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Eine Zunge aus Kalk und 773 bedrohte Sprachen: Eva Lootz zeigt eine eindrucksvolle Schau in Palma

Die 1940 in Wien geborene, preisgekrönte Künstlerin breitet im Casal Solleric ihr künstlerisches Universum aus. Es gibt dem Unausgesprochenem eine Stimme

Die Künstlerin Eva Lootz bei der Präsentation ihrer Ausstellung im Casal Solleric.

Die Künstlerin Eva Lootz bei der Präsentation ihrer Ausstellung im Casal Solleric. / Cata Guasp

Brigitte Rohm

Brigitte Rohm

Si aún quieres ver algo, date prisa: todo está desapareciendo“ (Man muss sich beeilen wenn man etwas sehen will, alles verschwindet). Das Paul Cézanne zugeschriebene Zitat prangt in großen buchstabenförmigen Spiegeln an der Wand eines Saals der Beletage im Casal Solleric. Besucher haben indes bis zum 12. April Zeit, die Ausstellung „Ho tinc a la punta de la llengua“ (Es liegt mir auf der Zunge) zu entdecken, bevor sie wieder verschwindet. Diese Chance sollte man unbedingt nutzen. Ein zentrales Thema der hochkarätigen Schau ist die Sprache als Machtinstrument.

1940 in Wien geboren, in Spanien eingebürgert und 1994 mit dem Premio Nacional de Artes Plásticas ausgezeichnet, hat die multidisziplinäre Künstlerin Eva Lootz ihre Kreativität und unersättliche Neugier in vielfältige Bahnen gelenkt. So war sie eine Pionierin bei der Verwendung „bescheidener“ Materialien – und verleiht so auch den kleinen Dingen Bedeutung, die leicht übersehen und vergessen werden. Für die Schau in Palma schuf die trotz ihres hohen Alters ungebrochen aktive Künstler zwei neue Werke, die Anfang und Ende des Rundgangs markieren. Sie bestehen aus Kalk – einer traditionellen Ressource, die auf der Insel seit Jahrhunderten hergestellt wird.

Erster und letzter Raum der Ausstellung: Zungen und Botschaften in Kalk

Im ersten Raum ergießt sich eine weiße Zunge aus Kalk vom Fenster aus über den Boden. Ihre Oberfläche ist bereits spröde und rissig, das Kunstwerk vergänglich – ebenso wie Sprache etwas Zerbrechliches an sich hat. „Die Frauen wissen das nur zu gut. Seit Jahrtausenden wurden sie zum Verstummen gebracht, und Feministinnen kämpfen dafür, dass ihre Stimmen im öffentlichen Raum gehört werden“, sagt Lootz bei der Präsentation. Ringsum sind hier weitere Zungen aus den verschiedensten Materialien montiert, von Filz über Siegellack bis synthetischem Fell.

Im eindrucksvollen ersten Raum der Schau befindet sich auch das neue Werk „Lengua de cal“ – eine vergängliche Zunge aus Kalk

Im eindrucksvollen ersten Raum der Schau befindet sich auch das neue Werk „Lengua de cal“ – eine vergängliche Zunge aus Kalk / Guillem Bosch

Auf einem Teppich aus Kalk im letzten Saal zeichnen sich die Worte „Que cada dolor diga su nombre“ ab (Dass jeder Schmerz seinen Namen sage). Neben der Botschaft, dass es wichtig ist, Dinge, die wehtun, klar zu benennen, geht es Lootz auch um etwas anderes: darum, dass der Mensch im digitalen Zeitalter, in dem wir von Informationen und inhaltsleeren Nachrichten überflutet werden, den Bezug zum eigenen Körper nicht verlieren darf. Durch ihn gelingt uns der Kontakt mit der uns umgebenden Welt – und der Gebrauch der Hand ist aus Sicht der Künstlerin essenziell.

