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Mit Goldglitter und Schichten wie bei einer Lasagne: Zwei spannende internationale Kunstprojekte in Palma

Künstler, die das Sagen haben, und ein ungewisser Ausgang: Zwei Gruppenausstellungen in den Galerien Fermay und La Bibi überraschen auch dadurch, wie es zu ihnen kam

Eine Gruppe Künstler steckt hinter der Schau in der Galería Fermay.

Eine Gruppe Künstler steckt hinter der Schau in der Galería Fermay. / Grimalt de Blanch

Brigitte Rohm

Brigitte Rohm

Der Blick durch das Schaufenster der Galería Fermay ist derzeit schwindelerregend: Gekrümmte schwarze Linien am Glas und an der dahinter liegenden Wand ergeben im Zusammenspiel eine optische Illusion, die sich erst beim Hineinkommen auflöst. „Es ist, als würde man durch ein magisches Portal treten“, sagt der Galerist Antoni Ferrer über diese Arbeit des Künstler-Duos Carla Arocha und Stéphane Schraenen. Doch obwohl die Gruppenausstellung „Fairy Tales“ heißt, empfängt die Besucher hier keine Märchenwelt à la Alice im Wunderland – sie fußt stärker in der Realität.

Das Projekt ist besonders, da es die etablierte Konstellation Künstler-Kurator-Institution aufbricht: Es handelt sich um eine Wanderausstellung, die von einem festen Kern von fünf Künstlern selbst organisiert wird und bereits in Antwerpen, Seoul und Tokio zu sehen war. An jedem Ort passt sie sich an, weitere Künstler kommen hinzu. In diesem Fall sind es zehn Künstler und 28 Werke.

Migration, Ortsveränderung und Identität

Die verbindende Thematik: Wie werden Mythen konstruiert und dekonstruiert, und zwar auf individueller und gesellschaftlicher Ebene? „Interessant ist, dass niemand von ihnen an seinem Geburtsort lebt“, sagt Ferrer über die internationale Gruppe. Daher seien Themen wie Migration, Ortsveränderung und Identität in den Werken stark präsent. Wie sehen wir uns selbst, wie sehen uns andere? Die Künstler treibt die Frage um, wie wir in einem bestimmten kulturellen Kontext und geprägt durch persönliche Erfahrungen unsere eigenen Lebensgeschichten schreiben.

Am deutlichsten kommen diese Themen bei der koreanisch-venezolanischen Künstlerin Suwon Lee, die in Madrid lebt, zum Ausdruck: In den Uhren ihrer Serie „How to Measure Time“ stehen die Zeiger auf „Stranger“, „Tourist“, „Local“, „Alien“ oder „Temporary resident“, bei einer anderen auf „Time to be Korean/Venezuelan ...“ Zugehörigkeiten, soziale Konstrukte und Projektionen stecken einen festen Rahmen ab, in dem wir uns bewegen. Auch die in Südkorea geborene Vanessa Van Obberghen, die in Antwerpen lebt, beschäftigt sich mit Integration und untersucht etwa Missverständnisse durch Übersetzungen. So übertrug sie den Layout-Blindtext „Lorem Ipsum“ in Blindenschrift, präsentiert auf einem schwebenden Triptychon aus Plexiglas.

Ein Feuerwerk an Techniken und Ideen

Der Raum wird optisch durch eine Arbeit von Marc Ming Chan strukturiert, der sich mit Transhumanismus beschäftigt: Sein Cyborg, gemalt auf zwei frei hängenden Leinwänden, lebt vom Kontrast zwischen Technologie und Menschlichkeit. Vergangenheit und Zukunft verknüpft auch Jan Tomza-Osiecki bei der daneben platzierten Plastik, die er auf Mallorca schuf: Sein Ausgangsmaterial waren Bilder von Flohmärkten, denen er als Objekt ein zweites Leben geben wollte.

Auch die zweidimensionalen Arbeiten an den Wänden sind ein Feuerwerk an Techniken und Ideen. Da sind etwa Jesse Siegels Fotografien von Salz-Schlickgras, das in den Niederlanden gepflanzt wird, um dem Meer Land abzuringen – eine Form der „Kolonialisierung der Natur“ – und sein zutiefst unbefriedigendes „Unboxing“-Video ohne finalen Enthüllungsmoment. Oder hypnotische 3D-Video- Simulationen des Digitalkünstlers Jaehun Park wie sein „Golden Confetti Room“: „Das sei ein ‚erhabener Moment des Kapitalismus‘, mehr wollte er dazu nicht sagen“, so der Galerist amüsiert. Und bei dieser Ausstellung hatten schließlich die Künstler das letzte Wort.

