Fifty Shades of Black: Der Hamburger Künstler Frank Gerritz zeigt auf Mallorca minimalistische Werke

Anregend für den Geist: Die Arbeiten in der aktuellen Ausstellung im Casal Solleric bilden einen angenehmen Ruhepol mitten im bunten Trubel des Sommers

Der Künstler Frank Gerritz vor seiner Serie mit Papierarbeiten, die durch den Farbauftrag Volumen und eine fast skulpturale Qualität bekommen.

Der Künstler Frank Gerritz vor seiner Serie mit Papierarbeiten, die durch den Farbauftrag Volumen und eine fast skulpturale Qualität bekommen. / Cristian Constantini

Brigitte Rohm

Brigitte Rohm

Wer einen kühlen Kopf bewahren möchte, dem sei ein Rundgang durch die aktuelle Ausstellung des deutschen Künstlers Frank Gerritz (Hamburg, 1964) ans Herz gelegt: Kaum betritt man das obere Stockwerk im Casal Solleric, vergisst man seinen schwitzenden Körper und begibt sich ins Territorium des logischen Denkens, wo Kunst und Philosophie aufeinandertreffen. Gerritz betrachtet sich selbst als Bildhauer: Auch seine Zeichnungen und Gemälde sind in seinen Augen Skulpturen – die Farbe, die er auf teils speziellen Bildträgern wie Aluminiumflächen aufträgt, bekommt eine starke materielle Intensität.

Seine Arbeiten sind klar und minimalistisch: Konzepte wie Module und industrielle Serienproduktion werden etwa bei streng geordneten Installationen aus geometrischen Eisenblöcken deutlich. „Ebenso sehen wir eine suprematistische Komponente in der Tradition von Kasimir Malewitsch“, erklärt der Leiter des Casal Solleric, Fernando Gómez de la Cuesta, beim gemeinsamen Rundgang. Wie die berühmten weißen und schwarzen Quadrate des russischen Avantgarde-Künstlers, der Meilensteine der Malerei der Moderne schuf, gehe es dem Hamburger um die Befreiung von Emotion und Gegenstandsbezügen.

Gleichgewicht, Maße und Proportionen

Gerritz verwendet Schwarz, das in seiner Radikalität nicht einfach nur Schwarz ist, sondern mit seinen Facetten und schimmernden Oberflächen unsere Wahrnehmung stimuliert. Licht und monochrome Farbe sind hier die Protagonisten, Ornamentik und Dekoration sucht man vergebens. Im mit Seide ausgekleideten „roten Zimmer“ ist der Kontrast besonders effektvoll: Ein opulenter Raum trifft auf die reine, auf das Wesentliche reduzierte Form in einer zentral platzierten Vitrine – ein schlichter Monolith mitten im Stadtpalast. In einem anderen Saal sind Objekte noch auf eine weitere, originelle Art erlebbar: Drucke, die von ihren schweren und massiven Formen ausgehen, hängen ergänzend an den Wänden.

„Bei Gerritz hat alles mit Gleichgewicht, Maßen und Proportionen zu tun – nicht nur bei den Werken selbst, sondern auch bei ihrer Beziehung untereinander und der Art ihrer Hängung im Raum“, sagt Gómez de la Cuesta. Alles ist durchdacht, für das Ideal der Harmonie nichts dem Zufall überlassen. „Spannung erzeugt er durch den Wechsel der Farben und des Farbauftrags“, so der Leiter des Hauses. Doch so streng und vollkommen das Ergebnis erscheinen mag: Gerritz betone stets, dass man bei ihm keine Perfektion finden wird.

Bei den Arbeiten von Frank Gerritz ist auch die Hängung im Raum entscheidend.

Bei den Arbeiten von Frank Gerritz ist auch die Hängung im Raum entscheidend. / B. Rohm

Räume des rationalen Denkens und der Kontemplation

Und dennoch: Die Akribie in der Ausführung ist herausragend, insbesondere bei den Arbeiten auf Papier. „Es sind große Oberflächen, die er mit dem Bleistift bearbeitet. Man bemerke den Glanz und die Lichtreflexionen“, sagt Gómez de la Cuesta. Die dicht gesetzten Striche sorgen in ihrer Fülle und mit ihrem Gewicht dafür, dass das Material sich wellt, Bewegung und so ein beinahe skulpturales Volumen bekommt. Auch hier spielt der Künstler mit Variationen von Modulen. Interessant ist der Kontrast dieser dezenten Serie zum monumentalen Farbrausch von Luis Gordillo, der sich bei der vorherigen Schau an derselben Wand befand. „Da steckte ein bisschen Vorsatz dahinter“, sagt Gómez de la Cuesta darauf angesprochen und lacht. „Ich mochte die Idee, diese zwei so unterschiedlichen Künstler direkt hintereinander ins Programm aufzunehmen.“

Während der Stadtpalast bei Gordillo zu einer bunten Spielwiese wurde, gewinnt er mit dieser Ausstellung den Charakter eines stillen Rückzugsortes: Es sind Räume des rationalen Denkens und der Kontemplation. Ein kleiner dunkler Saal im hinteren Eck, der normalerweise schwierig zu bespielen ist, kommt besonders eindrucksvoll zur Geltung: „Er erinnert mich an die Rothko-Kapelle“, sagt Gómez de la Cuesta. Mit zwei Werken, die eine Symphonie der Schwärze bilden, strahlt der Raum Ruhe aus und lädt zur Introspektion ein. „Wir haben hier quasi eine Gerritz-Kapelle.“

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