das Atlàntida nur online statt – betont, dass man anders sei als andere Festivals. „Wir werden keinen roten Teppich ausrollen.“ Und tatsächlich: Trotz Dauerpräsenz der spanischen Königin und Stargästen wie in diesem Jahr Javier Bardem und Gael García Bernal, ist sich das Festival in diesem Punkt treu geblieben. Der Teppich ist blau.

Handgepäcktauglicher Preis: Alexandre Desplat, dahinter Marga Prohens, Königin Letizia, Francina Armengol und Jaume Ripoll.   | FOTO: BALLESTEROS/EFE

Handgepäcktauglicher Preis: Alexandre Desplat, dahinter Marga Prohens, Königin Letizia, Francina Armengol und Jaume Ripoll. | FOTO: BALLESTEROS/EFE

Rumzappeln in Ses Voltes

Aber natürlich ist das Atlàntida mehr als nur Glanz und Glitzer auf blauem Untergrund. Das Festival hat sich durchaus seinen charmanten Charakter beibehalten. Vor allem war dies in Ses Voltes zu spüren, jenem Open-Air-Veranstaltungsbereich unterhalb der Kathedrale, in dem bei der Großdemo gegen den Massentourismus Protestierende und Polizisten in einen beherzten Meinungsaustausch getreten waren. In Ses Voltes konnte man nicht nur hervorragende Filme sehen, wie etwa das süße polnische Indie-Drama „Erupcja“ mit der britischen Sängerin Charli XCX in der Hauptrolle. Sondern sich auch dem anderen großen Teil des Atlàntida Film Fest hingeben: der Musik. Wie jedes Jahr hatte die Festivalleitung eine ganze Reihe an hochtalentierten spanischen Musikern verpflichtet, unter anderem das Hard-Techno-Projekt Parkineos, das das mehrheitlich junge Publikum auf eine Weise zum Tanzen brachte, wie man es nur von 90er-Jahre-Rave-Videos kennt.

Das Konzept Konzert–Film–Konzert, mit denen die Abende in Ses Voltes gestaltet werden, geht auf. Diejenigen, die für die Musik erscheinen, schnappen sich einen der dunkelgrünen Plastikstühle und schauen sich den Film an. Und die Cineasten im Publikum nutzen die Gelegenheit, um sich einen Eindruck davon zu machen, was die jungen Leute heutzutage für Musik machen. Win-win für alle. Und wem es nicht passt, der geht eben nach Hause und freut sich, dass die Events beim Atlàntida seit jeher kostenlos sind.

Darauf kommt auch Festival-Chef Jaume Ripoll bei der Abschlussgala zu sprechen. Er werde immer wieder gefragt, ob es sich lohne, bei der Hitze ein kostenloses Festival zu organisieren. Die Antwort laute immer Ja, so Ripoll. Denn man locke ein sehr diverses Publikum zu den Vorführungen und Konzerten. Und in diesem Jahr noch mehr als sonst: 53.500 Zuschauer kamen zu den Events des Festivals – stolze 18 Prozent mehr als im Vorjahr.

Tosender Applaus

Den größten Applaus des Abends in der Misericòrdia bekommt übrigens nicht Letizia. Dafür sitzen wohl zu viele Republikaner im Publikum. Auch Stargast Javier Bardem reißt mit seiner etwas lustlosen Rede vor der Vorführung seines neuen Films „El ser querido“ (von Regisseur Rodrigo Sorogoyen), der an diesem Abend Spanien-Premiere feiert, nur wenige vom Hocker.

Stattdessen ist es die junge Filmemacherin Júlia Castaño, die für ihren Film „La barraca“ den Preis für den besten balearischen Kurzfilm bekommt. In dem Elf-Minüter geht es um die prekären Arbeitsbedingungen in einer Strandbar. „Der Film ist aus einem Gefühl der Ohnmacht darüber entstanden, mit einem Tourismusmodell leben zu müssen, das den Einwohnern gegenüber vollkommen rücksichtslos ist“, erklärt Castaño. Und mit Blick auf die vielen Politiker in der ersten Reihe ergänzt sie: „Wir Mallorquiner werden so häufig auf die Straße gehen, wie es notwendig ist.“ Ob sich Königin Letizia dem tosenden Applaus des Publikums anschließt, ist aus der Ferne in der Dunkelheit nicht zu erkennen.

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