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Zwischen KI, Dinosauriern und Fabelwesen: Diese Schau in Palma spielt mit der Wahrheit

Trauen Sie Ihren Augen nicht: Der preisgekrönte Fotograf Joan Fontcuberta lädt im Casal Solleric auf eine wilde Reise ein, bei der uns unter anderem ein fiktiver deutscher Zoologe begegnet

Joan Fontcuberta mit einem sehr fotogenen Dinosaurer.

Joan Fontcuberta mit einem sehr fotogenen Dinosaurer. / Manu Mielniezuk

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Brigitte Rohm

Brigitte Rohm

Zwei deutsche Besucherinnen stehen vor einer Wand und betrachten die Schwarz- Weiß-Fotografie eines exotischen Baumes. Oder zumindest glauben sie das am Anfang. „Diese Pflanze sieht irgendwie komisch aus“, sagt eine von ihnen zweifelnd – und ist damit auf der richtigen Spur. Denn was hier in der Beletage des Casal Solleric präsentiert wird, sind kuriose Blüten, die die Kreativität eines Meisters der Fiktion getrieben hat: Joan Fontcuberta (Barcelona, 1955), der unter anderem Preisträger des Premio Nacional de Fotografía ist, interessiert sich seit Jahrzehnten dafür, die Wahrhaftigkeit von Fotografie infrage zu stellen. Die aktuelle Ausstellung „Wunderkammer“ versammelt verschiedene Projekte aus diesem Zweig seines vielseitigen Schaffens, mit und ohne den künstlerischen Einsatz von KI.

Im Falle jener Fantasie-Flora, die die Deutschen verwirrte, handelt es sich um die „Vervollständigung“ der Chroniken von der spanischen Kolonisierung Amerikas: Fontcuberta fütterte ein KI-Programm mit den wortgenauen Beschreibungen von Bernabé Cobo, der im 17. Jahrhundert eine „Geschichte der Neuen Welt“ verfasste. Der Saaltext, den man speziell bei dieser Ausstellung unbedingt lesen sollte, zieht eine Parallele zwischen unserem Gefühl der Überraschung – und der Furcht – angesichts der Errungenschaften der KI und jenem Staunen, das die Neue Welt vor Jahrhunderten bei ihren „Entdeckern“ hervorrief.

KI-generierte Pflanzen aus der „Neuen Welt“.

KI-generierte Pflanzen aus der „Neuen Welt“. / Brigitte Rohm

Der Künstler spielt hier gewissermaßen Gott

Zeitgenössische Besucher der Schau in Palma finden nun wiederum in jedem Raum eine neue Überraschung vor. Der Rundgang beginnt mit einem „Kinosaal“, in dem die Videoinstallation „Génesis.IA“ von 2025 für kognitive Reizüberflutung sorgt. Der Künstler spielt hier gewissermaßen Gott und rezitiert in einer Schleife die Verse des Alten Testaments zur Schöpfung der Welt in zwölf Sprachen. Für die KI ist dieses babylonische Stimmengewirr bloß eine Sammlung von Prompts, die sie in Bilder von Licht, Dunkelheit, dem Garten Eden und imposanten Landschaften verwandelt.

Im zweiten Raum unterzog Fontcuberta einer seiner Serien von 1982–84 einer Neubetrachtung: „Herbarium“ ist ein weiterer Ausflug in die Botanik, inspiriert von den streng-formalen Pflanzenfotografien des deutschen Fotografen Karl Blossfeldt (1865–1932). Die Bilder erscheinen auf den ersten Blick wie wissenschaftliche Fotos von exotischen Pflanzen, unterstützt von seriös wirkenden lateinischen Titeln. Tatsächlich sind es aus verschiedensten Materialien zusammengesetzte Fantasie-Gebilde. Mithilfe von KI ergänzte Fontcuberta dazu ein „eHerbarium“, das nach dem gleichen Prinzip neue abstruse Ergebnisse schuf.