Die beständig wechselhafte Natur unserer Welt

Nicht ganz so anarchistisch, aber doch experimentell ging es bei der Entstehung der aktuellen Gruppenausstellung „And this old world is a new world“ der La Bibi Gallery zu. Ins Boot geholt hat sich die Galerie dazu die schwer gefragte Kuratorin Esmeralda Gómez. Bei einer Führung erklärt sie der MZ, dass das Projekt bereits im Januar begonnen hatte. Fünf internationale Künstler waren beteiligt, die im Laufe des Jahres Residenzen absolvierten und dabei neue Werke schufen. „Die Ausstellung ist quasi in Schichten entstanden, wie eine Lasagne“, sagt Gómez. Der rote Faden sollte die beständig wechselhafte Natur unserer Welt sein – und die Frage, wie sich Künstler dazu positionieren, Dinge hinterfragen und gemeinsam neue Welten erschaffen können. Doch das Endergebnis war völlig offen, der Prozess aus kuratorischer Sicht ein Abenteuer.

Instabile Strukturen und innovativ gedachte Malerei in der La Bibi Gallery.

Instabile Strukturen und innovativ gedachte Malerei in der La Bibi Gallery. / La Bibi Gallery

Die unterste Schicht gebührte der Schweizer Künstlerin Bianca Barandun, die sich mit Themen wie Sprache und Erinnerung beschäftigt und für die Galerie eine ortsspezifische Wandarbeit aus Flüssig-Keramik kreierte. „Sie versteht Sprache als etwas, das in ständigem Fluss ist. Zur Keramik, die langsam fest wird, aber trotzdem noch bearbeitet werden kann, ergibt sich da eine interessante Parallele“, so die Kuratorin. Als zweite Künstlerin kam die in Frankfurt lebende Russin Anna Nero hinzu, die ihre Malerei von der Form aus denkt und mit Fläche, Volumen und Dichte auf der Leinwand spielt. „Es eröffnen sich überall neue Dimensionen und Räume, in die man eintauchen kann“, sagt Gómez. Auch Neros Skulpturen enthalten Formen, die einem vage bekannt erscheinen, aber in ihrer neuen Zusammensetzung wie Innendekoration aus dem Haushalt auf einem fremden Planeten wirken.

Drei verschiedene Ansätze zu Malerei

Was die Malerei angeht, so gebe es in der Schau drei verschiedene Ansätze: Im Gegensatz zu Anna Nero geht der in London ansässige Künstler Callum Green von der Farbe aus, die ebenfalls in London lebende Polin Karolina Albricht wiederum von der Textur und Materie. „Alle drei loten auf ihre Art die Grenzen des Mediums aus“, so die Kuratorin. Für Green ist die Leinwand kein Ort für Darstellung, sondern eine Spielwiese für das Experimentieren mit Farbe – und die Malerei eine Reise, die immer dann endet, wenn einem Bild nichts Sinnvolles mehr hinzuzufügen ist.

Albricht nutzt unkonventionelle, oft grobe Bildträger, zerstört, zerlegt und beklebt sie, trägt an einzelnen Stellen die Farbe so dick und pastos auf, dass die Malerei dreidimensionale Züge bekommt. „Von Weitem wirken die Bilder wunderschön, aber man versteht sie erst von nahem“, so Gómez. Die Strukturen und Farben korrespondieren mit den zwei plastischen Arbeiten der Schwedin Erika Trotzig, die quasi als Käsekruste auf der Lasagne zuletzt hinzukamen, als der Aufbau schon im Gange war. Über die instabil wirkenden Gebilde aus Holz und Schaumstoff sagt die Kuratorin: „Es sind Strukturen kurz vor dem Kollaps. In der alten Welt ist die Möglichkeit einer neuen Welt angelegt. Wenn Strukturen zusammenbrechen, ist es Zeit, sie fallen zu lassen und die richtigen, neuen Fragen zu stellen.“

„Fairy Tales“, bis 24. Januar, Galería Fermay, Carrer Pare Bartomeu Pou, 42, Palma, Mo.–Fr. 11–19 Uhr, Infos unter: galeriafermay.com

„And this old world is a new world“, bis 11. Januar, La Bibi Gallery, Carrer del Molí del Comte, 47A, Establiments (Palma), Di.–Sa. 11–15 Uhr, Infos unter: labibigallery.com

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