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Mallorca Zeitung

Die Schau "I am still alive" in Palma de Mallorca feiert die Verbundenheit zwischen Frauen

Eine mitreißend-intime Ausstellung im Casal Solleric: Die Künstlerin Raquel Friera hat On Kawaras Kult-Serie, in denen er Telegramme mit Lebensbotschaften verschickte, ganz neu interpretiert

Wenn Raquel Friera über ihre Werke spricht, kommt die Erinnerung zurück. | FOTO: B. ROHM

„Lieber On Kawara: Mir zittert die Hand, während ich dir diesen posthumen Brief schreibe…“ Statt eines gewöhnlichen Saaltextes gibt eine emotionale Nachricht an der Wand den Ton der neuen Ausstellung im Casal Solleric vor. „I Am Still Alive“ von der katalanischen Künstlerin Raquel Friera (47), zu sehen bis zum 31. Juli, ist eine Reinterpretation der berühmten Serie des 2014 verstorbenen japanischen Konzeptkünstlers. Dieser hatte seit den 1970er-Jahren Telegramme mit der Botschaft, dass er noch lebe, an ihm bekannte Personen verschickt. „Als ich dieses Werk kennenlernte, dachte ich: Das hätte doch ich machen müssen!“, erzählt die Künstlerin beim Rundgang in der Ausstellung. Seit ihrer Kindheit teile sie On Kawaras Angst vor dem Verrinnen der Zeit.

Das Projekt von Friera, die 2019 den Kunstpreis der Stadt Palma gewann, ist ebenfalls Teil einer Serie: „Feminizing Art History“, in der sie bedeutende Werke der Kunstgeschichte aus einer anderen Perspektive angeht. Während männliche Künstler oft ihr Genie und Ego in den Vordergrund stellten, wählt sie einen anderen, offeneren Ansatz: „Statt von mir zu sprechen, frage ich die Frauen, die ich liebe: Seid ihr noch am Leben?“, sagt Friera. Auf diese Weise verschiebt sich zwar der Fokus, doch die Arbeit bleibt hochpersönlich: „Es ist unmöglich, von diesen Frauen zu sprechen, ohne von meinem eigenen Leben zu erzählen.

Die Postkarte bekommt einen ganz großen Auftritt

Die Künstlerin ließ sich aus allen Teilen der Welt von Freundinnen und wichtigen Weggefährtinnen Postkarten mit „I Am Still Alive“ zusenden. Das Projekt ist auf mehreren Ebenen eine Selbstbehauptung, eine lebenserhaltende und -bejahende Maßnahme: On Kawara lebt in Friera und ihrem Werk weiter, sie und die anderen Frauen leben noch, trotz der gemeinsam erfahrenen Verwundbarkeit in einer patriarchalen Gesellschaft. Die Kunstgeschichte selbst lebt durch die Neuinterpretation wieder auf, und sogar das heute todgeweihte Medium Postkarte bekommt noch einmal einen ganz großen Auftritt: Die gerahmten Karten hängen wie ein räumlich getrenntes Mobile von der Decke (Kopf einziehen!).

Eine der Postkarten in der Ausstellung "I am still alive" im Casal Solleric B. Rohm

Zu den Einsendungen schuf Friera in verschiedenen Techniken je ein individuelles Kunstwerk, das ihrer Beziehung zur Absenderin Ausdruck verleiht. Der erste Raum ist einer Episode aus ihrer Vergangenheit gewidmet: Bevor sie ihre wahre Berufung fand, studierte sie Wirtschaft. „Ich habe in einem multinationalen Konzern gearbeitet und Anzüge getragen“, so die Künstlerin, die sich heute lieber von oben bis unten in Blumenmuster kleidet. Zwei Freundinnen aus dieser Welt, der sie damals den Rücken kehrte, sind mit einem großformatigen Foto vertreten: In der Szene aus einem Meeting sind die Beine zweier Frauen mit einem Band zusammengehalten. „Auch unter widrigen Umständen mit extremem Konkurrenzdenken gab es durchaus Verbundenheit zwischen Frauen“, sagt Friera.

