Eindrucksvolle Mittelmeer-Kunst: Das Labyrinth von Jannis Kounellis in Palma
Venezianische Segel, alte Schiffsteile und starke Symbole: Das Es Baluard widmet einem der Großen der "Arte Povera" eine bewegende Ausstellung auf Mallorca

Die venezianischen Segel sind das Herzstück der Schau. / B. Ramon
Einen Kompass brauchen Sie nicht, um durch diese Ausstellung zu navigieren. Denn im „Laberint sense parets“ (Labyrinth ohne Wände) von Jannis Kounellis (geb. 1936 in Piräus, gest. 2017 in Rom) kann man sich treiben lassen wie auf eine Seereise, ohne Anfang und Ende. Der erste Raum des Espacio A im Erdgeschoss des Es Baluard fühlt sich nach Aufbruch an: Eine imposante Installation saugt die Besucher hinein wie eine starke Strömung. Neun venezianische Segel, die ältesten aus dem 17. Jahrhundert, spannen sich fächerförmig von Decke bis Boden. Dort sind sie, von Steinbrocken beschwert, mit Seilen befestigt.
Kounellis schuf die monumentale Arbeit 1993 für die Biennale in Venedig, 2024 präsentierte die Galerie Kewenig sie bei der Art Basel. Als David Barro, der Direktor des Es Baluard, sie dort sah, hing sie sogleich vor seinem geistigen Auge im Museum in Palma, erzählt er bei der Pressekonferenz vor der Eröffnung der Schau. An seiner Seite: Kounellis’ Partnerin Michelle Coudray und Santiago Olmo, Direktor des Centro Galego de Arte Contemporánea, das die Ausstellung koproduziert hat. Das Projekt stellt zum ersten Mal die Beziehung des international renommierten griechischen Künstlers zum Mittelmeer ins Zentrum.

Präsentierten die Ausstellung: Santiago Olmo, Leiter des CGAC, Kounellis’ Lebensgefährtin Michelle Coudray, David Barro, Direktor des Es Baluard. / EP
Suche nach einem Zentrum
Der wichtige Vertreter der „Arte Povera“ – einer Bewegung von Künstlern aus Rom und Norditalien aus der zweiten Hälfte der 1960er- und 1970er-Jahre, deren Werke typischerweise räumliche Installationen aus gewöhnlichen, also „armen“ Materialien waren, hatte auch einen starken Bezug zu Deutschland: Kounellis nahm etwa an mehreren Ausgaben der Documenta teil, ist in bedeutenden Sammlungen vertreten und lehrte mehrere Jahre an der Kunstakademie in Düsseldorf. Durch die Zusammenarbeit mit den Galerien Kewenig und Pelaires hatte er auch Bezug zu Mallorca.
Seinen eigenen Heimathafen verlegte der Grieche aber schon in jungen Jahren nach Italien: Zum Kunststudium verschlug es ihn nach Rom, wo er auch blieb. Er verliebte sich in die alten Meister – Tizian, Caravaggio, Masaccio. „Aber er wurde zum Emigranten, zum Exilanten“, sagt David Barro beim Rundgang durch die Ausstellung. „Er betrachtete sich in gewisser Weise als Odysseus.“ Dieses Gefühl der Reise, der persönlichen Erfahrung seiner Suche nach einem Zentrum, habe sein Leben und sein gesamtes Werk geprägt. Das Thema des Ortswechsels mit ungewissem Ausgang verleihe Kounellis’ Kunst in Zeiten von Globalisierung und Migration zusätzliche Relevanz.
Objekte speichern Erinnerung
Der Grieche beschrieb sich selbst als „einen altertümlichen Menschen und einen modernen Maler“. Wie ein Archäologe grub er in Bruchstücken der Vergangenheit, um ihnen mit einer radikal zeitgenössischen Sprache einen neuen Sinn zu verleihen. Fast alles im Raum besteht aus Fragmenten; jedes Material, das der Künstler verwendete, trägt Geschichte in sich: Schiffsteile, auf einer Leinwand aufgenähte Muscheln und natürlich die Segel. In einigen Arbeiten verwendete Kounellis mallorquinische Segel aus weißer Baumwolle. Mit Seilen auf Stahlkonstruktionen gespannt, lassen die Falten werfenden, verfärbten Stoffe an ein früheres, bewegtes Leben auf See denken.
Es ist eine Kunst, die betont, dass Objekte Erinnerungen speichern und trotz aller Abnutzung ihre Würde bewahren. Die venezianischen Segel am Eingang der Schau erzählen von einer Ära, als im Mittelmeer noch der Schiffshandel blühte und das Reisen eine poetische Komponente besaß, aber auch davon, was die Besatzung einst umtrieb: Religiöse Motive auf den Stoffen sollte ihr Schutz gewähren, erklärt Barro.
Bezüge zur Kunstgeschichte
Die erzählerische Kraft und Dramatik der Arbeiten bezeichnet der Museumsdirektor als „barock“. Kein Wunder, wenn man an die Maler denkt, die Kounellis selbst bewunderte. Wer durch die Linse der Kunstgeschichte blickt, wird zahlreiche Bezüge entdecken können: Der Einsatz von Farbe, hell und dunkel wie bei Caravaggio und von römischen Muscheln wie bei Brunelleschi oder Parallelen zu Malewitschs „schwarzem Quadrat“ – Barro hat bei seiner Führung zahlreiche Karten mit Abbildungen dabei, um die Beziehungen zu erläutern, die er bei der Vorbereitung der Ausstellung aufspürte.

Das Bootsfragment, ergänzend zur Serie „Albatros". / B. Ramon
Die nahezu brutale Wucht, die die Arbeiten aus der Serie „Albatros“ (2001) versprühen, lässt sich hingegen intuitiv erfassen. Ein an die Wand gelehntes, massives Fragment des gleichnamigen Bootes wirkt wie eine Metapher für Verfall. Weitere Segmente des zerlegten Gefährts befestigte Kounellis zusammen mit Kabeln auf quadratischen, großformatigen Stahlplatten. Da diese schräg an der Wand montiert sind, verbreiten sie trotz des schweren Materials ein Gefühl der Instabilität und Zerbrechlichkeit. Ein Betrachter heute mag beim Anblick an die Trümmer gesunkener Flüchtlingsboote denken, an Fahrten über das Mittelmeer, die zu oft in einer Tragödie enden. Der Gang durch die Schau führt indes in eine „Sackgasse“ mit labyrinthhaften, grob skizzierten Arbeiten auf Papier – Gelegenheit für einen ruhigen Moment innerer Einkehr.
"Jannis Kounellis. Laberint sense parets", bis 30. August 2026, Es Baluard, Plaça de la Porta de Santa Catalina, 10, Di.–Sa. 10–20 Uhr, So. 10–15 Uhr, esbaluard.org
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