Faschismus, Tourismus, Schamhaar: So radikal war Kunst auf Mallorca
Innovativ und kämpferisch: Das Casal Solleric lädt Sie ein, in den kreativen Kosmos der Insel zwischen 1969 und 1982 einzutauchen

Vincenç Torres, „Fachas“ (Detail). / B. Rohm
Es klingt wenig intellektuell, aber die neue Ausstellung in der Beletage des Casal Solleric weckt Erinnerungen an den Kunstunterricht in der Oberstufe. Bereits der erste Raum zeigt eine wahre Explosion der Kreativität. Eine Fülle an Techniken und farbenfrohen Werken demonstriert klar: Hier waren junge Freigeister am Werk, hier wurde experimentiert und außerhalb der Schubladen gedacht. „La gratuïtat és una agressió. La Jove Plàstica i la renovació de les arts a Mallorca, 1969–1982“ (auf Deutsch etwa: „Unentgeltlichkeit ist eine Provokation. Die Jove Plàstica und die Erneuerung der Künste auf Mallorca, 1969–1982“) versammelt rund 130 Arbeiten aus einer Zeit, in der die Insel eine regelrechte Eruption erlebte.
Die Vertreter dieser Bewegung wurden in den späten 1940er-Jahren geboren, waren in der betreffenden Zeit allesamt jünger als 30 Jahre. „Wir hatten Lust, die Welt zu verändern“, erinnerte sich der Künstler Vincenç Torres, der damals mit von der Partie war, bei der Präsentation der Gruppenausstellung. Von ihm stammt unter anderem das kühne Werk „Fachas“ (umgangssprachlich für Faschisten) von 1974: ein Ölgemälde voll von uniformierten Figürchen mit zum Faschistengruß gerecktem Arm, die vor weißem Hintergrund wie im luftleeren Raum schweben – und zu Boden zu trudeln scheinen wie tote Blätter im Herbst.
Bruch mit den Konventionen
Wirtschaftliche Umwälzungen, soziale Spannungen, politischer Aktivismus, die Gegenkultur des Spätfranquismus und die Anfänge der Demokratie in Spanien sind der Kontext, in dem eine Vielfalt von künstlerischen Sprachen entstand. Ob Konzeptkunst, Arte Povera, Pop Art, Aktionskunst, Abstraktion oder Neoexpressionismus: Vieles davon wurde auf Mallorca nun zum ersten Mal überhaupt ausprobiert. Die „Jove Plàstica“ verband ein Geist der Rebellion gegen altmodische und angepasste Institutionen, die Lust am Bruch mit konservativ-ranziger, konventioneller Kunstauffassung. Und sie brachte zahlreiche Gruppen hervor, die sich Themen wie Tourismuskritik, Umweltschutz und die Verteidigung der katalanischen Sprache und Kultur vornahmen.
Zum Glück für Besucher, die mit diesem Kapitel der mallorquinischen Kunstgeschichte noch wenige Berührungspunkte hatten, gibt es bei der von Jaume Reus kuratierten Kollektivschau einen auf Spanisch, Katalanisch und Englisch verfügbaren Text. Er fungiert beim Rundgang als Wegweiser zum Mitnehmen. Fast alle Werke sind übrigens von den Künstlern selbst oder von Sammlern zur Verfügung gestellt worden – nur fünf Arbeiten stammen von einer Institution, der Fotografie-Stiftung Toni Catany.

Blick in den ersten Ausstellungsraum von "La jove plàstica". / Ajuntament de Palma
Radikale Werke von Miquel Barceló
Dabei finden sich hier durchaus große Namen – allen voran Mallorcas bekanntester Künstler, Miquel Barceló. Mit dessen Arbeit „Cadaverina 15“ (1976) sind die Besucher gleich zu Beginn konfrontiert: 223 säuberlich am Boden aufgereihte Holzkästchen mit wenig sauberem Inhalt, denn sie enthalten organische Materialien in fortgeschrittenem Zustand des Vergammelns, darunter ganze Fische. Ein anderer Saal zeigt zwei Kästchen an der Wand, die mit menschlichem Schamhaar befüllt sind. Abgesehen von solchen radikalen Werken sind im letzten Raum auch Barcelós expressive Bilder „Nu pujant escales“ (1981) und „Persecució nocturna a la perifèria de la ciutat“ (1981) zu sehen, die 1982 als einzige eines spanischen Künstlers auf der Documenta in Kassel zu sehen waren.
Doch zuvor gibt es noch viel Spannendes zu entdecken. Der dritte Saal zeugt etwa von der Mostra d’Art Pobre von 1971 in der Librería Tous in Palma, einer der Schlüsselausstellungen innerhalb der Erneuerung des Kunstpanoramas, sowie von der Gruppe Criada 74 (1974–1977), die gegen Malereiwettbewerbe und das kapitalistische System dahinter mobil machte. Experimentelle Fotografien von Toni Catany sind hier neben erfrischender Konzeptkunst von Ferran García Sevilla zu sehen.
Kunst zum Beschnuppern
Der nächste Raum markiert einen Höhepunkt der Schau. Er ist „Neon de Suro“ gewidmet, einer originellen Publikation von internationaler Reichweite. Der Titel „La gratuïtat és una agressió“ entspringt einem Ausstellungstext aus der Feder der Herausgeber. „Ich möchte dem Publikum dieses singuläre Werk möglichst nahebringen, damit es sein Potenzial sehen, lesen und riechen kann“, schreibt Kurator Jaume Reus. Daher sind nebst Originalzeichnungen alle 21 Exemplare aufgeklappt an einer Wand angebracht, um betrachtet und beschnuppert zu werden. Sie verströmen den typischen Duft vergilbten Papiers.

Originale der Publikation „Neon de Suro“. / B. Rohm
Weiter geht der Rundgang mit Zeugnissen des Engagements für die Rettung des Eilands Sa Dragonera vor der Bebauung. So malte Andreu Terrades etwa einen „Aborigen“, einen „Ureinwohner“ vor der Silhouette der Insel, in trautem Einklang mit einem Schwarm endemischer Eidechsen. Viele Künstler beließen es nicht bei dem symbolischen Protest und waren 1977 an der Besetzung von Sa Dragonera beteiligt. Zu den tourismuskritischen Arbeiten wie dem in verschiedenen Sprachen vorgetragenen Appell „Bitte verbringen Sie Ihren Urlaub nicht auf Mallorca“ gesellen sich etliche politische und poetische Werke.
Siebdrucke von Paez Cervi und Horacio Sapere erinnern an die Spannungen, die es beim Übergang zur spanischen Demokratie gab: Militärs träumen hier von einem bunteren und fröhlicheren Leben, die Patronen ihrer Schusswaffen erhalten mit neonpinker Färbung eine fast sexuelle Konnotation. Auch das konventionelle Familienbild bekommt sein Fett weg: Sapere ersetzte etwa bei einer Fotografie von einer Vorzeigemutter mit Baby die Rassel durch eine Sobrassada. Das wirkt so frisch und so schräg, dass es noch in der Gegenwart perfekt als T-Shirt-Motiv funktionieren würde.

Horacio Sapere, „Maternidad con sobrasada (1977, Serie „Antimaternidades“). / B. Rohm
„La gratuïtat és una agressió. La Jove Plàstica i la renovació de les arts a Mallorca, 1969–1982“, bis 21. Januar 2026, Passeig del Born, 27, Palma, Di.–Sa. 10–20 Uhr, So. und Feiertage 11–14.30 Uhr
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