Ganz intim wird es im zweiten Raum

Ihre „Meisterin in feministischer Ökonomie“, die Wirtschaftswissenschaftlerin Cristina Carrasco, ehrt sie mit deren Zitat „Die Zeitarmut ist ein Merkmal des Lebens von Frauen in kapitalistischen Gesellschaften“. Dazu: drei aufgeschlagene, von Frauen verfasste Ratgeber zur perfekten Haushaltsführung aus den USA der 1950er. „Diese Bücher gelten heute als Vorläufer des Zeitmanagements in Unternehmen“, sagt Friera. Sie selbst bekam Ende der 1990er in einer Marketing-Abteilung in Paris einen streng getakteten Zeitplan, zu sehen an einer anderen Wand. Ihr Kostüm hängt neben einer Dienstmädchen-Uniform aus dem 19. Jahrhundert – zur Erinnerung an ihre Zimmergenossin in Frankreich. „Manchmal denke ich, dass nicht ich es war, die das alles erlebt hat“, sagt die Künstlerin nachdenklich. „Ich habe einen wiederkehrenden Albtraum, dass ich wieder in so einer Konferenz sitze.“

Besonders intim wird es im zweiten Raum: Dort gibt es etwa ein Fotobuch, in dem Friera Bilder aus ihrer Kindheit neben denen einer Freundin zeigt, um ein fiktives gemeinsames Familienalbum zu kreieren. Ein Miniaturmodell eines Rasens mit zwei Fotos von einem Sackhüpf-Wettbewerb, dem einzigen Zeugnis eines Austauschjahrs in Irland der damals Zehnjährigen. Oder ein Fotolabor als Hommage an Ana Ripoll, eine Künstlerin und Freundin ihrer Mutter. Als verbindenes Element zwischen den drei liegt in der Dunkelkammer eine Aufnahme Ripolls von Friera und ihrer Mutter. Das Foto wird im Laufe der Ausstellung auf magische Weise verschwinden. „Den Trick kann ich nicht verraten“, sagt Friera.

Karaoke singen in der Ausstellung

Dafür lüftet sie das Geheimnis hinter der Topografie von León, umrahmt von einer Miniatur-Lichterkette (siehe Bild): Dort befinde sich das Gebiet Babia, das in der spanischen Redewendung „estás en Babia“ (etwa: „Du hast den Kopf in den Wolken“) vorkommt. Ihr Vater stammt aus León, sie verbrachte all ihre Sommer dort auf den Dorffesten. Ebenso wie ihre Freundin Aurora, die sie aber erst viel später kennenlernte. „Wir sagen immer: Einmal müssen wir zusammen nach Babia“, so Friera.

Im hintersten Raum hängt ein Ensemble aus Postkarten von Frauen, mit denen Friera im Rahmen ihrer Kunst in Kontakt kam. Zwei Lautsprecher lassen ihre Stimmen miteinander kommunizieren. Friera lebte von 2007 bis 2011 in der Türkei. Ihre beste Freundin von dort würdigt sie mit einer Installation: Hier kann man zu einem Lied, das auf Demonstrationen für Frauenrechte zu hören ist, Karaoke singen – und so eine eigene Lebensbotschaft lautstark im Casal Solleric erklingen lassen.

L’ull desarmat: mehr Kritische Kunst im Casal solleric sehen


Die Ausstellung „Das unbewaffnete Auge“ (bis 31.7.) im Erdgeschoss entlarvt die Strukturen von Patriarchat und Rape Culture: Wütend wie bei Cristina Lucas, die eine Replik von Michelangelos Moses zertrümmert und als elftes Gebot fordert: „Du sollst nicht vergewaltigen“, visuell wie bei Olalla G. Valdericedas Waffen-Zeichungen oder konstruktiv wie bei den mit toxischer Männlichkeit brechenden Porträts von Marta Pujades.

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