Die lange verschollenen Archive eines deutschen Zoologen

Von der fabulierten Flora zu einer absolut haarsträubenden Fauna geht es in den anschließenden Räumen. Sie zeigen eines der bekanntesten Projekte des Fotografen, das in Zusammenarbeit mit dem Autor und Fotografen Pere Formiguera entstand und dem schon in zahlreichen Ländern die Besucher auf den Leim gegangen sind. Die Prämisse hier: Beide „entdeckten“ in den 1980er-Jahren die lange verschollenen Archive des deutschen Zoologen Dr. Peter Ameisenhaufen, der 1895 geboren wurde und 1955 unter mysteriösen Umständen verschwand. Einer seiner treuen Mitstreiter bei den Expeditionen: der „mittelmäßige Biologe, aber bemerkenswerte Fotograf“ Hans von Kubert – man beachte die „subtile“ Namensverwandtschaft zu den Künstlern.

Ein fiktives Wesen aus der Serie „Fauna" von Joan Fontcuberta.

Ein fiktives Wesen aus der Serie „Fauna" von Joan Fontcuberta. / Manu Mielniezuk

Der vermeintliche Forscher interessierte sich brennend für die „Ausnahmen von der Theorie der darwinistischen Evolution“, für das Studium von Hybriden, Mutationen und genetischen Missbildungen. Ameisenhaufens „Vermächtnis“ ist mit einer verblüffenden Liebe zum Detail ausgebreitet: Es gibt Präparate von monströsen Kreaturen, Fotografien der Geschöpfe in ihren natürlichen Lebensräumen oder in Laborsituationen, detaillierte Feldnotizen und Zeichnungen, sogar ein authentisch wirkendes Entlassungsschreiben der Ludwig Maximilian Universität in München an den auf Abwege geratenen Professor. In einem Interview sagte Fontcuberta einmal, dass während der Ausstellung 1989 im Naturkundemuseum von Barcelona „30 Prozent der Besucher im Alter von 20 bis 30 Jahren mit Hochschulbildung glaubten, dass einige unserer Tiere tatsächlich existiert haben könnten.“

Dinosaurier und fiktive Landschaften

Ein anderes Projekt befasst sich mit Tieren, die wahrhaftig die Erde bevölkerten, aber zugleich unsere Fantasie beflügeln und zu kulturellen Ikonen geworden sind: den Dinosauriern. Der Fotograf beleuchtet unsere Besessenheit, sie wieder zum Leben zu erwecken, ob in Filmen wie „Jurassic Parc“ oder mit stümperhaften Nachbildungen in Vergnügungsparks. Der Velociraptor in der Schau beißt übrigens nicht und hält auch für ein Selfie still.

Einmal mehr in die KI-Trickkiste greift Fontcuberta mit „Orogènesi“ („Gebirgsbildung“). Hier „überlistete“ er den 3D-Landschafts-Generator Terragen, der zum Erstellen fotorealistischer Grafiken dient. Statt mit kartografischen Vorgaben ließ er das Programm mit Gemälden der Kunstgeschichte und historischen Fotos arbeiten. Das Ergebnis sind fiktive Landschaften: Die Pyramiden von Dahschur werden zu Bergen, ein in Öl gemalter Himmel zu einem Flussdelta. Und der Fotograf macht sich die neue Technik Untertan.

Joan Fontcuberta, „Wunderkammer“, bis 5. Juli, Casal Solleric, Passeig del Born, 27, Palma. Di.–Sa. 10–20 Uhr, So. 11 14.30 Uhr, Eintritt frei.

Mit Nuria Mora zum Grund des Meeres tauchen

Zeitgleich mit „Wunderkammer“ hat die Ausstellung „Había en el fondo del mar“ eröffnet. Die spanische Künstlerin Nuria Mora schuf dabei drei ortsspezifische Installationen: im Innenhof, an der Fassade und im Schaufenster; sie verwandelte den architektonischen Raum in eine farbige Unterwasserwelt. Dabei arbeitete sie mit dem Verweis auf gesun kene Wracks als Zeitkapseln und auf das Meer als Erinnerungsträger. Das zentrale Element im Patio, ein Gebilde aus Keramik, Netzen und Seilen, erinnert an ein schwebendes Korallenriff. Aus Sicht der Künstlerin ist es eine Metapher für ihre Familie, an deren Struktur die raue See (Tode, Trennungen und Konflikte) rüttelte.

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