Zentrale Themen von Eva Lootz: Körper, Sprache und Erinnerung

Mit einer Klangkunst-Arbeit im roten Salon des Stadtpalastes legt die Künstlerin den Finger in eine Wunde, die sie besonders schmerzt: Wir hören die Namen von 773 Sprachen Südamerikas, die aktuell vom Verschwinden bedroht sind. Kein neues Phänomen: Lootz verweist auf indigene Völker, die gezielt ihrer Sprachen beraubt wurden. Und alle zwei Wochen gehe eine weitere Sprache verloren. Auch das eingangs erwähnte Zitat von Paul Cézanne nimmt darauf Bezug.

Körper, Sprache und Erinnerung treffen für die Künstlerin mitunter direkt zusammen: Sie erklärt, dass Fäden, Stoffe und Knoten für die Menschheitsgeschichte und den technologischen Fortschritt wichtiger gewesen seien als Waffen – man denke an geknüpfte Körbe zum Sammeln von Nahrung und Stricke zum Vermessen von Land. Die Videoarbeit „Entre manos“ hebt die Bedeutung des Fadenspiels hervor, das weit mehr als ein Zeitvertreib für Kinder ist und in vielen Kulturen praktiziert wird. Die komplizierten Übungen seien oft mit Erzählungen verknüpft, zudem erforderten sie Geschicklichkeit und ein gutes Erinnerungsvermögen, sagt Lootz.

Feiner Sand und menschlische Fehlschläge

Freiere Formen von Sprache finden sich in der Videoarbeit „Como el agua ...“ wieder: Hier ließ die Künstlerin Zeichnungen aus ihrem Unterbewusstsein strömen, ähnlich wie es die Surrealisten mit ihrem „automatischen Schreiben“ hielten. Im Nebenraum hören wir eine Klanginstallation von Vogellauten. Eindrucksvoll sind auch die darauf folgenden Werke: Extrem feiner Sand in perforierten Metallgefäßen bildet durch die Schwerkraft einzigartige Formen. Im Raum schwebende Messingschalen wecken Assoziationen an astronomische Messgeräte zur Navigation und an den zutiefst menschlichen Wunsch nach Orientierung.

Feinster Sand sickert durch Metall: die Arbeiten „Clepsidra“ (1996) und „Vasijas de  arena“ (1986).

Feinster Sand sickert durch Metall: die Arbeiten „Clepsidra“ (1996) und „Vasijas de arena“ (1986). / Guillem Bosch

Auch Irren ist menschlich, und einer der hinteren Räume der Ausstellung widmet sich den „Actos fallidos“ (Fehlschlägen): Die so betitelte Serie wirkt fast leicht und spielerisch. Sie umfasst Arbeiten aus Filz mit ausgeschnittenen Buchstaben, die Sätze bilden wie „Como quien por contar las ovejas no advierte el lobo“ (Wie jemand, der beim Zählen der Schafe den Wolf nicht bemerkt) oder „Como quien por escupir la cáscara se traga el hueso“ (Wie jemand, der beim Ausspucken der Schale den Kern verschluckt). Diese Wendungen würden sich hervorragend für eine Fortsetzung von Alanis Morissettes Song „Ironic“ eignen.

Im vorletzten Saal verweist die Videoprojektion „Blind Spot“ auf die blinden Flecke in der Geschichte – die unausgesprochenen Kapitel, erlebt von den Frauen. Zuvor gibt es bei Arbeiten aus der Serie „Palabras“ deutsche Wörter wie „Daseinsfreude“ oder „Zaghaftigkeit“ zu lesen, und dazu noch eine Hommage an Hildegard von Bingen. Die deutsche Mystikerin schuf im 12. Jahrhundert die „Lingua ignota“, eine konstruierte Sprache. Lootz betont beim Rundgang, dass die auf zahlreichen Gebieten der Wissenschaft und Kunst aktive Benediktinerin auch eine der ersten war, die über den weiblichen Orgasmus sprach. Eine beeindruckende Frau, die sich ebenso wie Eva Lootz nicht mundtot machen ließ.

Eva Lootz „Ho tinc a la punta de la llengua“, Vernissage: 5. Februar, 19 Uhr. Die Schau ist bis 12. April zu sehen. Casal Solleric (1. Stock), Passeig del Born, 27, Palma. Di.–Sa. 10–20 Uhr, So. und Feiertage 11–14.30 Uhr.

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